#metoo — von Anfang an viel mehr als eine „digitale Bewegung“

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Unter dem Hashtag #metoo offenbaren seit einer Woche Tausende Frauen und auch einzelne Männer weltweit ihre persönlichen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Es gibt seit Tagen eine intensive Diskussion darüber — online wie in klassischen Medien.  Gute, differenzierte Beiträge sind zu lesen, erste auch von einzelnen Männern, die sich in der Verantwortung sehen. Freitagabend erschien der Print-SPIEGEL mit #metoo als Aufhänger für die Titelgeschichte. Ein gutes Zeichen dafür, welche Dimensionen die Debatte —  ausgelöst durch den Bericht über sexuelle Übergriffe des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein in der New York Times und den darauf folgenden Aufruf der Schauspielerin Alyssa Milano über Twitter — inzwischen erreicht hat. Es irritiert deshalb, wenn es im SPIEGEL nun heißt, die Debatte müsse erst das Digitale verlassen, um als Diskussion zwischen Männern und Frauen fortgesetzt zu werden:

„Es ist des­halb wich­tig, dass die Be­we­gung das Di­gi­ta­le ver­lässt und als De­bat­te zwi­schen Män­nern und Frau­en, An­ge­stell­ten und Vor­ge­setz­ten, Freun­den und Be­kann­ten fort­ge­setzt wird. Dass sie aus den in­tel­lek­tu­el­len Zir­keln auch zu de­nen vor­dringt, die täg­lich Se­xis­mus er­le­ben, ohne abends die Wor­te zu fin­den, ih­ren Miss­brauch auf Face­book zu tei­len.

Genau, was der SPIEGEL hier fordert, ist längst passiert. Es sind nicht nur „Intellektuelle“, die ihre Erfahrungen teilen und darüber diskutieren. Das lässt sich ganz einfach nachprüfen, wenn man dem Hashtag und die darunter veröffentlichten Postings einmal beobachtet. Es ist auch verharmlosend, das Ganze als „digitale Bewegung“ zu bezeichnen, denn das, worüber die Frauen berichten, hat sich ja nicht nur Netz, sondern vor allem im realen Leben abgespielt. Auch der Aufruf entstand nicht nur im Internet — der Tweet hatte eine Vorgeschichte und die wurde von einem klassischen Printmedium aufgedeckt. Die Diskussionen finden längst online wie offline statt, weil sich das im Leben der meisten Menschen gar nicht mehr so klar in die eine oder andere Sphäre trennen lässt. Es diskutieren viele Frauen und sicher noch viel zu wenige Männer. Es sprechen Prominente, Angestellte und Politikerinnen, und sie äußern sich dort, wo sie mit Menschen sonst auch diskutieren, im Netz wie zuhause oder in der Kneipe. Die Debatte muss — wenn überhaupt irgendwohin — noch mehr in die Kreise gebracht werden, die sie für überflüssig halten. Wenn die Titelgeschichte des SPIEGEL-Magazins dazu beitragen kann, und das glaube ich durchaus — umso besser.

Der SPIEGEL reduziert #metoo auf den reinen Hashtag, wenn die AutorInnen behaupten, eine differenzierte Debatte könne „die digitale Bewegung nicht leisten“:

„Das, was die di­gi­ta­le Be­we­gung nicht leis­ten kann, muss der ge­sell­schaft­li­che Dis­kurs er­rei­chen: dif­fe­ren­zie­ren. Zwi­schen Ver­hal­ten, das nicht geht, weil es straf­bar ist – und Ver­hal­ten, das der oder die eine als noch ak­zep­ta­bel emp­fin­det, der oder die an­de­re aber nicht.“

Es ist fraglich, warum hier unterschieden wird zwischen „der digitalen Bewegung“ und gesellschaftlichem Diskurs: Was anderes soll es denn sein, was da in den letzten Tagen stattgefunden hat, wenn nicht ein gesellschaftlicher Diskurs? Und warum sollte es im Rahmen der digitalen Bewegung nicht möglich sein, zu differenzieren?

Die Grundaussage der SPIEGEL–Titelgeschichte ist natürlich richtig: #metoo muss mehr sein als eine digitale Bewegung unter Intellektuellen. Es ist eine breite gesellschaftliche Debatte notwendig, die Konsequenzen müssen weitreichend sein.

Es ist ein Verdienst der vielen Frauen, die den Mut haben, ihre Erfahrungen im Netz zu teilen, dass diese Debatte jetzt schon viel breiter stattfindet, online, medial, in der Politik, im Kreis unter Freunden und hoffentlich auch mehr und mehr am Arbeitsplatz. Und es ist ein Verdienst der Hashtag-Kampagne #metoo, dass diese Debatte unausweichlich geworden ist, denn nur im Netz konnte diese unfassbare Menge an Grenzüberschreitungen und das Ausmaß sexualisierter Gewalt sichtbar gemacht werden.

