Das Ende des Durchschnitts — wie wir ihn kannten

Dirk von Gehlen hat Anfang des Jahres ein neues Buch veröffentlicht – „Meta! Das Ende des Durchschnitts“. Eine Lektürebeschreibung.

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Wenn am Sonntagabend der „Tatort“ startet, gibt es einige Menschen, die viel Wert darauf legen, pünktlich ab 20.15 Uhr „live“ zuzuschauen, obwohl es dank Mediathek und Aufnahmemöglichkeit eigentlich keinen Grund mehr dafür geben sollte. Sie aber haben einen: Sie möchten den Tatort live-twitternd unter #tatort via second screen kommentieren, analysieren, die Dialoge bewerten und sich austauschen. Die Tatort-Fans verhalten sich damit freiwillig wieder so wie die Zuschauerinnen und Zuschauer in den Zeiten, als das Fernsehprogramm nur zur ausgestrahlten Zeit zu empfangen war und unseren Tagesablauf strukturierte. Was neu ist: Sie produzieren mit ihren Tweets neue Inhalte, neue Texte, neue Daten.

Ich musste an diese Tatort-Tweets denken, nachdem ich das aktuelle Buch „Meta! Das Ende des Durchschnitts“ von Dirk von Gehlen gelesen hatte. Er ist Journalist und Leiter Innovation bei der Süddeutschen Zeitung und beschreibt, wie sich in der Kultur, Automobilindustrie, im Gesundheitsbereich und selbst im Sport ein immer gleiches Phänomen beobachten lässt: Der Mainstream als kleinster gemeinsamer Nenner hat ausgedient. Wir leben im Zeitalter der Personalisierung – die Digitalisierung macht es möglich, dass wir das Produkt, die Zeitung, die Playlist kaufen oder abonnieren können, die unseren persönlichen Anforderungen und Wünschen am meisten entspricht. Wie unsere Vorlieben aussehen, lässt sich im Zuge der Digitalisierung immer feiner, immer passgenauer ermitteln.

Von der Lautsprecher- zur Kopfhörerkultur

Dirk von Gehlen nutzt ein sehr eingängiges Bild, um diese Entwicklung zu bezeichnen, wenn er vom Übergang von der „Lautsprecher zur Kopfhörer-Kultur“ spricht: Werden Informationen in der Lautsprecherkultur noch vom Absender definiert und für alle Empfänger gleich weiterverbreitet, bestimmt in der Kopfhörer-Kultur die Empfängerin selbst, was sie wann hören will, wie laut und wo. Durch diese individuelle Rezeption formt sie die Information gleich mit, denn sie bestimmt, was für sie wichtig und relevant ist. Zudem produziert sie in ihrer Nutzung so genannte Meta-Daten, die in Zeiten der Digitalisierung bis aufs kleinste Detail erfassbar und verwertbar geworden sind, um immer passgenauere Angebote zu schaffen.

Was hat das nun mit den Menschen zu tun, die beim Tatort twittern? Parallel zu diesem Wandel gibt es auch gegensätzliche Entwicklungen, die Entstehung eines „neuen Durchschnitts“, wie es später im Buch heißt. Das ist zum Beispiel die Community der twitternden Tatort-Fans, die sich dank eines digitalen Dienstes unter einem Hashtag zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten über ein und den gleichen Film austauschen – sie eint, dass sie ihn alle gleichzeitig sehen. Jahrzehntelang konditionierte Rezeptionsgewohnheiten werden durch die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung zunächst über Bord geworfen, um sich in anderen Zusammenhängen neu zu konstituieren. Ob der Titel des Buches „Das Ende vom Durchschnitt“ damit so glücklich gewählt ist? Ich würde ergänzen: „wie wir ihn kannten“.

„Meta“ ist das dritte Buch von Dirk von Gehlen und zugleich die Klammer aller seiner bisherigen Veröffentlichungen, in denen es um digitale Kopien, verschiedene Versionen von Inhalten und diesmal um die Bedeutung des Kontextes geht. Dieser speist sich aus eben jenen Meta-Daten, die – etwas bei einem Buch – bei der Produktion und bei der Rezeption entstehen. Aus ihnen erwächst ein Bedeutungsgehalt, der den eigentlichen Inhalt erweitert und in der Summe aller Rezeptionen wichtiger wird als dieser Inhalt selbst – so eine der grundlegenden Thesen des Textes.

Versuchsbeschreibung

Wenn ich über ein Buch, schreibe, das den Kontext über den Inhalt erhebt, muss ich natürlich berichten, wie ich es gelesen habe. „Das Buch“ ist allerdings irreführend. Denn Dirk von Gehlen hat dieses Projekt, wie auch den Vorgänger, „Eine neue Version ist verfügbar“ als Experiment konzipiert, mit dem er das beschriebene Phänomen gleich selbst anwendet. „Meta“ ist deshalb in verschiedenen Ausgaben verfügbar:

  • die Präsentation, die die Grundidee zusammenfasst
  • das E-Book,
  • der Podcast,
  • die Standard-Print-Version,
  • die Print-Premium mit den Annotationen des Autors direkt am Rand
  • das limitierte Komplett-Paket, das alle Versionen inklusive einer Einladung zur Book-Release-Veranstaltung umfassen sollte

Interessanterweise war es aber trotz all dieser Möglichkeiten gar nicht so einfach, das Buch so zu lesen, wie ich es wollte. Als die ersten Menschen Anfang Februar schon Fotos des Titels im Netz veröffentlichten, wartete ich als Bestellerin des Komplett-Pakets noch. Doch es wurden leider nicht wie angekündigt die Bestandteile des Komplett-Paketes einzeln zugestellt, also auch das E-Book nicht. Um bei einer Social-Reading-Gruppe in Gemeinschaft lesen und diskutieren zu können, habe ich mir die digitale Version gekauft. Das Social Reading hat dann aber unter anderem wegen technischer Zugangsprobleme nicht funktioniert.

Der Podcast landete per we-transfer bei mir im Spam-Filter. Der Link war nicht mehr gültig, als ich die Mail irgendwann entdeckte. Der Verlag schickte mir einen neuen zu. Angekündigt war dieser Podcast als produziertes „Gespräch zwischen Autor und Lektor über die Entstehung und über mögliche Lehren aus dem Buchprojekt“. Zu hören war ein unbearbeiteter Mitschnitt der Release-Veranstaltung mit heftigen Nebengeräuschen – für den Rezeptionskontext „unterwegs hören“ einfach nicht geeignet.

In einem Experiment sind gerade die Brüche und Reibungen interessant. Hier zeigen sie, dass die beschriebenen Umwälzungen noch im Werden sind –  oder zumindest in verschiedenen Branchen unterschiedlich weit fortgeschritten. Wir wissen noch nicht genau, wie das Spiel ausgehen wird. In der Verlagsbranche verhindern derzeit noch herkömmliche Produktions- und Distributionsprozesse, dass Bücher so produziert, verkauft und gelesen werden, wie es heute schon denkbar ist. Ein Podcast war als Produkt in diesem Verlag bislang einfach nicht vorgesehen – deshalb erhielt ich dafür auch eine Rechnung mit der Produktbeschreibung „Buch“. Selbst ein so fortschrittliches Unternehmen wie der Matthes-Seitz-Verlag, der sich immerhin auf das Experiment eingelassen hat, steht noch am Anfang des Endes vom Durchschnitt. Andere Branchen sind aber schon deutlich weiter, etwa die Musikbranche oder auch die Gesundheitsindustrie – spannende Interviews dazu sind im Buch nachzulesen.

Rezeption in Rezensionen und Gedanken

Meine letzte Annäherung an das Buch lief über die einzelnen Rezensionen, die bislang zu lesen sind. Sie erschienen bislang vorrangig im Januar/Februar und konnten damals das Experiment als Ganzes noch gar nicht berücksichtigen. Aber auch die Kultur der Buchbesprechungen gehorcht traditionellen Regeln und berücksichtigt ein Buch dann, wenn es das erste Mal erscheint, und nicht, wenn alle seine Versionen vorliegen. Auch hier regiert noch der Durchschnitt.

