Dirk von Gehlen hat sich in einem spannenden Format mit dem Thema der Aufmerksamkeitsökonomie auseinandergesetzt und ein so genanntes „Minifesto“ geschrieben. Publiziert zur freien Lektüre hat er den Text auf Blinkist, einer Plattform, die üblicherweise Zusammenfassungen von Sachbüchern anbietet. Der Clou: Von dieser „Zusammenfassung“ gibt es gar keine Langversion. „Wesentlich weniger“ das „Minifesto für aufgeklärte Aufmerksamkeit“ ist als Zusammenfassung schon der eigentliche Text. Ich habe aufgeschrieben, warum ich dem Minifesto nur bedingt glaube und mir dir Langfassung wünsche. Und vielleicht ist genau dieser Wunsch der eigentliche Clou dieses Minifestos?
Dirk verspricht, sein Minifesto sei in 1000 Sekunden zu lesen. Wer die Zeit aufbringen mag, sollte sie sich gönnen, weil mein Text auf die Zusammenfassung der Zusammenfassung verzichtet. Stattdessen picke ich einzelne Thesen heraus, die mir aber auch in sich verständlich erscheinen, und nähere mich dabei mit ca. 660 Sekunden vermuteter durchschnittlicher Lesezeit der Länge des Minifestos selbst. Meinen Text start ich mit einer Frage:
Ist Aufmerksamkeit die einzige „Währung“?
Die zentrale These, ein kurzer Text schone meine Aufmerksamkeit, irritiert mich. Darin schwingt mit, ich sei schneller damit fertig, wenn ein Text sich aufs Wesentliche konzentriere, was aber nicht stimmt. Verdichtungen machen Texte häufig schwieriger. Sie fordern deshalb mehr von meiner Aufmerksamkeit, wenn ich sie verstehen will.
Und das ist meine grundsätzliche Frage: Ist es überhaupt sinnvoll, sich nur mit der Aufmerksamkeit zu beschäftigen, die ein Text erreicht? Sie ist nur ein Ziel, der Anfang eines längeren Prozesses. Was folgen könnte, ist ein Verstehen, und daraus resultiert im besten Fall Erkenntnisgewinn. In einem weiteren Schritt kann ein Text eine produktive Weiterverarbeitung motivieren, vielleicht auch eine Bindung an den/die Autor*in oder an das Medium, in dem der Text erscheint.
Um Verknappung zum „Publikationsprinzip des 21. Jahrhunderts“ zu erheben, müsste ein kurzer, wesentlicher Text also all das leisten können. Und damit wird es komplexer.
Die Hamburger Kommunikationsforscher Friedemann Schulz von Thun und Reinhard Tausch haben vor vielen Jahren ein Modell entwickelt, mit dem sie vier Faktoren für Verständlichkeit definieren. Kürze ist einer davon, interessant ist dabei: Ab einer bestimmten Kürze wird ein Text unverständlich. Es gibt so etwas wie einen Kippunkt. Ein weiterer der vier Faktoren sind so genannte „anregende Zusätze“. Interessanterweise nutzt Dirk diese mit Zitaten und Anekdoten in seinem Minifesto auch – und nimmt dabei in Kauf, dass sie seinen Text länger machen.
Was den Verständlichkeitsforschern zum Teil vorgeworfen wird, in späteren Auflagen auch mehr berücksichtigt worden ist, ist ein zentrales Argument: Zum Verständnis, auch zur Aufmerksamkeit, gehören immer mindestens zwei: der Text und die/der Leser*in. Dazwischen gibt es dann noch eine vermittelnde Instanz, die den Text zu mir bringt. Diese halte ich für den Faktor der initialen Aufmerksamkeit (die man von der bei der Lektüre des Textes unterscheiden sollte) für maßgeblich. Egal ob kurz oder lang: Legt mir eine gute Freundin, ein Mensch, dessen Einschätzung ich sehr schätze, einen Text ans Herz, so hat dieser meine Aufmerksamkeit allein durch die Empfehlung gefunden, egal, wie kurz oder lang er ist. Ob ich ihn dann lese, verstehe, Erkenntnis gewinne, geschieht auf weiteren Ebenen. Gerade aber für Phase eins der Aufmerksamkeit spielt die Länge eine untergeordnete Rolle.