Wenn erste jetzt zweifeln, dass die Debatte etwas verändern wird, und behaupten, schon die #Aufschrei-Kampagne sei folgenlos gewesen, sollte man Laura Himmelreich hören. Sie hatte 2013 mit ihrem Bericht im Stern die initiale Geschichte einer Grenzüberschreitung erzählt:

„Damals wurde immer wieder über die Grundsatzfrage diskutiert: Gibt es Sexismus in Deutschland?“, sagt Himmelreich. „Das fragt jetzt niemand mehr.“  (Spiegel-online, 20.10.2017)

Die aktuellen Debatte unter dem Hashtag „#MeToo“ kann darauf aufbauen. Sie ist ein weiterer wichtiger Schritt und hat das Potenzial, breite Bevölkerungsschichten nachhaltig zu erreichen, Veränderungen anzustoßen. Statt auf die überflüssige Unterscheidung zwischen den analogen und digitalen Anteilen der Bewegung zu pochen, sollten wir überlegen, wie wir dieses Potenzial gemeinsam am besten nutzen könnten.

Podcastkritik: Die Scheindebatten des Sascha Lobo

„Ich, ich, ich, ich…schon nach dem vierten Mal ein sinnloses Wort.“
Lars Gustafson,Tod eines Bienenzüchters

Schon bei den ersten Folgen des vor einigen Wochen von SPIEGEL Online gestarteten Podcasts von und mit Sascha Lobo schoss mir beim Zuhören immer wieder dieses Zitat durch den Kopf. Es sollte nicht verwundern, dass bei einem Audio-Angebot, das so stark auf diese Person fokussiert, auch die Ansichten, die Persönlichkeit und die Thesen des Autors im Vordergrund stehen. Er setzt sich in dem Podcast mit ausgewählten Kommentaren zu seiner Kolumne „Mensch-Maschine“ auseinander. Grundsätzlich ist das nicht uninteressant, immer wieder erhellend, und man kann ja viel lernen, wenn man Sascha Lobo beim Denken zuhört. Aber das alles soll doch mehr sein und präsentiert sich eben auch als „der Debattenpodcast“.

Sascha_Lobo

Was der Podcast mit dieser Selbstbeschreibung verfolgt, dafür ist die aktuelle sechste Folge vom 1. September sehr aufschlussreich. Man erkennt darin besonders gut, warum das Angebot seinem eigenen Anspruch nicht gerecht werden kann. Sascha Lobo reflektiert eingangs seine eigene Konzeption, kündigt an, das Angebot weiterentwickeln und „das richtige Format zu finden“ zu wollen. Er möchte „Debatten zeigen oder in Gang bringen“ und reagiert damit auch auf Kritik: In einem Kommentar bei iTunes hatte man ihn gefragt, ob er denn nun aufklären oder nur seine eigenen Thesen verteidigen wolle. Doch Rechthaberei oder Verteidigung seiner Positionen – das sei eines Debattencasts nicht würdig, so Lobo. Für sein Gegenprogramm zitiert er den Philosophen und Hermeneutiker Hans-Georg Gadamer aus einem SPIEGEL-Gespräch von 2000:

„Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte“.

Der Satz ist gerade wieder in vieler Munde und begegnet mir hier schon zum zweiten Mal in dem Kontext einer neuen Streitkultur für die Medien. Gadamer formuliert einen hehren Anspruch, und ich glaube aus zwei Gründen, dass Sascha Lobo daran mit diesem Podcast scheitern muss.

1. Unangemessene Kategorien

Wer Kommentare einleitend mit „das ist falsch“, oder „das ist sachlich falsch“ bewertet, kann sich danach nur noch schwer darauf einlassen, dass der andere Recht haben könnte. Sascha Lobo nutzt diese Kategorien immer wieder. Sein Zugeständnis an den oder die andere reicht nur so weit, dass er einräumt, seinen Standpunkt nicht hinreichend ausgeführt oder nicht verständlich genug ausgedrückt zu haben. Was Gadamer aber einfordert, reicht viel weiter. Es geht darum, den eigenen Standpunkt zu verlassen und sich konsequent in die Sichtweise des Gesprächspartners hineinzudenken. Ein solches Rollenspiel führt im besten Fall zum Erkenntnisgewinn, erfordert aber zunächst, sich auch von seinen eigenen Denkschemata zu lösen.