Es gibt die schöne Vorstellung vom Buch als Gespräch. Bislang beschränkt sich das hier noch auf den Dialog zwischen mir und dem Text. Ein Anfang. Jetzt ist dieser hier dazu entstanden. Das Buch hat einige Gedanken angeregt, über die mich bislang noch nicht ausgetauscht habe, die ich aber spannend finde:

  • Was macht es mit uns als Gesellschaft, wenn sich aus der Masse, die gemeinsam vor dem einen Lautsprecher Informationen aufnimmt, Individuen entwickeln, die nur noch per Kopfhörer hören? Wenn nicht mehr alle zusammen vor dem Fernseher, sondern jeder vor seinem Endgerät sitzt und den eigenen Film schaut? Was fällt damit weg, was gewinnen wir? Und wo anders als beim Twittern zu #tatort finden wir wieder zusammen?
  • Große Potenziale birgt das „Ende des Durchschnitts“ für den individualisierten Schulunterricht: Schulbücher, die den Lernfortschritt einzelner Schülerinnen und Schüler berücksichtigen, Tablets, die auch Kindern mit Lernbehinderungen Inhalte verfügbar machen, etc. Damit verbunden sind hier besonders wichtig die Fragen und Forderungen, die Dirk von Gehlen ebenfalls nennt: Datenschutz, Datensouveränität und Transparenz der Algorithmen.
  • Könnte sich das Ende des Durchschnitts auch auf eine Ausweitung verschiedener Modelle des Zusammenlebens führen? Werden wir toleranter gegenüber alternativen Lebensformen, wenn wir es gewohnt sind, dass Mainstream als vorherrschendes Prinzip abgelöst wird?
  • Was machen wir mit unserer Sehnsucht nach Einfachheit und Verständlichkeit? Macht uns die große Vielfalt nicht irgendwann ganz wuschelig und sehnen wir uns vielleicht irgendwann doch zu den Zeiten zurück, in der uns die Informationen des Tages in einer ganzen Zeitung angeboten wurden und wir nicht über jeden einzelnen Artikel, dessen Wert und Relevanz entscheiden mussten?

Und so haben andere Leserinnen und Leser das Buch gelesen (in einem Fall habe ich mich tatsächlich gefragt, ob es noch eine andere Version gab, die mir nicht bekannt ist):

Warum der #marchforscience politisch ist – und warum ich mitgehe

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Morgen werden in Deutschland und weltweit Menschen auf die Straße gehen, um beim #marchforscience für die Wissenschaft zu demonstrieren. Sie folgen damit einem Aufruf aus den USA am „Earth Day“ gegen die antiwissenschaftliche Haltung Trumps zu protestieren – in Anlehnung an den Women’s march Anfang des Jahres.

Die Bewegung in Deutschland hat nicht nur viele Anhänger gefunden, sondern hat auch Kritik provoziert. Manche halten den March für reinen Aktionismus, andere bezweifeln, dass die Demonstrationen eine breite Öffentlichkeit erreichen könnten. Eine ganz grundsätzliche lautet, Wissenschaft dürfe nicht politisch sein.

Ich gehe genau deshalb mit, weil ich überzeugt bin, in diesen Tagen muss Wissenschaft politisch sein. Nicht parteipolitisch und auch nicht politisch in dem Sinn, dass Wissenschaftler*innen aus wissenschaftlichen Ergebnissen konkrete politische Forderungen ableiten sollten. Das ist nicht ihre Aufgabe. Aber die Wissenschaft muss politisch werden, wenn es um ihre eigene Existenz geht:

  • Wenn Menschen ihr die Daseinsberechtigung absprechen, gesicherte Erkenntnisse ignorieren, um ihre persönlichen Meinungen durch so genannte „alternative Fakten“ zu untermauern.
  • Wenn durch ungesicherte Arbeitsverhältnisse die Qualität der wissenschaftlichen Forschung gefährdet ist.
  • Wenn durch die Benachteiligung von Wissenschaftlerinnen wichtige Sichtweisen strukturell ausgeklammert werden und Frauen diskriminiert werden.
  • Wenn durch politische Einschränkungen der internationale Austausch gefährdet ist und Menschen wegen ihrer Herkunft nur eingeschränkt oder gar nicht wissenschaftlich arbeiten dürfen.

Viele sehen nicht, dass es bei den insgesamt 22 lokalen Aktionen in Deutschland um mehr geht, als „gegen Trump“ zu sein – die Zielformulierungen zum Beispiel in Hamburg zeigen das klar.

Es ist nicht alles im Guten in der Wissenschaft – aber es ist sehr gut und wichtig, dass es sie gibt. Wir als demokratische Gesellschaft profitieren davon. Dafür lohnt es sich, auf die Straße zu gehen, und zwar nicht nur für Wissenschaftler*innen. Am Samstag sind wir explizit alle aufgerufen, dabei zu sein.

Lesenswert:

Hörenswert:

hr2 Kultur: March For Science. Wenn Wissenschaft politisch wird.

Resonator – der Podcast der Helmholtz-Gesellschaft: RES105 March for Science.

 

 

 

Podcastkritik: „Durch die Gegend“ – Hörstück für Flaneure

Der Medienjournalist und Blogger Stefan Niggemeier, selbst Macher (mindestens) zweier Podcasts, hört selbst selten welche. Das gesteht er Christian Möller, dem Autor des Podcasts „Durch die Gegend“, der sich mit ihm zum Gespräch und zum Spaziergengehen draußen außerhalb von Berlin verabredet hat. Hier kommt Niggemeier auf die Idee, dass man beim Laufen mit Hund eigentlich sehr gut Podcasts hören könnte. Sollte er ausprobieren – und am besten mit „Durch die Gegend“ anfangen. Genau das schlägt auch Christian Möller vor. Niggemeier übernimmt die Vorlage:

„Das wäre ja verwirrend. Dann wäre man in der Gegend und würde anderen Leuten zuhören, wie sie durch die Gegend gehen“.

Christian Möller dreht es weiter:

„Wenn jetzt Leute den Podcast hören, und uns beim durch-die-Gegend-Gehen zuhören, während sie durch die Gegend gehen, und wir reden darüber, dass sie den Podcast hören, ich glaube, dann werden sie wahnsinnig.“

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Man wird nicht wahnsinnig. Und es ist natürlich nicht verwirrend, „Durch die Gegend“ beim Gehen zu hören – ganz im Gegenteil: Diesen Podcast darf man überhaupt nur hören, wenn man selbst spazieren geht. Nur so entfaltet sich sein großer Reiz. Erst in Bewegung entsteht das Gefühl, direkt nebenherzulaufen, während Christian Möller sich mit Schriftstellerinnen, Musikerinnen, Journalisten oder Politikern unterhält. Ganz nah dran, das Knirschen der Steine beim Gehen direkt im Ohr, wie auch die Hintergrundgeräusche von der Straße oder aus Cafés, das leicht unregelmäßige, etwas schwere Atmen der beiden Laufenden, wenn sie sich beim Gehen unterhalten. Ich habe mich schon zwei- bis dreimal dabei ertappt, in Gedanken selbst eine Frage ins Gespräch zu werfen. Manchmal hat Christian Möller genau die dann gestellt. Und immer wieder habe ich mich umgesehen, wenn Geräusche eines heranfahrenden Autos zu hören waren und ich selbst am Rande einer Straße lief.

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Während meines letzten Urlaubs habe ich eine ganze Reihe einzelner Folgen von „Durch die Gegend“ gehört. Vielleicht haben die Umgebung und die Ausnahmesituation meine Begeisterung getriggert. Der Podcast hat mich bei wunderbaren Morgenspaziergängen durch die Bergstraßen einer kanarischen Insel begleitet. Ich war unterwegs unter anderem mit Marina Weisband, Juli Zeh, Igor Levit, Volker Beck und David Wagner. Ich habe Persönliches, Nebensächliches, Überraschendes, auch Bekanntes von diesen Menschen erfahren, die ich meinte, aus den Medien schon etwas zu kennen. Zuhause habe ich getestet: Durch die Gegend funktioniert auch im Alltag, in den Parks und Straßen der Großstadt sehr gut.

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Die Spaziergänger von „Durch die Gegend“ wurden mir beim Hören sympathisch oder ich habe sie nach über einer Stunde Begleitung etwas weniger gemocht. Wie auch immer der Eindruck war: Ich konnte mir selbst ein Bild machen. Denn Christian Möller nimmt sich als Person und Fragender zurück, lenkt das Gespräch nur so weit, wie es gerade nötig ist. Seine Gäste mäandern durch ihre Gedanken, für die er mit seinen Fragen oder einfach die Umgebung die Anstöße liefert. Sie erzählen von ihrer Kindheit oder kommentieren aktuelle Erlebnisse. Der Autor lässt sie in die Rolle von Flaneuren schlüpfen, die sich durch die Gegend treiben lassen und die das, was sie sehen und ihnen begegnet, zu Reflexionen inspiriert. Konsequent, dass Christian Möller die Wahl der Route seinen Gesprächspartnern überlässt.