„Ausschweifende, lange und zeitintensive Inhalte gelten als erstrebenswert und klug“
Daran glaube ich nicht. Wie oft lese ich in Rezensionen: Das Buch ist sehr gut, aber mit 200 Seiten weniger wäre es noch besser? „Einfach ist am schwierigsten“ gilt schon lange als Maßstab für Texte. Gleichzeitig ist vom „Häppchenjournalismus“ die Rede, wird die Kürze von Radiobeiträgen als oberflächlich kritisiert, wird an Podcasts geschätzt, endlich einmal genug Raum zu haben, um Dinge länger zu besprechen, tiefer zu analysieren. Was ist also, wenn schon längst beides stimmt? Wir schätzen sowohl die pointierte Analyse als auch das ausschweifende Gespräch und profitieren von beiden, am besten vielleicht in Kombination?
„Wertvoll wird, was Aufmerksamkeit spart“
Ein Text, der für mich nicht relevant ist, den ich nicht verstehen kann, der mich nicht weiter bringt, frisst meine Aufmerksamkeit, egal ob er kurz oder lang ist. Wertvoller ist deshalb, was Aufmerksamkeit auf das für mich Relevante lenkt. Statt mich mit zehn Texten zu beschäftigen, die mir mein Thema in sieben kurzen Thesen verkaufen wollen, aber dabei weder Anregungen noch neue oder weiterführende Erkenntnisse liefern können, möchte ich den einen lesen, der gerne den doppelten Umfang haben darf, aber viele wertvolle, weiterführende Informationen enthält. Und den finde ich meistens durch Menschen, die ihn empfehlen, durch Autor*innen, denen ich vertraue, durch Medienmarken, die ich mit bestimmten Erwartungen verknüpfe.
„Für Inhalt gibt es zweidimensionale Einheiten: Länge und Breite. Aufmerksamkeit hingegen messen wir vor allem in Tiefe.“
Ich würde eine dritte Einheit für den Inhalt ergänzen, die wesentlich ist für den Erkenntnisgewinn: die Komplexität, also das Maß, in dem Verknüpfungen und Zusammenhänge aufgezeigt und erklärt werden. Das Maß an Komplexität und wie ich sie verständlich darstellen kann, macht einen Text wertvoll, weil es zur Erkenntnis beiträgt. Je komplexer ein Text, desto mehr Aufmerksamkeit erfordert er allerdings, desto höher aber auch sein Erkenntnisgewinn. Kürze oder Länge sind dann gar nicht mehr die entscheidenden Kriterien.
„Ich glaube, dass es deshalb an der Zeit ist, die kurzen Inhalte zu loben – denn sie sind wesentlich“
Kurz alleine führt noch nicht wesentlich. Ich muss zuerst das Wesentliche erkannt haben, um dann die Komplexität reduzieren zu können. Der Weg dahin ist voller Schleifen, scheinbar nebensächlicher Erkenntnisse, die aber wieder zu neuen Erkenntnissen führen können. „Steuern und driften“ als Erkenntnisprinzip. An keiner Stelle habe ich das so gut verstanden, wie an den Illustrationen des Stiers von Picasso. Der Maler gelangt in verschiedenen Variationen des Stiers zu dem, was ihn als Wesentliches ausmacht. Er veröffentlicht das als Serie – und macht damit den Weg zur Abstraktion nachvollziehbar.

An dieser kurzen Abhandlung wird deutlich, dass das Wesentliche noch viel reicher wird, wenn wir nachvollziehen, wie jemand dazu gefunden hat, wenn er die Schleifen und Wendungen beschreibt.