„Ein Gespräch führen heißt, sich unter die Führung der Sache stellen, auf die die Gesprächspartner gerichtet sind. Ein Gespräch führen verlangt, den anderen nicht niederzuargumentieren, sondern im Gegenteil das sachliche Gewicht der anderen Meinung wirklich zu erwägen. (…) Wer die ‚Kunst‘ des Fragens besitzt, ist einer, der sich gegen das Niedergehaltenwerden des Fragens durch die herrschende Meinung zu erwehren weiß. Wer diese Kunst besitzt, wird selber nach allem suchen, was für eine Meinung spricht. Dialektik besteht darin, dass man das Gesagte nicht in seiner Schwäche zu treffen versucht, sondern es erst selbst zu seiner wahren Stärke bringt.“
H.-G. Gadamer (1960), Wahrheit und Methode. Bd. 1, 6. Aufl., Tübingen 1990, S. 373

Genau das aber ist das Ding von Sascha Lobo nicht. Viel zu sehr kreist er um sich als Person, erklärt, wie er arbeitet, zu seinen Ansichten kommt, was er früher schon einmal geschrieben hat, wie er denkt: „Ich, ich, ich, ich“.

2. Ein Gespräch mit ungleichen Voraussetzungen

Ein Gespräch setzt – neben dem hohen Anspruch Gadamers – wohl zunächst auch voraus, dass der andere antworten kann. Das aber ist nicht das Konzept dieses Podcasts, und deshalb halte ich es für vermessen, ihn als „Debattenpodcast“ zu bezeichnen. Die Kommentatoren werden hier auseinandergenommen, interpretiert, teilweise sogar in ihrer vermeintlichen Psyche analysiert – antworten können sie nicht. Wir wissen, wenn wir diesen Podcast gehört haben, sehr viel über die Entstehungsgeschichte der Kolumne und die Gedankenwelt eines Sascha Lobo. Was wir (und auch Lobo) nicht wissen: Wer ist die Person, die sich hinter den Kürzeln der zitierten Kommentare verbirgt? Wie ist ihr Text entstanden, war er wohlüberlegt, strategisch durchdacht oder hat er/ sie einfach impulsiv in die Tasten gehauen? Nur wir als Hörer*innen erfahren übrigens auch nicht: Warum hat die Redaktion (oder Sascha Lobo selbst, das bleibt widersprüchlich) diesen und keinen anderen der vielen Kommentare ausgewählt?

Was hier als Debattenpodcast daherkommt, ist nur ein erweiterter Monolog des Sascha Lobo. Das ist symptomatisch dafür, wie einige Medien mit der gerade stark gehypten Publikumsbeteiligung umgehen. Man gibt vor, Leser, Zuschauerinnen und die Hörerschaft einbinden zu wollen – ein wirkliches Interesse oder auch Vertrauen in ihre Beiträge aber gibt es nicht. Sie bleiben leider immer wieder nur Stichwortgeber, um eine Diskussion anzufachen. Eine Diskussion, die hier Sascha Lobo doch wieder alleine führt. Ein echtes Gespräch zu produzieren, wäre sicherlich komplexer. Es würde voraussetzen, dass der Autor seine Gesprächspartner*innen näher an sich heranließe und sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzte. Es wäre aufwändiger, dafür aber bestimmt bereichernder und ehrlicher als diese Scheindebatten. 

Podcastkritik: „Tod eines Stasi-Agenten“

„Tod eines Stasi-Agenten“ ist eine sechsteilige Feature-Serie als Ko-Produktion des WDR und von Danmarks Radio. Auf der Erzählebene als spannende Ost-West-Agentenstory angelegt kann man diesen Podcast auch als Reflexion über journalistische Arbeitsweisen und Rollenbilder hören – und das ist mindestens genauso spannend.

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Illustration: © Marc Trompetter

Worum es geht

Im April 2008 wird Eckardt Nickol tot in einer Hütte einer dänischen Ferienanlage aufgefunden. Todesursache war vermutlich eine Überdosis Insulin. Nickol hatte zu DDR-Zeiten als Agent für die Stasi gearbeitet. Nach der Wende hatte er versucht, brisante Dokumente an Medien zu verkaufen – Papiere, mit denen Nickol die Verbindungen westdeutscher Politiker und Unternehmer zur Stasi nachweisen wollte.

Vom Tod des Ex-Stasi-Mitabeiters erfährt die dänische Journalistin Lisbeth Jessen, die ein paar Monate zuvor ein Porträt Eckardt Nickols für das dänische Fernsehen produziert hatte. Noch kurz vor seinem Tod hatte er sie angerufen und ihr mitgeteilt, dass er sich bedroht fühle. Während die Polizei keine weiteren Untersuchungen anstellt, rollt Lisbeth Jessen gemeinsam mit ihrem deutschen Kollegen Johannes Nichelmann den Fall für WDR 5 und für Danmarks Radio noch einmal auf.