Er unterbricht nur selten, hat keinen Gesprächsleifaden und stellt keine konfrontativen Fragen. Hat man in Interviews oft das Gefühl, es soll ein rundes Bild entstehen, so bleibt es hier bei Fragmenten. So viel, wie die Person zu geben bereit ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Als Schorsch Kamerun nach einer Stunde aufhören will, lässt Christian Möller Bedauern erkennen (viele Folgen dauern über 90 Minuten) – aber macht dann auch Schluss. Schorsch Kamerun ist übrigens der einzige von denen, die ich bisher „durch die Gegend“ begleitet habe, der es explizit anstrengend findet, über sich selbst zu reden – was man nach einer Stunde Zuhören ganz gut nachvollziehen kann. Die anderen scheinen dankbar, hier selbst den Takt angeben und die Richtung bestimmen zu können, in die das Gespräch läuft – und damit auch das Bild selbst zu formen, das von ihnen entsteht.

Die Auswahl der Gesprächspartner hat mich von Anfang an beeindruckt. Christian Möller gehörte zu den ersten Journalisten, die sich mit dem Grünen-Politiker Volker Beck nach dessen kurzen Rückzug aus der Öffentlichkeit unterhalten haben. Er war letztes Jahr beim Kauf von Drogen erwischt worden. Unaufgeregt lässt der Autor den Vorfall gleich zu Anfang ins Gespräch einfließen und überlässt es Volker Beck, das Thema zu steuern. Christian Möller weiß, wie man Menschen sensibel begegnet. Mit Juli Zeh spricht er darüber, wie Medien sie immer wieder in ein bestimmtes Schema pressen. Wie sie an der Uni lernen musste, mit deutlicher Kritik an ihren Texten fertig zu werden, weil sie dem als überholt geltenden Prinzip des auktorialen Erzählers anhing und damit gegen den Zeitgeist schrieb. Marina Weisband erklärt, warum sie die Piraten verlassen hat und warum sie sich stundenlang in Bastelläden aufhalten kann. Christian Möller hat Menschen für den Gang „Durch die Gegend“ gewonnen, die mich als öffentliche Personen fast ausnahmslos interessieren.

Ich hoffe auf noch viele weitere Folgen, dürft ich Wünsche äußern, zum Beispiel mit Dunja Hayali, Carolin Emcke, Dirk von Lowtzow, Margarete Stokowski, Manuela Schwesig, Daniel Schreiber oder Kathrin Passig. Gespannt bin ich auf die angekündigte Folge mit Sibylle Berg. Und sehr gerne wäre ich als Hörerin dabei, wenn einmal jemand mit Christian Möller durch die Gegend läuft. Am besten durch Lübbecke bei Minden. Dort ist er aufgewachsen, und ich war überhaupt nicht erstaunt, zu hören, dass dieser Autor ein Ostwestfale ist.

„Durch die Gegend“ erscheint im Podcast-Label Viertausendhertz. Über dessen Konzept erfährt man mehr in einem Gespräch bei SRF 4 mit einem der Gründer, Nicola Semak (letzter Teil des Beitrags). Bislang sind 16 Folgen von „Durch die Gegend“ erschienen, den Podcast kann man hier abonnieren.

Der Autor Christian Möller arbeitet als freier Journalist und Radiomoderator in Köln, unter anderem für den WDR und Deutschlandradio.

Podcast-Liebe

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  • Gibt es seit letztem Jahr einen neuen Podcast-Hype in Deutschland oder hat die dpa einfach eine Studie nicht richtig gelesen?
  • Sieben gute Gründe für Podcasts
  • Absage an den allwissenden Sender
  • Gute Podcasts finden: Empfehlungen zum Einstieg

Ende letzten Jahres habe ich eine neue Leidenschaft entdeckt, und eigentlich erstaunt mich daran vor allem eines: Warum bin ich erst so spät darauf gekommen? Es geht um Podcasts, die ich theoretisch schon Jahre auf dem weiteren Schirm habe, erst seit einigen Monaten aber regelmäßig auf den Ohren: Beim Spazierengehen, Einkaufen und Kartoffelschälen, beim Joggen und auf dem Weg zur Arbeit. Ich höre Hintergrundinformationen zu Trump und Bannon, Debatten über Fakenews, New Work und Datenschutz, erfahre Details zu spannenden Innovationen aus der medizinischen Versorgungsforschung und lausche einem schönen Gespräch über die verschiedenen Facetten von Luxus.

Podcast-Hype in Deutschland?

Bin ich einfach „Opfer“ eines Trends, gar Booms, von dem im letzten Jahr immer wieder zu lesen war? Die dpa schrieb in einem Bericht (hier SZ) im Februar 2016, die Zahl der Podcast-Nutzer*innen habe sich von 2014 auf 2015 von 7 auf 13 Prozent erhöht, also nahezu verdoppelt. Als Quelle wird die ARD/ZDF-Online-Studie 2015 (S. 443) genannt. dpa wertet den Anstieg als eines von mehreren Indizien für eben jenen angeblichen „anhaltenden Podcast-Trend“. Übersehen worden ist dabei aber, dass man in der Studie 2015 im Vergleich zu 2014 die Frage geändert hatte (sichtbar in der Tabelle vermerkt) und nicht mehr ausschließlich nach abonnierten Podcasts gefragt hatte. Das alleine mag den Anstieg schon erklären. Schon 2016 stagnierte die so deutlich gestiegene Zahl dann auch weiter bei 13 Prozent. Viele Medien, von taz bis Spiegel, haben diesen vermeintlichen Anstieg von Hörer*innen in ihren Texten über einen angeblichen  Podcast-Boom übernommen.

Auslöser: Wissenschaftspodcasts

Kein Hype, kein Trend: Der Auslöser meiner neuen Podcast-Liebe ist klar zurückzuverfolgen. Der Funke sprang über beim „Stammtisch Wissenschaftskommunikation“, einer Veranstaltungsreihe, bei der es im November um Wissenschaftspodcasts ging. Referenten waren Daniel Meßner, der zusammen mit Richard Hemmer den empfehlenswerten Geschichts-Podcast „Zeitsprung“ herausgibt und damit historisches Storytelling praktiziert, und die Kommunikationswissenschaftlerin und Podcast-Expertin Nele Heise. Zur Vorbereitung hatte ich gleich mehrere Podcasts in relativ kurzer Zeit angehört, u.a. den Bredow-Cast vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung und den Resonator-Podcast der Helmholtz-Gesellschaft.

Auf der Suche nach meiner persönlichen Podcast-Roll

Neugierig geworden habe ich anschließend in vieles hineingehört, was mir zufällig begegnete, und bin so auf die schon recht bekannten Podcasts gestoßen, von denen diese aktuell zu meinen Favoriten gehören:

3_bild_lageLage der Nation: Polit-Podcast mit dem Deutschlandfunk-Journalisten Philip Banse und dem Juristen Ulf Duermeyer. Kenntnisreicher Hintergrund, Analyse zum aktuellen Geschehen. Ich schätze besonders die Tiefe, die vielen Details und besonders die juristische Perspektive auf die Dinge, die im Gespräch auch für Laien gut verständlich gemacht wird. Spannend, den beiden zuzuhören, die sich offenbar sehr gut vorbereiten und gute Links zum jeweiligen Podcast ergänzen.

7_bild_lila_podcastLila Podcast – ebenfalls ein Podcast zum aktuellen Geschehen, hier mit feministischer Perspektive auf die Themen. Susanne Klingner, Katrin Rönicke und Barbara Streidl, Journalistinnen / Autorinnen, sprechen über „aktuelle Themen, Debatten und interessante Gedanken, die aufgefallen und hängengeblieben sind“. Erhellend, den „Lila Podcast“ und „die Lage der Nation“ mal im Vergleich zu hören – jeweils anders und beide gut. Der Lila Podcast wird herausgegeben von Frau Lila, einer feministischen Initiative, die Frauen vernetzt und  Bildungsangebote, vor allem für die digitale Welt, macht.