Ich habe das Beispiel übrigens im Buch über Komplexität von Dirk Brockmann gefunden – ein ganzes Buch, kein kurzer Text. Ein Buch, das für mich zu den besten aller Sachbücher gehört, die ich bislang gelesen habe, und das ich in verschiedensten Kontexten immer wieder zitiere. Es sind Beispiele dieser Art in dem Buch, Zeichnungen des Autors, die gar nicht zum Wesentlichen der Ausführungen gehören, die sich aber in meinem Gedächtnis fest eingenistet haben und die das Buch für mich wertvoll machen.
„Verknappung wird zum relevanten Publikationsprinzip des 21. Jahrhunderts“
„Alles gesagt“ ist ein Podcast des ZEIT-Verlags, in dem Jochen Wegner und Christoph Amend Gespräche mit Prominenten von bis zu acht Stunden Länge führen. Er steht noch im Juli dieses Jahres in den „podwatch charts“ auf der Rangliste der 100 erfolgreichsten Podcasts Deutschland auf Platz 31 – und das mehr als fünf Jahre nach seinem Erscheinen. Der Podcast ist das Gegenteil jeder Form von Verknappung, die Produzent*innen verzichten sogar darauf, kurze, prägnante Zitate über Social Media aus den Gesprächen zu veröffentlichen. Ich selbst finde manche Episoden auch anstrengend, auch hier gibt es einen Kipppunkt. Was aber sehr oft gelingt: Durch die Länge bringen die beiden Hosts ihre Gäst*innen zu Aussagen, die das Gespräch von unzähligen anderen Interviews abheben. Die angenehme Atmosphäre, die scheinbar unbegrenzte Zeit, die vor den Gesprächspartner*innen liegt, verleitet sie zu Gedankengängen jenseits der eingeübten pointierten Botschaften. Das ist gerade für Hörer*innen interessant, die die Befragten aus anderen Gesprächen schon gut kennen. Klar wird aber auch: Diese lange Version funktioniert eben auch nur mit bekannten Menschen, von denen wir wirklich schon fast „alles gehört“ haben.
„Je wesentlicher, desto wertvoller. (…) Konzentrierte Texte sparen meine Zeit.“
Wie ist wertvoll definiert? Ist ein Text wertvoller, den viele lesen, als ein Text, den viele verstehen? Und ist die Kategorie „wertvoll“ bei einem Text überhaupt sinnvoll, ohne Leser*innen mitzudenken, und zwar mit anderen Kriterien als ihrem Zeit- und Aufmerksamkeitsbudget?
Was ist das Ziel, wenn ich einen Text lese? Was ist mein Wissenstand? Bin ich Expertin auf einem Gebiet und habe das Wesentliche schon längst durchdrungen – dann langweilt mich ein konzentrierter Text, weil ich vielleicht eher an einem nerdigen Detail Interesse habe. Zum wiederholten Male das Wesentliche zu lesen, verschwendet meine Zeit. Es gibt nicht den einen effizienten Text für alle, nicht den einen guten, wesentlichen Text, wenn wir durch die Digitalisierung doch längst in die Phase des „das Ende vom Durchschnitt“ eingetreten sind.
„Es bedarf viel Arbeit, das Wesen einer Sache zusammenzufassen und ist eine Höflichkeit den Lesenden gegenüber.“
Ja. Aber: Wäre es nicht genauso eine Höflichkeit, zu erklären, wie ich auf das Wesentliche gekommen bin, so wie Picasso bei seinen Stierzeichnungen? Erläuterungen, Anekdoten sind für Leser*innen unerlässlich, um den Text besser zu verstehen, sich eine eigene Meinung zu bilden, um aus dem Gelesenen zu neuen Gedanken zu kommen. Wir brauchen sie, um Verbindungen zu schaffen, zu neuen Erkenntnissen und Ideen zu gelangen. Es ist eine Form von Höflichkeit, neben dem Verstehen auch diese kreativen Ergebnisse durch einen Text zu ermöglichen. Und vielleicht ist noch viel höflicher, den Leser*innen die Wahl zu lassen: selbst zu entscheiden, was sie lesen möchten, die kurze oder die lange Fassung?