Podcast-Genre

„Tod eines Stasi-Agenten“ ist eines der Audio-Features, die in der Nachfolge von Serial stehen, „Podcasting’s first breakout hit“ (David Carr in The New York Times). Serial gilt vielen als Vorbild für eine neue Art des Audio-Storytellings. Auch Lisbeth Jessen und Johannes Nichelmann gelingt es, ihre Nachforschungen über einen realen Todesfall zu einer über sechs Folgen spannenden Spurensuche zu komponieren.

Was ist das Besondere?

Die Folgen sind von Anfang bis Ende professionell inszeniert und aufwändig in zwei Sprachen produziert. Interessanter noch als die dramaturgische Komposition und die Umsetzung als Audio-Feature finde ich einen inhaltlichen Aspekt: Man kann diesen Podcast auch als inszenierte Medienkritik hören, als Schulterblick auf die Arbeit zweier Journalisten. Die Hörer*innen verfolgen mit den beiden die verschiedenen Fährten, die diese aufspüren, um herauszufinden, wie Nickol gestorben ist. Sie werden dabei mit verschiedenen Methoden der journalistischen Recherche, aber auch mit unterschiedlichen journalistischen Rollenbildern konfrontiert. Auf der Ebene der Erzählung erscheint das eher als Nebenaspekt, in seiner Gesamtheit kann man aber sogar das gesamte Feature als Metapher für ein zeitgemäßes Konzept von Journalismus verstehen.

Journalistisches Selbstverständnis 1: Lisbeth Jessen

Wenn Lisbeth Jessen beschreibt, mit welcher Haltung gegenüber Nickol sie das Interview für das dänische Fernsehen produziert hat, erklärt sie offen, dass sie sich nicht gefragt hatte, ob sie statt des vermeintlichen Top-Agenten einen Hochstapler vor die Kamera geholt hatte:

„Ich habe Eckardt nie so gesehen, für mich war er immer nur der Ex-Agent“, erklärt sie.

Das ist beachtlich und wirft auch Fragen auf, weil sie schon für dieses Interview mit einem Stasi-Forscher in Kontakt getreten war und auch jetzt für das Feature von den Experten erfährt, dass so gut wie nichts von dem stimmt, was der Ex-Agent von seiner Arbeit und seinen Kontakten erzählt hat. Das Zitat lässt sich hier wie eine Form der Selbstkritik verstehen, beziehungsweise als Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit: Als Journalistin und Journalist geht man eben nicht unvoreingenommen in die Recherche. Die Suche nach Fakten, die Interpretationen dessen, was man herausfindet, das alles ist immer maßgeblich von dem Bild geprägt, das jemand selbst sich vom Gegenstand der Berichterstattung, hier vom Porträtierten, einmal gemacht hat. Mit ihrem Zitat verdeutlicht Lisbeth Jessen, wie mit dieser Voreingenommenheit umzugehen ist: Man muss sie sich selbst bewusst und anderen gegenüber transparent machen.

Eine weitere wichtige Szene in Bezug auf das journalistische Selbstverständnis ergibt sich aus dem Gespräch mit einer Ex-Freundin Nickols. Diese ist fest davon überzeugt, dass ihr Partner damals eigene Interessen im Sinn hatte, als er dem Interview für das dänische Fernsehen zugestimmt hatte:

„Er hat dich da benutzt“, sagt sie zu Lisbeth Jessen, „ganz definitiv“.

Lisbeth Jessen fühlt sich aber auch im Nachhinein nicht instrumentalisiert, sondern sieht eher eine Win-win-Situation: Sie habe als Journalistin profitiert, weil Nickol ihr eine spannende Figur für ein Porträt geboten habe; er dagegen habe Interesse für die Papiere wecken wollen, um sie besser zu verkaufen. Das ist eine recht pragmatische, aber wohl auch realistische Beurteilung ihrer Rolle als Journalistin: Sie erkennt, dass sie mit ihrer Arbeit bestimmten Menschen und deren Interessen eine Öffentlichkeit verschafft. Eine Haltung, von der sie sich nicht ganz sicher ist, ob ihr Kollege Johannes sie teilen kann – sie befürchtet gar, er könne aus dem gemeinsamen Projekt aussteigen.