8_wirmussenreden„Wir müssen reden“ – Max von Webel, der in den USA lebt und als Softwareentwickler bei Facebook arbeitet, und der Internettheoretiker Michael Seemann aus Deutschland treffen sich ca. zweimal im Monat zum Gespräch und reden ausgiebig, recht frei und intuitiv über das, was im Netz passiert – mit einer kulturell-politischen Perspektive. Beide stecken recht tief in aktuellen Netzdebatten und haben meist eine klare Meinung. Die muss man nicht immer teilen, um von diesem Podcast profitieren zu können.

1_bild_systemfehler Systemfehler – einer der Podcasts, die der zu Anfang des letzten Jahres gegründeten professionellen Podacast-Plattform Viertausendhertz angehören. Der Autor Christian Conradi ist Gründer von Viertausendherz, Redakteur bei Deutschlandradio und Producer. Bei Systemfehler geht er Fehlern, Defekten und Abweichungen in unserer Gesellschaft nach und fragt, wie viel Platz dafür eigentlich bleibt, wenn in sämtlichen Bereichen nach Perfektion gestrebt wird. Mir gefällt besonders der sensible und gute Umgang mit den Gästen, die unaufgeregte Art von Christian Conradi und die ganz unterschiedlichen Themen, die er unter dieser Fragestellung aufspürt, von Künstlicher Intelligenz bishin zum Thema Inklusion. Unter den Podcasts von Viertausendhertz gibt es sicher noch weitere Entdeckungen zu machen, und auch das Konzept der Plattform möchte ich mir noch mal genauer ansehen.

2_bild_piqdpiqd-Podcast: Als Fan der Plattform für gute, ausgewählte Texte, die Expert*innen in ihren Themengebieten bei Piqd kuratieren, also auswählen, empfehlen und  in einen größeren Zusammenhang stellen, gefallen mir auch die Piqd-Podcasts gut. Über Piqd habe ich hier schon mal ausführlicher geschrieben – wer sich für Hintergründe und die Entstehung interessiert, sollte sich den ersten piqd-Podcast anhören, in dem die Verantwortlichen Idee und das Konzept sehr gut herüberbringen.

Bewusst habe ich dann nach Podcasts von Frauen gesucht, die mit Politik/Medien/Internet zu tun haben. Hilfreich dabei war neben einem Austausch mit Anne Peter von „Nachtkritik“ auf Twitter die umfangreiche Liste von Nele Heise, die Podcasts von Frauen zu allen möglichen Themen kollaborativ sammelt. Podcasts, die ich regelmäßig höre, unterstütze ich mit einem kleinen Obulus. Denn alle Podcasts entstehen erst einmal als Hobby der Macher*innen, und selbst die bekannteren werden ihren zeitlichen Aufwand höchstens in Ausnahmen durch die Zahlungen ihrer Hörer*innen begleichen können.

Neben den Podcast von einzelnen Menschen höre ich immer wieder auch die Podcast-Angebote der öffentlich-rechtlichen Hörfunksender, die ich zum Teil schon länger kenne. Favoriten sind:

Sieben gute Gründe für Podcasts

Je intensiver ich gehört habe, desto bewusster wurden mir die großen Vorteile – so ist diese Liste mit  guten Gründen für Podcasts entstanden, die sicher noch zu ergänzen ist:

Unbegrenzte Verfügbarkeit: Podcast lassen sich überall und jederzeit hören. Mit dem Smartphone haben wir sie quasi immer in der Tasche – über die Apps lassen sich abonnierte Podcasts automatisch aktualisieren und – einmal heruntergeladen – auch offline hören.

Eine andere Sinneswahrnehmung: Informationen nehmen die meisten Menschen vorrangig visuell auf: über Texte, Bilder und Zeichnungen in Zeitungen, Büchern, Blogs und in Filmen. Beim E-Mail-Lesen, beim Schreiben, bei der Arbeit, aber auch in der Freizeit. Experten schätzen, „dass etwas 85-90 Prozent der aufgenommenen Informationen über die Augen in den Organismus gelangen.“ (Kroeber-Riel 1987, zitiert in Informationspsychologie, S. 13). Es ist geradezu erholsam, wenn zur Abwechslung einmal nur der Hörsinn gefordert ist.

Bessere Konzentration: In einem Alltag voller visueller Eindrücke fällt es mir beim Hören leichter, konzentriert zu sein, auch, weil ich Podcasts fast ausschließlich über Kopfhörer höre. Während ich beim Lesen immer wieder andere visuelle Reize und Informationen ausschalten muss – vor allem online –, so ist es bei Hören einfacher, sich auf eine Quelle zu konzentrieren.

Hören und bewegen: Eines der für mich ausschlaggebenden Argumente für Podcasts ist, dass man sich bewegen kann, während man sie hört. Lernpsychologen werden vermutlich schon untersucht haben, ob man Informationen nachhaltiger aufnehmen kann, während man körperlich aktiv ist. Ich glaube ja und habe den Eindruck, das, was ich gehört habe, besser zu behalten, als wenn ich es gelesen hätte. Was noch mehr zählt: Es ist mir vor allem nach viel Arbeit am Schreibtisch ein großes Bedürfnis, mich zu bewegen. Lesen beim Joggen oder Spazierengehen funktioniert einfach nicht – Podcast hören dagegen sehr gut.

Routinearbeiten aufpimpen: Gemüse schnippeln, einkaufen, Wäsche aufhängen: Tätigkeiten, die ich ausführe, ohne groß darüber nachzudenken. Podcast hören ist eine wundervolle Ergänzung. Es stimmt zwar: Das geht an die Zeit, in der man seinen eigenen Gedanken nachsinnt oder einfach einmal an gar nichts denkt, vielleicht Musik hört. Aber es kann auch ganz erholsam sein, über Podcasts wieder auf andere Gedanken zu kommen als die, um die man gerade kreist.

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Podcast hören beim Kartoffelschälen: Die Macher von „Lage der Nation“ haben kürzlich gebeten, Aufnahmen davon zu machen, was man sieht, während man ihren Podcast hört.

Geschlossenes Ganzes mit Dialogpotenzial: Die Diskussionen über Podcasts starten in der Regel erst dann, wenn die Nutzer*innen sie gehört haben, auf den zugehörigen Websites in den Kommentaren. Über Texte im Netz dagegen wird oftmals diskutiert, ohne dass alle Beteiligten sie ganz oder überhaupt gelesen hätten. Auch Hatespeech oder Trolle scheinen eher keine Probleme zu sein. Beides ist mir zumindest in den Kommentaren der Podcast-Websites noch nicht begegnet.

Freie Formate: Podcast zeichnet eine  Form von „Unprofessionalität“ aus, im positiven Sinne des Wortes, dass es keine standardisierten Beitragslängen gibt, keine zurechtgeschnittenen Statements, dass Pausen beim Reden genauso erlaubt sind wie unfertige Sätze und Slang. Einige Podcaster*innen schätzen es explizit, im Podcast Gedanken entwickeln und zur Diskussion stellen zu können, die vielleicht noch nicht zu Ende gedacht sind, hier aber ihren Raum finden und im besten Fall weiter wachsen und reifen können. Ein weiterer guter Effekt ist, dass auch Menschen, die beruflich nicht journalistisch arbeiten, ans Mikro kommen, ihre fachliche Kompetenz einbringen oder einfach mal eine andere Herangehensweise an Themen: als Autorin, Juristin etc.. Im klassischen Radio sind sie meist nur als Gäste zu hören, in Podcast werde sie zu Macher*innen. Interessant finde ich, dass es einzelnen Autor*innen offensichtlich auch ein Anliegen ist, aus der Nische des Phänomens Podcasting herauszukommen. Philipp Banse sagte zum Beispiel in der letzten „Lage der Nation“ vom 24. Februar, er möchte den Begriff „Podcast“ am liebsten durch „Radio“ ersetzen – vielleicht weil Podcasts von vielen immer noch als umprofessionell im Sinne von „laienhaft“ wahrgenommen werden? Nicht nur angesichts der vielen Journalist*innen, die sich in Podcasts in alternativen Formaten ausprobieren, passt diese Zuschreibung aber nicht (mehr). Dass sich auch die deutsche Podcast-Szene weiterentwickelt, zeigt auch der Einblick in die deutsche Podcast-Szene bei t3n.

Verantwortung: Faktchecking im Podcast?