„Die Zahl der Aufrufe schafft in der Aufmerksamkeits-Ökonomie einen eigenen Wert.“
Der quantitative Zugang zur Definition von Aufmerksamkeit erscheint mir überholt. Wichtig ist auch die Tiefe, weil die Erinnerung an einen Text, den ich mit Interesse gelesen und verstanden habe, eine deutlich intensivere Beziehung schafft: zu den Autor*innen genauso wie zum Medium. Auf den Social-Media-Plattformen ist dieser qualitative Sprung schon geschehen: Interaktion schlägt reine likes und Aufrufe.
„Auf Spotify gibt es Songs, die noch nie abgespielt wurden. Kann man wirklich behaupten, dass diese Songs existieren?“
Ja. Denn: Es gibt Menschen, die schreiben Songs und Bücher nur aus dem Grund, dass sie selbst für sich daraus Gewinn ziehen. Für sie existieren sie und es reicht die Möglichkeit, dass sie gehört bzw. gelesen werden könnten. Oder: Vielleicht reicht es auch, dass ein einziger Mensch den Song auf Spotify hört. Wenn es der richtige Mensch ist, könnte er ihm dennoch zu großer Bekanntheit verhelfen. Oder aber dieser eine Mensch sollte mit dem Song erreicht werden, und es hat eine große Bedeutung, dass er publiziert worden ist.
„Wie wäre es, wenn wir Texte produzieren, die gelesen und nicht nur gesehen werden?“
Wie wäre es, wenn wir Texte produzieren, die verstanden und nicht nur gelesen werden? Und was heißt heute eigentlich lesen? Das führt zu einer weiteren, grundsätzlichen Frage an das Minifesto:
Wie lange werden wir mit reinem Text in geschriebener Sprache noch Aufmerksamkeit finden?
Welches Verständnis haben wir von Text? Für Menschen, die sich viel, wenn nicht ausschließlich im Internet informieren, ist ein zweidimensionaler Text, wie er auf Blinkist präsentiert wird, vermutlich wenig attraktiv. Es fehlen Links, Bilder, die Möglichkeit, einzelne Stellen direkt zu teilen. Ein so „flacher“ Text missachtet die Bedürfnisse einzelner digital erfahrenen Leser*innen so maßgeblich, dass er unattraktiv wird – so kurz er auch sein mag.
Ich wünsche mir die Langversion!
Das Minifesto hat meine Aufmerksamkeit gewonnen, ich habe vermutlich vieles verstanden, es hat mich angeregt, weiter zu denken und ich habe sogar einen eigenen Text dazu geschrieben – also alles richtig gemacht. Ich habe ihn aber nicht gelesen, weil er so schön kurz ist, sondern weil ich Dirk als Autoren kenne, viel von ihm gelesen habe und schätze. Ich war neugierig, weil das Format klug ist und mit dem Inhalt korrespondiert. Ich habe den Text gefunden, weil er mir während einer Veranstaltung und auf Social Media angeteasert wurde. Ich habe ihm meine Aufmerksamkeit geschenkt und weitaus mehr Zeit als die anvisierten 1000 Sekunden investiert, was ich nicht bedauere. Doch das ist nur der Anfang. Ich würde gerne mehr verstehen und nachvollziehen, wie einige der Thesen entstanden sind. Ich wäre dankbar und fände es sehr höflich, noch Fußnoten und Querverweise zu bekommen, weil mich das Thema Aufmerksamkeit in Zeiten der Digitalität schon länger interessiert. Kurzum: Ich wünsche mir die Langversion zu „Weniger ist mehr“.
Weitere Texte:
- Ein Hoch auf Zerstreuung und Zufall – Politisches Feuilleton als Text bei Deutschlandfunk, mit Marius Hasenheit
- „Traditionelle Konzentration und digitale Konzentration“ von Philippe Wampfler
- Die Kunst, sich nicht ablenken zu lassen – meine Rezension zum Buch von Nir Eyal mit Julie Li hier im Blog