Doch erst in einer anderen Szene scheint es zwischen Lisbeth Jessen und Johannes Nichelmann zu einem leichten Konflikt zu kommen. Nur durch eine Randbemerkung wird klar, dass Lisbeth Jessen Teil der Geschichte ist, die sie gerade gemeinsam untersuchen: Sie war es, die den Todesfall der Polizei gemeldet hatte. Offenbar ist es dem Journalisten – im Gegensatz zu seiner Kollegin – sehr wichtig, zu erwähnen, dass Lisbeth hier entscheidend in die gemeinsam zu recherchierende Geschichte eingegriffen hat. Das ist nachvollziehbar, ist sie damit doch immerhin zur Akteurin geworden und damit weniger distanziert vom Geschehen als eine neutrale Beobachterin.

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Lisbeth Jessen und Johannes Nichelmann. Foto: WDR

Journalistisches Selbstverständnis 2: Chefredakteur Siegfried Matlok

Dickfälliger in puncto kritische Distanz erscheint der Chefredakteur der Nordschleswiger Zeitung, der Tageszeitung für die deutsche Minderheiten Süd-Dänemarks, Siegfried Matlok, den die beiden befragen, weil er einer der ersten „Kunden“ Nickols gewesen war. Er hatte auf den großen Coup gehofft, als er dem Ex-Agenten damals Dokumente über angebliche Verbindungen von norddeutschen Politikern mit NS-Vergangenheit zur Stasi abgekauft und diese dann veröffentlicht hatte – im zweiten Anlauf sogar mit Nennung von Namen. Dabei hatte er offenbar darauf verzichtet, zu recherchieren, ob die Papiere echt waren. Als nun offensichtlich ist, dass es sich bei den Dokumenten um Fälschungen gehandelt hat, ist die Rechtfertigung des Chefredakteurs abenteuerlich, sicher aber auch bezeichnend für die Hybris eines bestimmten Typus von Journalisten: Er habe bis heute kein schlechtes Gewissen, erklärt er im Gespräch mit Jessen und Nichelmann, weil er doch ursprünglich selbst fest von der Echtheit der Dokumente überzeugt gewesen sei.

Man ahnt an dieser Stelle, wie es vor Jahren zu den Veröffentlichungen der gefälschten Hitler-Tagebücher hatte kommen können: zu irre die Geschichte, zu groß die Verlockung, hier die große Story aufdecken zu können, zu gering die Zweifel an der eigenen Urteilsfähigkeit. Da gerät die journalistische Sorgfaltspflicht schon mal in Vergessenheit. Die Auslassung des Gegenchecks oder die Rückfrage bei Experten werden nicht einmal nachträglich thematisiert, geschweige denn wird das Versäumnis als Fehler eingestanden – obwohl hier sogar Menschen namentlich zu Unrecht beschuldigt worden waren. Mit diesem ungebrochenen Glauben an die eigene Urteilsfähigkeit steht der dänische Chefredakteur im Gegensatz zu der bewusst-selbstkritischen Haltung Lisbeth Jessens. Das Feature präsentiert ihn als Auslaufmodell.

Journalistisches Selbstverständnis 3: Stephan Richter

Als weiterer Gegenentwurf erscheint Stephan Richter, der in der Zeit Kontakt zu Nickol hatte, als er vor seiner Pensionierung noch Chefredakteur des Flensburger Tageblatts gewesen war. Auch er hatte sich mit ihm getroffen, auch er war zunächst fasziniert von den Informationen, die Nickol versprach. Doch war er schnell in der Lage zu erkennen, dass die Dokumente falsch waren, weil sie ihm bereits von anderer Stelle angeboten worden waren. Er hatte sie schon damals gleich an die zuständigen Behörden weitergeleitet. Anders als sein dänischer Kollege hatte er wohl klar erkannt, dass die Prüfung der brisanten Dokumente seine Kompetenzen überschreiten würden und konnte deshalb auf die verlockende Story, die vielleicht gar keine war, verzichten.

Metapher für den Abschied vom allwissenden Journalisten

Wie die gesamte Recherche ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten. Um zu nachzuvollziehen, warum das Feature als Ganzes als Metapher für einen im Zeitalter der Digitalisierung gewandelten Journalismus verstanden werden kann, ist eine Aussage Nichelmanns in einem Interview bezeichnend. Er beschreibt darin die Unterschiede zwischen deutschen und skandinavischen Audio-Features. Letztere verzichteten auf den auktorialen Erzähler, die Instanz also, die aus der übergeordneten Perspektive den Hörer*innen die Fakten ordnet und die Welt erklärt. Von diesem allwissenden Erzähler – hier Journalisten – hat sich auch „Tod eines Stasi-Agenten“ verabschiedet. Auf inhaltlicher wie auf formaler Ebene vermittelt dieser Podcast damit ein sehr zeitgemäßes journalistisches Rollenbild, das Journalisten eher als Suchende denn als Wissende beschreibt, als Sammler von Fakten und Expertenmeinungen, die ihre Quellen und Recherchen gegenüber dem Publikum transparent machen und offenlegen, wie sie daraus zu Bewertungen und Meinungen finden.