Ein anderer Aspekt von „Unprofessionalität“ ist Thema einer Diskussion, die Michael Seemann in „Wir müssen reden“ aufmacht. Er fragt am Anfang der 108. Folge, ob vor dem Hintergrund eines polarisierenden Meinungskampfes in den Medien, angesichts des Abdriftens verschiedener Gruppierungen in ihren Diskursen, die Sorgfaltspflicht, der Anspruch auf Wahrhaftigkeit und Professionalität nicht auch für Podcaster*innen wachsen müsse. „Wir müssen reden“ ist als Kneipengespräch konzipiert, dem man vom Nebentisch zuhören kann – aber natürlich erwächst mit einer gewissen Zahl an Hörer*innen auch eine Verantwortung. Michael Seemann ist es eher unangenehm, über Dinge zu sprechen, die man „im Vorbeigehen gelesen hat und nur zu 75 Prozent straight bekommt“.

Vielleicht aber haben gerade Podcasts ein gutes Potenzial mit dieser Verantwortung umzugehen und eine gewisse Fehlbarkeit transparent zu machen? Gerade weil sich die Autor*innen im Podcast – anders als bei vielen journalistischen Beiträgen – erlauben können, auch einmal zu sagen: „Ich bin mir da gerade nicht so sicher“ ist die Gefahr der Desinformation per se eigentlich geringer, die Verantwortung der Hörer*innen explizit größer. Unvorstellbar, dass ein Radiomoderator in laufender Sendung sagt: „Das muss ich mal eben im Internet nachschauen“, oder „ich weiß es gerade nicht, vielleicht weiß es jemand von euch“. Im Podcasts kommt das immer mal wieder vor, genau wie der Hinweis an die Hörerschaft, man müsse sich erst noch einmal schlau machen und werde das Thema noch einmal aufgreifen oder in den Kommentaren Hinweise geben. Fehler sind erlaubt – Hinweise von Hörer*innen gewünscht. Es wird erst gar nicht der Eindruck erweckt, hier sitze ein allwissender Sender von gesicherten Informationen am Mikrofon.

Ich würde mir wünschen, dass etwas mehr von dieser Offenheit, etwas mehr vom Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit sich auch im klassischen Journalismus durchsetzen könnte. Denn diese klar kommunizierte Haltung überlässt eine Restverantwortung dem Publikum, das aufgefordert ist, wachsam zu bleiben, auch andere Informationsquellen heranzuziehen und gegebenenfalls Zweifel zu äußern, Informationen zu hinterfragen, vielleicht auch eigenes Wissen beizutragen.

Wie finde ich gute Podcasts?

Meine eigene Podcast-Roll ist erst im Entstehen. Weit entfernt davon, einen wirklichen Überblick zu haben oder gar Geheimtipps geben zu können, möchte ich hier – als Ergänzung zu den bereits im Text genannten Podcasts – noch ein paar weitere Empfehlungen loswerden – eine Liste die sicher noch wachsen wird. Auf Twitter habe ich vor Kurzem eine Liste mit den Podcasts angelegt, die einen eigenen Twitter-Account haben, bei einigen habe ich den der Macher*innen gelistet. Es sind Podcasts, über die ich weiter auf dem Laufenden bleiben möchte, weil sie mich gleich beim ersten Hören angesprochen haben, oder solche, die ich noch höre möchte.

Erste Empfehlungen

Kleiner drei: Der Podcast zur Autor*inneplattform <3, mit Themen rund um Politik und Popkultur und Herzensthemen von Menschen mit feministischer Haltung. In den Folgen, die ich gehört habe, ging es um den Women’s March in Washington: Die Aktivistin Deanna Zandt im Gespräch mit Anne Wizorek. In der aktuellsten Folge geht es um eine Abkehr von Twitter und Alternativen für das soziale Netzwerk – zum Beispiel einfach mal analog sein.

Anekdotisch Evident: Mit reinen „Laber-Podcasts“ kann ich weniger anfangen, mit Podcasts wie diesen, die mir soziologisch-philosophisch gefärbte Einblicke die Alltagskultur bieten, dagegen sehr viel. Das Konzept der Journalistin/Autorin Katrin Rönicke (die auch beim Lila Podcast und bei piqd zum Team gehört) und der Autorin Alexandra Tabor liegt in der Konkretisierung  wissenschaftlicher Erkenntnisse durch die Verknüpfung mit Anekdoten aus der persönlichen Erfahrung. Der Podcast ist gerade erst gestartet, die erste Folge handelt von Luxus und ist hörenswert. Ich habe Alexandra Tabor schon in einem anderen Podcast gehört – und ihre schwungvolle, pointierte Art zu reden von Anfang an gemocht- im Duo mit Katrin Rönicke noch mal hörenswerter.

Mutti und ichDie Journalistin /Autorin Marietta spricht mit ihrer Mutter – am Telefon, bei Besuchen. „Wir sollten unsere Mütter befragen, solange sie leben. Denn jede hat ihre eigene Geschichte. Und vielleicht kennen wir sie gar nicht so gut, wie wir denken“, sagt Marietta Schwarz. Den Gesprächen mit ihrer Mutter kann man stundenlang lauschen, was sicher auch viel mit dieser eben besonderen Mutter zu tun hat. Weitere Gespräche sollen folgen, von anderen Kindern über andere Mütter. Irgendwann, so heißt es auf der Website, könnte so ein Mütter-Archiv entstehen. Ein schönes, inspirierendes Projekt.

Übermedien: Der Podcast zum Medienblog von Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz. In den Podcasts unterhalten sich Stefan Niggemeier und Sascha Lobo. Meine Lieblingsfolge ist die Nummer drei (von insgesamt vier, mit Abständen, die immer größer werden) „Mehr Ächtung wagen“, in der die beiden über den „richtigen“ journalistischen Umgang mit der AfD diskutieren. Sehr gute Gedanken, zwei unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema, die gerade dadurch besonders sichtbar werden, dass die zwei sich im Gespräch ganz schön im Kreis drehen.

Reihen

Böll Spezial: Themenreihen der Heinrich-Böll-Stiftung, mich hat besonders das aktuelle über Digitalen Wahlkampf interessiert, von Social Bots bis Microtargeting.

New Work: Zehnteilige Serie bei Deutschlandradio Kultur: Inga Höltmann gibt Einblicke in die durch Digitalisierung geprägte Arbeitswelt und spricht mit Menschen, die neue Modelle erproben oder die Entwicklungen analysieren – von digitalen Nomaden über Personalberaterinnen für Jobsharing bis hin zu Experten für digitale Führungsmodelle.

Wer selbst suchen möchte: Es gibt die Podcast-Suchmaschine fyyd, noch in der Beta-Phase, in der sich nach Stichworten und einzelnen Gebieten wie Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur suchen lässt. Auf der Seite Wissenschaftspodcasts.de kuratiert ein Team von Wissenschaftspodcaster*innen das Angebot aus dem Bereich Wissen und Wissenschaft.

In Zukunft möchte ich meine Fühler noch in Richtung USA ausstrecken. Dort spielen Podcasts eine viel wichtigere Rolle als bei uns  – sicher auch deshalb, weil es kein so umfangreiches Angebot an öffentlich-rechtlichen Sendern gibt. Darauf neugierig gemacht hat mich übrigens die aktuelle Folge von Frequenz 4000, in der Christian Conradi mit der Produzentin, Reporterin und Journalistin Luisa Beck über die US-Podcastszene und Unterschiede zu Deutschland spricht. Frequenz 4000 ist der Meta-Podcast von Viertausendhertz, in dem die Gründer*innen des Labels berichten, wie es ist, ein Podcast-Label zu betreiben und weiterzuentwickeln.

Was andere empfehlen

Die Journalistin und Bloggerin Eva Schulz hat ein paar gute Fundstücke in ihrer Blogroll, die vor allem englischsprachige Podcasts enthält – ihr verdanke ich den Hinweis auf den Mutti-Podcast.

„Diese Podcasts sollten Sie hören“ – findet die Süddeutsche Zeitung, mit 50 Podcast-Tipps zum Sommer 2016, sortiert nach Themenbereichen

5 empfehlenswerte Literaturpodcasts aus dem Blog Literaturtourismus (April 2016)

 

Warum „Schmalbart“ unterstützen: Netzwerk für den fairen, offenen, kritischen Diskurs

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Ende November vergangenen Jahres hatte Christoph Kappes, Digitalexperte und Publizist, in einer öffentlichen Einladung zur Unterstützung eines Projekts aufgerufen: Angesichts der durchaus realistischen Befürchtung, dass das US-rechtspopulistische Online-Magazin „Breitbart News Network“ einen Ableger für Deutschland plant, wollte er eine Art „Breitbart-Watch“ ins Leben rufen, dem Portal auf die Finger schauen und Gegenstimmen laut werden lassen, wenn Tatsachen bewusst verfälscht, rechte Ideologien transportiert oder Menschen diskriminiert und in ihrer Würde verletzt werden.

