Warum hat Podcastkritik immer noch einen Ausnahmewert? Warum kann ich, nachdem ich einen Podcast gehört habe, nur in besonderen Fällen andere Stimmen dazu lesen oder hören, einen Austausch finden, wie ihn Buch- oder Filmkritiken leisten? Trotz des ungebrochenen Podcast-Hypes: Eine Kritik findet kaum statt. Das ist ein Manko, wie ich finde. Für mich ein Anlass, nach den Ursachen zu fragen, nachzudenken, was eine Kritik leisten sollte. Und ein Grund, zu sammeln, wo sich jetzt schon Ansätze einer Podcastkritik finden lassen.

Orientierung und Feedback

Neben dem Wunsch, eigene Hörerlebnisse abzugleichen, wäre eine Kritik auch als Orientierung wünschenswert. Unter den vielen Produktionen die Perlen herauszufischen ist schon eine Aufgabe für sich (die die iTunes-Charts von Apple nicht leisten könnten). Viele Autor*innen haben zudem ein Interesse an einer analytischen Auseinandersetzung anderer mit ihrer Arbeit – als Feedback, das es ihnen ermöglichen könnte, sich weiterzuentwickeln.

Podcast über fehlende Podcast-Kritik

In „Frequenz“, dem „Meta-Podcast“ des Podcast-Labels „Viertausendhertz“ äußerte Christian Conradi diesen Wunsch. Er diskutierte zusammen mit den anderen beiden Gründern des Labels in der Folge vom 14. März „Hype und Kritik“ zum Thema. Die drei fragten, warum es der Podcast bislang noch nicht ins Feuilleton geschafft habe. Was mich zum Nachdenken darüber gebraucht hat, ob das der richtige bzw. der einzige Ort wäre. Es fehlten noch die notwendige Kompetenz und Übersicht über die Produktionen, um sie einordnen zu können, hieß es in der Sendung. Medien hätten generell kein großes Interesse an Audio-Produktionen. Da ist etwas dran: Wann liest man schon mal eine Besprechung einer neuen Hörfunk-Sendung?

Vielfalt macht Zuordnung schwer

Tendenziell würde ich eine Podcastkritik eher im Ressort Medien verorten, zumindest den größeren Teil der nicht-fiktionalen. Was aber auch gleich zu einem Problem der Fragestellung führt, denn „Podcast“ bezeichnet ebenso wenig wie „Buch“ eine Gattung und ist ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Produktionen, von „Laberpodcast“ über Interviewformate, vorgelesene Geschichten zum Einschlafen bis hin zu aufwendig produzierten, mehrteiligen True-Crime-Features. Es gäbe schon sehr viele Plätze für sehr unterschiedliche Formen der Podcastkritik. Und es sagt auch mehr über die Starre klassischer Ressorts als über das Format Podcast aus, dass es in so gut wie keinem bislang eine feste Rubrik dafür gibt.

Professionelle Auseinandersetzung mit einem „Laienmedium“?

Vermutlich fehlt die Kritik bislang auch deshalb, weil Podcasts wie Blogs in einem nicht-professionellen Umfeld entstanden sind und deswegen – natürlich zu Unrecht – immer noch den Anstrich des „Laienmediums“ haben. Als solches erzeugen sie offenbar eher Abwehr oder Misstrauen statt den Wunsch, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Journalist*innen beobachten manchmal eher unwillig, wie klassische Formate und Konventionen des Radiomachens über Bord geworfen werden.

Macht mehr Werbung für Podcasts!

Hinzu kommt: Podcaster*innen haben keine „Lobby“: Kein Verleih steht hinter ihnen, der Anzeigen schaltet, die oftmals ganze Beilagen mit Rezensionen überhaupt erst möglich machen, keine Produktionsfirma, die Pressemitteilungen verschickt oder Journalist*innen über spannende neue Produktionen informiert. Meine These stützt, dass die Pressemitteilung zu der WDR-Produktion „Tod eines Stasi-Agenten“ zu einer recht ausführlichen Kritik bei epd-Medien geführt hat, deren erster Teil im Blog des Autoren Alexander Matzkeit zu lesen ist.

Vielleicht ändert sich das, wenn die ersten Labels, die gerade entstehen, neben Viertausenhertz jüngst auch Hauseins, für neue Produktionen auch werben werden? Vielleicht gibt es in Zukunft neben Einladungen zu Previews für Medien auch Termine für Pre-Hearings? Einen Versuch wäre es wert.