Was die Autoren sagen

In dem oben genannten  Interview mit dem freien Radio Pop-Feuilleton gibt der Autor Johannes Nichelmann Einblick in die Produktion der Feature-Serie und berichtet, wie er zusammen mit Lisbeth Jessen an das umfangreiche Recherchematerial herangegangen ist.

Was andere sagen

Die Journalistin und Bloggerin Franziska Bluhm empfiehlt den Podcast mit einer Notiz in ihrem Blog, nachdem sie die ersten drei Folgen gehört hat und die folgenden noch nicht erschienen sind. Sie ärgert sich ein wenig, dass der WDR nicht alle Folgen auf einmal zur Verfügung gestellt hat. Ich selbst habe es dagegen genossen, von Woche zu Woche zu warten und mich jedesmal zu freuen, wenn ein weiterer Podcast verfügbar war – es hat für mich den Reiz und die Spannung noch einmal erhöht.

Der Medienjournalist Alexander Matzkeit ist insgesamt weniger begeistert: „Eine Abenteuergeschichte mit scheinbar erstaunlichen Wendungen aber ohne größere Erkenntnis“ schreibt er in seiner Kritik, die in epd-medien 28/2017 erschienen ist und deren erster Teil in seinem Blog zu lesen ist.

Tod eines Stasi Agenten: alle Folgen zum Download und als Podcast beim WDR.

6-teilige Feature-Serie
Von Lisbeth Jessen und Johannes Nichelmann
Sprecher: Angelika Bartsch, Judica Albrecht und Bernhard Schütz
Ton: Jonas Bergler
Redaktion: Leslie Rosin
Produktion: WDR/ Danmarks Radio 2017

Wer schreibt darüber, wenn #deutschlandspricht?

Deutschland_spricht

„Wann haben Sie das letzte Mal ausführlich mit jemandem gesprochen, der ganz andere politische Ansichten hatte? Schon länger her? Wir haben da eine Idee.“

Mit diesen Sätzen startete ZEIT online Anfang Mai den Aufruf zu einem Experiment: #deutschlandspricht. Man wollte herausfinden, ob es das noch gibt: den offenen Austausch, ein ehrliches Gespräch zwischen zwei Menschen, die gegensätzliche Ansichten vertreten. Eine spannende, gute Aktion, eine Idee, die von Anfang an viele überzeugt hat – mich auch, und das bis heute. Einen der Berichte darüber aber finde ich problematisch.

Sascha Lobo bezieht sich hier auf den Text des Chefredakteurs von ZEIT online. Am 20. Juni hat Jochen Wegner über seine Begegnung mit einem ihm bis dahin Unbekannten geschrieben. Die Idee war recht spontan entstanden: Warum sollte er als Journalist nicht selbst an dem Experiment teilnehmen? Sein persönlicher Bericht über die Begegnung mit Mirko begeisterte viele Menschen, die sich bei Twitter dazu äußerten. Den Ansatz finde ich richtig: Journalisten suchen den Dialog. Und doch hatte ich auch ein ungutes Gefühl, als ich den Text las.

Gespräch mit einem Unbekannten

Der Mensch, mit dem Jochen Wegner hier spricht, ist Maschinen- u. Anlagenführer, verbringt seine Freizeit mit Kochen, Kind und Computerspielen. Man erkenne ihn an einem dicken Nasenring, hatte er in seiner kurzen Selbstdarstellung geschrieben und  sich darin als Freund von „flachen Witzen“ geoutet.

Mirko glaubt, Deutschland habe zu viele Flüchtlinge aufgenommen, der Westen gehe nicht fair mit Russland um, und er hält den Atomausstieg für einen Fehler. Jochen Wegner vertritt zu diesen Punkten  gegensätzliche Standpunkte, und auch sonst sei Mirko, so Jochen Wegner, „ganz anders sein als alle anderen Leute, die ich in unserer Gegend kenne“.