Diese Einladung stieß bei mir auf ein Bedürfnis, das im letzten Jahr mit der sichtbaren Ausweitung populistischer Strömungen im öffentlichen Diskurs stetig gewachsen ist. Auch andere nannten es so oder anders als ihr Motiv, bei Schmalbart mitzumachen: Aktiv werden, konkret etwas dagegen unternehmen, dass Hetze, Pöbeleien und das Verdrehen von Fakten nicht mehr die Ausnahme, sondern mehr und mehr zur Normalität werden und den freien öffentlichen Diskurs immer mehr gefährden. Einer Stimmung entgegenwirken, in der er es plötzlich für bestimmte Menschen akzeptabel sein kann, dass Grundwerte wie Menschenwürde und Solidarität, Vielfalt und Toleranz gegenüber Andersdenkenden mit den Füßen getreten werden und man sich dessen nicht einmal mehr schämt.

Ich habe das Projekt zunächst nur passiv verfolgen können und war angetan davon, wie viele Menschen sich in kurzer Zeit schon gesammelt hatten, wie aktiv und konkret sie das Anliegen verfolgten.

Bei einem Auftakt-Barcamp Mitte Januar in Berlin stand schon eine Website, eine erste finanzielle Unterstützung durch Spenden, konkrete Projekte, denen man sich anschließen konnte, unter anderem eine Online-Datenbank zum Factcheck, Datenvisualisierungen, Gesprächsregeln für Diskussionen in Social-Media oder ein Ansatz zur Förderung der Medienkompetenz in der Schule.

Das Treffen im realen Leben mit den Menschen, die sich um „Schmalbart“ sammeln, hat mich noch einmal bestätigt, hier genau richtig zu sein. Mich hat die reflektierte Herangehensweise genauso überzeugt wie die unterschiedlichen sozialen und auch politischen Milieus, die sich hier in den rund 100 Menschen repräsentierten – „queer beet im demokratischen Spektrum“, wie Christoph Kappes es formulierte. Vielversprechend fand ich auch, dass sich einzelne Initiativen hier vorstellten, die schon in ähnlicher Mission unterwegs sind – wenn Schmalbart Vernetzung leisten kann, so wird das ein Gewinn.

Vor allem aber teile ich den grundsätzlichen Ansatz der Schmalbart-Aktivist*innen: für eine freie, offene, pluralistische und diverse Gesellschaft zu kämpfen, indem wir der sachlichen Debatte wieder mehr Raum verschaffen, den Austausch von Argumenten stärken und gegenseitige Anfeindungen unterlassen. Klar ist dabei allen: Das erfordert vor allem die kritische Selbstbeobachtung. Wer Menschen von den Rändern des politischen Diskurses holen will, darf nicht dazu beitragen, dass diese sich in Schmuddelecken zurückziehen und dort in Gemeinschaft auch irgendwann ganz wohl fühlen können.

Mit dem Barcamp als erstem öffentlichen Auftritt verbunden waren Interviews von Christoph Kappes in klassischen Medien. Auf  Twitter folgte der Versuch, das lose Netzwerk in eine Ecke zu drängen. „Linksversiffte Gutmenschen“, das ist so der ungefähr größte gemeinsame Nenner der höhnischen Kommentare auf Social-Media-Kanälen. Die Medien, in denen Berichte und Interviews erschienen, waren, wenn natürlich auf ganz anderem Niveau, ebenfalls um eine Ein- oder Zuordnung bemüht. „200 Journalisten“ hätten sich unter Schmalbart gefunden, hieß es am Vortag des Barcamps bei detector.fm – zum Glück ist das Spektrum viel breiter: Es sind unter anderen einige Leute dabei, die viel von Technik/Programmierung wissen, von strategischer Kommunikationsplanung, Agenda-Setting und -Monitoring, Soziologen, die mit Statistiken umgehen können, und auch Expert*innen für Fundraising und Rhetorik. „Kommunikationsexpert*innen“ wäre die wohl bessere Klammer, die die Schmalbart-Menschen einigermaßen beschreibt.

Die Frage nach der Finanzierung, die Journalist*innen aber auch diverse „kritische Stimmen“ immer wieder stellten, offenbarte die Vorstellung, es gebe jemanden, der „dahintersteckt“. Gibt es nicht. Es gibt mit Christoph Kappes einen engagierten, gut vernetzten Initiator, der den Anstoß gegeben hat, Leute zusammentrommelt und dem man für sein Engagement zunächst einmal nur danken und ihn auch dafür bewundern kann. Es hat sich um ihn ein Kreis von Aktiven gefunden, die sich ebenfalls in beachtenswerter Weise ehrenamtlich engagieren. Erste Spenden von vielen einzelnen Menschen können verbucht werden, die die gute Idee unterstützen möchten.

Und sehr wichtig: Es wurden ein grundsätzlicher Konsens über gemeinsame Werte und erste Ansätze für eine Strategie formuliert, genauso wie ein klares Ziel: eine frei, pluralistische und diverse Gesellschaft, die für sachliche Debatten Raum schafft und den Austausch verschiedener Meinungen fördert, die zu demokratischer Teilhabe motiviert und diese möglich macht.

Irgendwo habe ich gelesen, dass es ja noch gar nicht sicher sei, ob es wirklich einen deutschen Ableger von Breitbart geben werde. Ich habe nicht den Eindruck, dass damit die Arbeit von Schmalbart hinfällig würde, denn Breitbart in Deutschland wäre ja nur eine Eskalationsstufe einer Entwicklung, die jetzt schon seit langem in vollem Gang ist, ihre Auswüchse zeigt und gegen die das Projekt ankämpfen will.

Wie geht es nun weiter und was kann jede/r Einzelne/r tun?

Es steht sicher noch ein gutes Stück Arbeit an, bis das Projekt so handlungsfähig ist, wie es wünschenswert ist. Es wird weiteren Austausch über das Selbstverständnis geben, über die Organisationsform, über die Finanzierung und eine kontinuierliche Überprüfung, ob man den gestellten Ansprüchen auch selbst genügt – jeder für sich wie die Organisation als Ganzes.

Ich selbst habe meine konkrete Rolle bei Schmalbart noch nicht gefunden und frage mich, wie ich ein Engagement mit dem in Einklang bringen könnte, was sonst noch so ansteht im Leben – wohl die größte Herausforderung für alle Beteiligten, vor allem, wenn es um eine langfristige Perspektive geht.

Aber das wird mich nicht und sollte auch niemanden anderen davon abhalten, das Projekt zu verfolgen, seinen Platz darin zu suchen und auch die niedrigschwelligen Möglichkeiten zu nutzen, dabei zu sein:

  • eine Spende, die hilft, Strukturen aufzubauen, die eine kontinuierliche Arbeit ermöglichen
  • die Arbeit von Schmalbart über die Social-Media Kanäle verfolgen, sich auf dem Laufenden halten
  • dafür sorgen, dass die Botschaften und Kommentare von Schmalbart im Netz eine stärkere Stimme bekommen, sie liken, teilen
  • anderen von Schmalbart erzählen, für die das Projekt interessant sein könnte: vielleicht ist ihre Kompetenz gefragt, vielleicht haben sie Kapazitäten frei
  • die Grundidee von Schmalbart leben, in Diskussionen auf Angriffe gegenüber Andersdenkende verzichten, auf den sachlichen Austausch pochen, sich informieren und Gerüchten und Falschmeldungen mit Fakten kontern

Wer noch nicht so viel von Schmalbart weiß, findet in den Berichten über das Projekt weitere Informationen:

  • Die Deutsche Welle begleitet das Projekt mit einer Serie. Erschienen sind bislang Teil eins und Teil zwei.
  • Ein Interview mit Christoph Kappes im Deutschlandfunk.
  • Ein Beitrag in der Rubrik 10 nach 8 bei ZEIT online von Caroline Kraft

Über diese Kanäle kann man Schmalbart folgen:

#insidefacebook: Wem gehört die Story?

Die Ankündigung des SZ-Magazins vom heutigen Freitag hat den Tech-Blogger Sascha Pallenberg von Mobilegeeks in Rage versetzt:

„Die Titelgeschichte des SZ-Magazins (€-Link) ist der erste Einblick in das verschwiegene Geschäft der Facebook-Content-Moderatoren in Berlin“.