So könnte es gehen

Wie nun könnte eine professionelle Podcast-Kritik aussehen? Sie sollte:

  • beschreiben, worum es geht, ohne den Inhalt vorwegzunehmen
  • inhaltliche Verknüpfungen aufzeigen, darstellen, inwieweit gesellschaftlich-relevante Themen aufgegriffen werden und wie sie behandelt werden
  • den Podcast, soweit möglich, einem Genre zuordnen – oder aber beschreiben, inwiefern Grenzen überschritten werden bzw. neue Formen etabliert werden
  • den Podcast in eine Reihe mit anderen stellen, auf Vorbilder verweisen oder aber bewusste Abgrenzungen aufzeigen
  • ästhetische Kriterien untersuchen, beschreiben, wie die Form den Inhalt unterstützt, zum Beispiel durch O-Töne, besondere Erzählstrukturen oder durch den Einsatz von Musik oder Atmo

Fundstellen für Podcast-Hinweise und Ansätze der Kritik

Nicht alle Podcast-Produktionen bieten überhaupt den Stoff für eine derart umfassende Kritik. Ein Anfang ist deshalb auch schon damit gemacht, dass es Hinweise oder Besprechungen gibt, die sich auf die inhaltliche Ebene konzentrieren. Und davon lässt sich einiges finden:

„Online-Only Magazin“ Podcast-GmbH: Regelmäßige Podcast-Empfehlungen mit jeweils zwei Meinungen zu einem Podcast, dazu News aus dem Podcast-Universum, von insgesamt sechs Autor*innen, die sich auskennen, weil sie Podcasts nicht nur konsumieren, sondern auch produzieren.

piqd: Bei piqd.de (über die ich hier schon einmal geschrieben habe) filtern Kurator*innen auf verschiedenen Kanälen relevante und beachtenswerte Inhalte aus dem Netz – so auch Videos und Podcasts im entsprechenden Kanal. Einmal in der Woche informiert ein Newsletter über Produktionen.

Sandro Schroeder bringt den lesenswerten Newsletter Hören/Sagen über Audio und Podcasts heraus – und schreibt darin immer wieder auch über einzelne Podcasts.

Die Sendung Breitband ist das einzige Format eines klassischen Mediums (Deutschlandfunk Kultur) in der es eine wiederkehrende, wenn auch nicht ganz regelmäßige Rubrik „Podcastkritik“ gibt. Die Kritik zu „Today Explained“ in der Sendung vom 24.3. 2018 von Sandro Schroeder ist ein gutes Beispiel, wie man sich eine Kritik im Idealfall vorstellen würde.

Der Autor und Podcaster und Heiko Behr schreibt in seinem Blog über „über die Arbeit der anderen: interessante Podcasts, tolle Features und generell Audiothemen – und was ich daraus lernen kann für meine tägliche Arbeit“.

Sara Hoshyari ist eine Podcast-Kennerin. In ihrem Blog hearundjetzt gibt sie Empfehlungen – bislang englischsprachiger Podcasts. In der oben zitierten Sendung von Viertausendhertz ist sie mit einer Audio-Kritik dabei.

Internationale Podcasts (USA) gibt es im Blog Constant Listener. Der Autor Ben Cannon sieht das gleiche Manko, das ich im Text beschreibe, und verfolgt in seinem Blog einen publikumsorientierten Ansatz:

At its heart, the role of the critic is to illuminate; not simply seeking to appraise works, but to teach audiences how to listen more completely and engagedly.

Marcus Anhäuser hat die Idee einer Podcastkritik zum Podcast gemacht: „Hab‘ ich gehört, fand ich gut“ präsentiert handverlesene Audiostücke – bislang erst mal nur drei, kann gerne weitergehen.

Und auch im oben genannten Podcast „Frequenz“ von Viertausendhertz soll es zukünftig regelmäßig Podcastkritiken geben, Start Folge 28.

Bei Twitter empfehlen einzelne Podcast-Hörer*innen immer wieder Podcasts, oftmals mit dem Hashtag #Podcastempfehlung #Podcastkritik oder auch #Klangstrecke.

To be continued…

Wenn die klassischen Medien sich auch weiterhin bedeckt zeigen: Im Netz gibt es Orte, um sich über Podcasts auszutauschen. Immerhin bleiben den Autor*innen hier (noch) die herablassenden Kommentare der professionellen Kritiker*innen erspart, die viele Literaturblogs aus bestimmten Ecken der professionellen Literaturkritik zu hören bekommen.