Der Journalist zeichnet sehr genau nach, wie die Begegnung verlief, mit welchen Erwartungen er hineinging und wie überrascht er dann war, dass sich ein ziemlich gutes Gespräch daraus entwickelt hat. Ich habe etwas länger gebraucht, herauszufinden, was mich an diesem Text eigentlich gestört hat. Es fehlt etwas, das gerade für dieses Experiment essentiell wichtig gewesen wäre: die Erzählung aus der Sicht von Mirko. Er bleibt in diesem Text, auch wenn er selbst sich äußert und Jochen Wegner aus seinen Mails und WhatsApp-Nachrichten zitiert, das Objekt der Berichterstattung. Er ist „der Andere“, dem sich der Autor offen, neugierig und wohlwollend nähert. Aber: Was empfindet jemand wie Mirko, wenn er mit dem politisch Andersdenkenden spricht? Was fällt ihm auf, welche Überraschungen erlebt er, welche Differenz nimmt er wahr und was denkt er nachher? Was ist im Stadtteil, wo Mirko wohnt, anders als dort, wo Jochen Wegner beim Einkauf im Bioladen seine Freunde trifft?

Mirko habe ihm erlaubt, über ihr Treffen zu schreiben, erklärt der Chefredakteur im Text. Der Journalist will seinen Gesprächspartner für das Experiment nicht instrumentalisieren – diese Sensibilität ist gut und angebracht, wenn man den Austausch auf Augenhöhe sucht. Doch es bleibt ein Ungleichgewicht, wenn diese Augenhöhe nur aus einer Perspektive heraus entwickelt wird und die Deutungsmacht über das Zwiegespräch einem von beiden überlassen bleibt. Die Folge ist nicht unerheblich, weil die Meinung, die der andere vertritt, eben auch die „andere“ bleibt.

Diversität in Redaktionen – ein Schwachpunkt

Dieses Missverhältnis ist meiner Meinung nach über das einzelne Experiment hinaus beachtenswert. Es verweist auf eine grundsätzliche Schwachstelle von Medien, in denen uns Journalist*innen ein Bild der Welt vermitteln, die sich von ihrer sozialen Herkunft, ihrem Bildungshintergrund und oft sogar in ihren Vorlieben oftmals sehr ähnlich sind. Das wird problematisch, wenn Menschen, die diesen Hintergrund nicht teilen und in anderen Zusammenhängen leben, sich mit ihren Themen und Anliegen als Publikum nicht wiederfinden. Einen Mirko gibt es nicht nur im Prenzlauer Berg von Jochen Wegner nicht, es gibt ihn auch nicht in den Redaktionen. Sollte es gerade deshalb nicht weniger Experiment, sondern journalistischer Alltag sein, dass ein Journalist mit jemandem wie Mirko ins Gespräch kommt?

Zu wenig Nähe zum Publikum, zu nah dran an den Eliten?

Die fehlende Vielfalt in den Redaktionen ist auch dann problematisch, wenn es auf der anderen Seite eine zu große Nähe zur Elite eines Landes gibt. Darauf verweist der Medienwissenschaftler Uwe Krüger aus Leipzig in einem Beitrag des Deutschlandfunks über die „Vertrauenskrise in den Medien“:

„Uwe Krüger konstatiert eine wachsende soziale Homogenität. Arbeiter- und Migrantenkinder finden sich selten in Redaktionen. Die Mehrheit der Journalisten in den meinungsprägenden Medien komme wie die meisten Politiker und Lobbyisten aus dem deutschstämmigen Bildungsbürgertum.“

Mit einem anderen Text von #deutschlandspricht gelingt das Experiment aus meiner Sicht besser: Ein Professor und ein Student mit auf den ersten Blick gegensätzlichen politischen Ansichten treffen sich zum Diskutieren. Ihre Begegnung zeichnet ein Text bei ZEIT Campus als gemeinsames Protokoll nach. In wechselnder Perspektive schildern die beiden zu den einzelnen Themen ihre Postionen und beschreiben, wie sie das Gespräch jeweils erlebt haben. Es bleibt den Leser*innen überlassen, ob für sie hier der Professor oder Student „der Andere“ ist.

Weiterlesen: Für die Initiative „Schmalbart“ hat sich die Journalistin Leonie Haenchen ein vergleichbares, wenn auch anders gelagertes Format der ARD angesehen. „Sag’s mir ins Gesicht!“ sucht ebenfalls das Gespräch auf Augenhöhe – und kommt dort nicht so wirklich an, so das Fazit ihres Textes.

Das Ende des Durchschnitts — wie wir ihn kannten

Dirk von Gehlen hat Anfang des Jahres ein neues Buch veröffentlicht – „Meta! Das Ende des Durchschnitts“. Eine Lektürebeschreibung.