Was Pallenberg so wütend macht: Er selbst hatte bereits vor drei Wochen über das Facebook-Löschteam berichtet. Und schließt daraus: Die SZ-Geschichte verkaufe Einblicke, die gar nicht exklusiv seien. Er habe sich zumindest eine Erwähnung in dem Longread aus dem SZ-Magazin und auf sueddeutsche.de gewünscht, sagt er, und spricht von „Story-Klau“. Am Ende seines Beitrags fordert er Leser*innen dazu auf, den Hashtag #insidefacebook zu „kapern“, auf sein Posting zu verlinken und die eigene Meinung dazu zu äußern, was man vom Umgang der Süddeutschen mit der Geschichte halte.

Der Vorfall sagt viel über das Verhältnis zwischen Bloggern und klassischen Medien aus, die immer wieder als feindliche Lager inszeniert werden oder sich selbst so präsentieren – wie hier. Beide Seiten tragen dazu bei, und vielleicht würde es einfach helfen, wenn man sich gegenseitig mehr in seinen jeweiligen Rollen sehen und schätzen könnte.

Einige Punkte, die mir zu der Geschichte eingefallen sind, bzw. Fragen, die ich mir gestellt habe:

  • Da die beiden Autoren des SZ-Magazins den Beitrag von Sascha Pallenberg offensichtlich kannten, ist mir nicht verständlich, warum sie nicht darauf verwiesen haben. Für mich als Leserin zählt übrigens nicht, wer die Geschichte zuerst „gehabt“ hat, sondern was die Autoren jeweils dazu zu erzählen haben. Hier waren es unterschiedliche Ansätze, beide wichtig.
  • Was war an der Geschichte exklusiv? Die SZ schreibt von der „Exklusiv-Recherche“ – tatsächlich aber waren es die Facebook-Regeln zum Löschen von Beiträgen, die nach Angaben der Autoren nur ihnen vorlagen. Recherchiert haben mehrere.
  • Welches Verständnis von Eigentum an Geschichten offenbart es, wenn Sascha Pallenberg von „Story-Klau“ spricht und dieser Begriff nun im Netz die Runde macht? Widerspricht der Blogger sich in dieser Anschuldigung nicht selbst schon im eigenen Text, wo er zu Recht darauf hinweist, dass die Information über Arvarto als Löschkolonne für Facebook schon Anfang des Jahres bekannt war, also auch vor seinem Beitrag? Dass auch über die psychischen Belastungen schon zu hören war – am Beispiel von Kommentarreinigern auf den Philippinen? Man sollte mit solchen Ausdrücken vorsichtig umgehen – mich erinnert dieser an den Begriff vom „geistigen Eigentum“ in der leidigen Urheberrechtsdebatte.
  • Hätte die ganze Sache nicht auch ein gutes Beispiel dafür werden können, wie Blogger und Journalisten zusammenarbeiten und sich ergänzen? Sascha Pallenberg hat ein Thema aufgegriffen, das wichtig ist, uns betrifft, die wir uns auf Social-Media-Kanälen bewegen, und das auch den politisch Verantwortlichen bewusst sein sollte. Aber: Sein Beitrag hat bis heute noch keine größeren Kreise gezogen (was sich gerade ändert durch seinen Rant…). Es ist für mich auch fraglich, ob die Aussagen eines einzelnen Ex-Mitarbeiters von Arvarto ausreichen, um wirklich größeren Wind in die Sache zu bringen. Die SZ-Autoren hatten mit der Süddeutschen im Hintergrund andere Möglichkeiten für die Recherche und auch Verbreitung: Sie konnten länger und intensiver recherchieren, haben gleich mehrere Mitarbeiter*innen, aktuelle wie gekündigte, befragen können, und auch Stellungnahmen von den Unternehmen Arvarto und Facebook eingeholt. Im Zweifelsfall hätten sie den Rechtsbeistand einer juristischen Abteilung hinter sich gehabt – bei dem Thema nicht ganz unwichtig. Wenn es rein um die Aufklärung geht, dann hat es der Sache gut getan, dass die SZ das Thema aufgegriffen hat.
  • Ist es angemessen, der Süddeutschen vorzuwerfen, dass sie ihre Zeitungen verkaufen will? „Exklusiv ist sowas von 60er Jahre, ausser… ja ausser du arbeitest bei der Sueddeutschen Zeitung, denn da muss man noch ordentlich für die Auflage trommeln. Schließlich kennen die Zahlen seit Jahren nur noch eine Richtung“ (dazu Abbildung eines Säulendiagramm, das sinkende Absätze zeigt).
    Ich bin froh um jedes Qualitätsmedium, dem es gelingt, ein funktionierendes Geschäftsmodell zu entwickeln. Dass man einige Instrumente dabei hinterfragen kann, sei dahingestellt. Das „Exklusiv“-Label, da gebe ich Pallenberg wiederum Recht, ist überholt, mir ist bei dem Thema die Ankündigung auch eher unangenehm aufgefallen. Wenn es den Verkauf aber hebt, würde ich es trotzdem hinnehmen, weil ich ein Interesse am Fortbestand von Medien wie der Süddeutschen habe.
  • Und zum Schluss: Hilft der Ton, den Sascha Pallenberg in seinem Rant anschlägt, wirklich weiter, das Verhältnis zwischen Bloggern und Journalisten zu verbessern? Wohl nicht. Er könnte sich an seine eigene Empfehlung erinnern, die er in seinem ersten Beitrag ausgesprochen hatte, als er um mehr Verständnis gegenüber den Facebook-Mitarbeitern bat: „Generell die Betriebstemperatur ein wenig herunterfahren“.

    „Und wenn ihr mir darüber hinaus noch einen Gefallen tun wollt: Versucht, zu einem besseren Klima beizutragen.“

Die Kritik an der Aufmachung des SZ-Beitrags hat leider von seinem eigentlichen Inhalt und auch von dem des Textes bei Mobilegeeks abgelenkt – was schade ist. Denn eigentlich haben ja alle Autoren ein gemeinsames Anliegen. Und eigentlich könnte ein kollaboratives Arbeiten zwischen Bloggern und Journalisten bereichernd sein – dass es hier nicht funktioniert hat, dazu haben aus meiner Sicht beide Seiten beigetragen.

Wie es besser funktionieren könnte, zeigt Max Hoppenstedt von Motherboard Deutschland: Er nennt und verlinkt beide Beiträge, nimmt die Recherchen auf und geht einen nächsten Schritt, wenn er fragt, was höher gestellte Arvarto-Mitarbeiter zu den Berichten sagen. So entwickelt sich eine Geschichte weiter, die übrigens jetzt auch von anderen Medien aufgegriffen wird – in der Zusammenarbeit von Bloggern und Journalisten.

Update 17.12.: Sascha Pallenberg hat mich gerade auf Twitter darauf hingewiesen, dass er sich seit Jahren für das bessere Verhältnis zwischen Bloggern und klassischen Medien stark macht und jetzt einfach mal einen Rant loswerden wollte.

Den Impuls kann ich nachvollziehen, glaube aber dennoch nicht, dass diese Form des „draufhauen“ hilft. Hier ein Beitrag aus 2012, auf den er mich aufmerksam gemacht hat.

Gegen die „Digitale Paranoia“ – oder wie wir mit dem Internet leben wollen

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17.1., aktueller Terminhinweis: Am Dienstag, den 7.2., 18.30 Uhr, moderiere ich eine Lesung mit Gespräch mit Jan Kalbitzer in den Hamburger Bücherhallen in der Zentralbibliothek. Es wird sicher auch um die Experimente im Buch gehen, von denen ich inzwischen erste getestet habe. Die Veranstaltung ist für alle offen.


„Kein Arzt, kein Wissenschaftler kann derzeit eine seriöse Aussage darüber treffen, wie das Leben mit den digitalen Medien uns beeinflusst“.

Mit dieser Aussage zitieren Kerstin Kullmann und Hilmar Schmundt den Psychiater Jan Kalbitzer im SPIEGEL-Interview (Print- Ausgabe 38/2016). Die Studien seien zu undifferenziert, sagt der Wissenschaftler, und man müsse zuerst fragen, was die Menschen im Internet machten, bevor man bewerte, dass sie zu viel Zeit darin verbrächten. Psychiater, so seine Einschätzung, hätten in der „großen, gesellschaftlichen Debatte, wie wir gemeinsam leben möchten (…) kein Anrecht auf Expertenstatus.“

Es waren diese Sätze, die mich neugierig auf das Buch gemacht haben, weil sie sich auf angenehm differenzierte Art von dem abheben, was in letzter Zeit so oft zu hören ist, wenn Mediziner, Psychologen oder Psychiater uns vor den negativen Auswirkungen des Internets warnen. Die sich daraus entwickelnde Haltung in unserer Gesellschaft ist das, was Kalbitzer als „digitale Paranoia“ bezeichnet: das übermäßige Misstrauen gegenüber dem Internet.

Es ist überfällig, dass sich endlich einmal ein Psychiater zu der vermeintlichen Internetsucht äußert, die in letzter Zeit populistisch durch die Medien getragen wird. So war zum Beispiel im letzten Jahr in bundesweit von einer Studie zu lesen, in der ein Hamburger Wissenschaftler Alarm schlug: „Fünf Prozent aller Kinder sind internetsüchtig“, behauptet er. Die Zahlen basierten auf einer repräsentativen Befragung von 1000 Eltern!

Kalbitzer geht hart ins Gericht mit diesen Experten, die umso vehementer vor dem Internet warnen, je weniger sie davon wissen. Anders als viele seiner Kolleg*innen sieht er, dass Angstmache zu keiner Lösung führt. Stattdessen plädiert er dafür, unser Verhalten im Netz zu beobachten, zu verstehen, als Folge davon vielleicht auch zu ändern. Als Psychiater gehört Kalbitzer mit seiner Sicht auf das Netz zu den Ausnahmen seiner Zunft, keineswegs aber zu den Netz-Euphorikern. Er verschweigt nicht, dass auch er Anlass zur Sorge sieht, weil die grundsätzlich positiven Potenziale des Netzes eben „Nebenwirkungen“ zeigten – unter anderem den Verlust der Privatsphäre und der Kontrolle über unsere Daten. Mit seinem Buch möchte er verhindern, dass aus diesen Nebenwirkungen irrationale Ängste entstehen.

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Mit einem psychiatrischen Blick auf die Welt des Digitalen will ich unserer digitalen Paranoia, unserem irrationalen Verhältnis zur Technik Internet, die Möglichkeit eines reflektierten Umgangs gegenüberstellen. (S.17)

Zwölf Experimente schlägt Kalbitzer vor, die uns genau zu diesem reflektierten Umgang führen sollen. Hier fand ich das Buch schwach: Sie haben mich nicht wirklich überzeugt. Vielleicht gehöre ich nicht zur Zielgruppe. Ich halte allerdings auch einige Hoffnungen, die Kalbitzer mit diesen Versuchsanleitungen verbindet, für unrealistisch. So ist ein eigenes Netzwerk über ein Open-Source-Angebot aufzubauen keine wirkliche Alternative zu Facebook, wenn Menschen dort einen wichtigen Raum für Information und Austausch gefunden haben, den sie vielleicht auch beruflich nutzen. In einem anderen Experiment will Kalbitzer Verschwörungstheoretiker durch Befreiung aus ihrer Filterblase und ein offenes, zugewandtes Gespräch „in die aufgeklärte demokratische Gesellschaft“ integrieren. Verschwörungstheoretiker sind aber nicht erst als Opfer der Filterblase auf ihre absurden Ideen gekommen – sie haben hier nur gute Möglichkeiten gefunden, sie zu verbreiten.

Die Experimente überzeugen mich auch deshalb nicht, weil in den Anleitungen immer wieder ein Dualismus von Realität und virtueller Welt zu Grunde gelegt wird. Der Kulturwissenschaftler Philippe Wampfler hat in einem Blogbeitrag einmal sehr gut auf den Punkt gebracht, warum das nicht weiter führt: „Wir können ‚das Reale’ nicht länger als Gegensatz zu „Online“ denken, zitiert er. Beides bedinge sich gegenseitig. Kalbitzer jedoch bestärkt diesen Gegensatz: Die Umgangsformen, an die wir uns im realen Leben hielten, seien über Jahrtausende kultiviert. Im Netz dagegen seien diese Umgangsformen nur rudimentär existent, und man müsse „Rituale und Übereinkünfte wieder etwas mehr der Realität außerhalb des Internets annähern“. Das ist aus der Sicht und Lebenswelt eines kultivierten Menschen gedacht. Es gibt aber natürlich auch Rituale und Übereinkünfte im realen Leben, zu beobachten etwa bei Volksfesten und manchmal auch bei Fußballspielen, von denen man sich nur wünschen kann, dass man ihnen im Netz nicht auch noch begegnen muss. Und vieles, was uns im Internet irritiert, ist eigentlich nur ein Abbild dessen, was auch im realen Leben passiert – hier aber sichtbar wird.

Abgesehen davon beschreibt Kalbitzer sehr gut die Umbruchsituation, in der wir uns bewegen: Viele Fragen sind noch nicht geklärt, wenn es darum geht, wie wir mit dem Internet leben wollen.

In der Tat sind wir von den Veränderungen, die die Digitalisierung in den letzten 20 Jahren ausgelöst hat, quasi überrollt worden. Um einen Umgang damit zu finden, müssen wir uns im Netz selbst beobachten und anderen zusehen, wir müssen experimentieren. Wir müssen vor allem auch eine Diskussion über Grundwerte führen und uns gemeinsam fragen, wie wir diese in einer Gesellschaft gewährleisten wollen, in der das Netz neue Bedingungen für die Kommunikation und unser Zusammenleben geschaffen hat.

Kalbitzer beschreibt, wie das Internet Grenzen auflöst, die uns in der Vergangenheit eine Stütze und Orientierung gegeben haben. Diese neue Grenzenlosigkeit bietet einerseits die Möglichkeit, auf alles von überall jederzeit Zugriff zu haben. Andererseits fordert genau das ein hohes Maß an Selbstregulation, die nicht jeder aus eigener Kraft aufbringen kann oder – wie Kinder – dabei zumindest intensive Begleitung braucht. Kalbitzers Hinweise an Eltern sind gut und greifen das auf, was die besseren pädagogischen Ratgeber empfehlen: Die Kinder begleiten, mitmachen, sich informieren, was sie fasziniert.

Es gibt aber auch Situationen, in denen Einzelne die notwendigen Grenzen nicht mehr alleine setzen können – hier sind wir als Gemeinschaft gefragt, auch darauf verweist Kalbitzer in einer grundsätzlich optimistischen Haltung. Der Schutz vor Hatespeech etwa ist eine Herausforderung, mit der Betroffene ab einem gewissen Punkt überfordert sind. Sehr eindrucksvoll hat das kürzlich Anne Matuschek in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche beschrieben. Sie hatte sich nach heftigen Anfeindungen und Bedrohungen von der Plattform Twitter zurückgezogen. Um Einzelne zu schützen, sind auch die Betreiber von Plattformen dafür verantwortlich, die Grenzen zu setzen und dafür zu sorgen, dass sich Menschen frei und ohne Angst in den Netzwerken bewegen können.

Ob das Buch wirklich helfen kann, eine vermeintliche digitale Paranoia zu überwinden, vermag ich nicht zu sagen. Viele Fragen, die wohl auch in der Forschung noch eine Rolle spielen werden, bleiben offen, und sicher müssen die Diskussionen darüber, wie wir im und mit dem Netz leben wollen, fortgesetzt und in weiteren Dimensionen geführt werden. Kalbitzer, der am Institut für Internet und seelische Gesundheit in Berlin an der Charité forscht, lädt dazu explizit ein: Er beschreibt sein Buch als „Essenz der spannenden Anfangszeit dieses Projekts“, das er im Netzwerk mit ganz unterschiedlichen Menschen betreibt – vor allem aber auch als Einladung an seine Leser*innen, sich an der Diskussion zu beteiligen.

„Digitale Paranoia – Online bleiben, ohne den Verstand zu verlieren“ von Jan Kalbitzer, C. H. Beck, München, 208 Seiten, 16,95 Euro. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.

Weitere Rezensionen:

  • Spiegel Online, 19.9.2016: „Digitale Paranoia“ von Jan Kalbitzer: Warum uns das Internet Angst einjagt. Von Angela Gruber
  • FAS, 9.9.2016: Digitaler Stress. Wir finden kaum inneren Abstand. Von Karen Krüger

Eine gute Zusammenfassung der Gedanken aus dem Buch auch im Interview mit Jan Kalbitzer bei WDR 5 aus der Reihe „Neugier genügt – Freifläche“ (29.6.2016)