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Wenn am Sonntagabend der „Tatort“ startet, gibt es einige Menschen, die viel Wert darauf legen, pünktlich ab 20.15 Uhr „live“ zuzuschauen, obwohl es dank Mediathek und Aufnahmemöglichkeit eigentlich keinen Grund mehr dafür geben sollte. Sie aber haben einen: Sie möchten den Tatort live-twitternd unter #tatort via second screen kommentieren, analysieren, die Dialoge bewerten und sich austauschen. Die Tatort-Fans verhalten sich damit freiwillig wieder so wie die Zuschauerinnen und Zuschauer in den Zeiten, als das Fernsehprogramm nur zur ausgestrahlten Zeit zu empfangen war und unseren Tagesablauf strukturierte. Was neu ist: Sie produzieren mit ihren Tweets neue Inhalte, neue Texte, neue Daten.

Ich musste an diese Tatort-Tweets denken, nachdem ich das aktuelle Buch „Meta! Das Ende des Durchschnitts“ von Dirk von Gehlen gelesen hatte. Er ist Journalist und Leiter Innovation bei der Süddeutschen Zeitung und beschreibt, wie sich in der Kultur, Automobilindustrie, im Gesundheitsbereich und selbst im Sport ein immer gleiches Phänomen beobachten lässt: Der Mainstream als kleinster gemeinsamer Nenner hat ausgedient. Wir leben im Zeitalter der Personalisierung – die Digitalisierung macht es möglich, dass wir das Produkt, die Zeitung, die Playlist kaufen oder abonnieren können, die unseren persönlichen Anforderungen und Wünschen am meisten entspricht. Wie unsere Vorlieben aussehen, lässt sich im Zuge der Digitalisierung immer feiner, immer passgenauer ermitteln.

Von der Lautsprecher- zur Kopfhörerkultur

Dirk von Gehlen nutzt ein sehr eingängiges Bild, um diese Entwicklung zu bezeichnen, wenn er vom Übergang von der „Lautsprecher zur Kopfhörer-Kultur“ spricht: Werden Informationen in der Lautsprecherkultur noch vom Absender definiert und für alle Empfänger gleich weiterverbreitet, bestimmt in der Kopfhörer-Kultur die Empfängerin selbst, was sie wann hören will, wie laut und wo. Durch diese individuelle Rezeption formt sie die Information gleich mit, denn sie bestimmt, was für sie wichtig und relevant ist. Zudem produziert sie in ihrer Nutzung so genannte Meta-Daten, die in Zeiten der Digitalisierung bis aufs kleinste Detail erfassbar und verwertbar geworden sind, um immer passgenauere Angebote zu schaffen.

Was hat das nun mit den Menschen zu tun, die beim Tatort twittern? Parallel zu diesem Wandel gibt es auch gegensätzliche Entwicklungen, die Entstehung eines „neuen Durchschnitts“, wie es später im Buch heißt. Das ist zum Beispiel die Community der twitternden Tatort-Fans, die sich dank eines digitalen Dienstes unter einem Hashtag zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten über ein und den gleichen Film austauschen – sie eint, dass sie ihn alle gleichzeitig sehen. Jahrzehntelang konditionierte Rezeptionsgewohnheiten werden durch die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung zunächst über Bord geworfen, um sich in anderen Zusammenhängen neu zu konstituieren. Ob der Titel des Buches „Das Ende vom Durchschnitt“ damit so glücklich gewählt ist? Ich würde ergänzen: „wie wir ihn kannten“.

„Meta“ ist das dritte Buch von Dirk von Gehlen und zugleich die Klammer aller seiner bisherigen Veröffentlichungen, in denen es um digitale Kopien, verschiedene Versionen von Inhalten und diesmal um die Bedeutung des Kontextes geht. Dieser speist sich aus eben jenen Meta-Daten, die – etwas bei einem Buch – bei der Produktion und bei der Rezeption entstehen. Aus ihnen erwächst ein Bedeutungsgehalt, der den eigentlichen Inhalt erweitert und in der Summe aller Rezeptionen wichtiger wird als dieser Inhalt selbst – so eine der grundlegenden Thesen des Textes.

Versuchsbeschreibung

Wenn ich über ein Buch, schreibe, das den Kontext über den Inhalt erhebt, muss ich natürlich berichten, wie ich es gelesen habe. „Das Buch“ ist allerdings irreführend. Denn Dirk von Gehlen hat dieses Projekt, wie auch den Vorgänger, „Eine neue Version ist verfügbar“ als Experiment konzipiert, mit dem er das beschriebene Phänomen gleich selbst anwendet. „Meta“ ist deshalb in verschiedenen Ausgaben verfügbar:

  • die Präsentation, die die Grundidee zusammenfasst
  • das E-Book,
  • der Podcast,
  • die Standard-Print-Version,
  • die Print-Premium mit den Annotationen des Autors direkt am Rand
  • das limitierte Komplett-Paket, das alle Versionen inklusive einer Einladung zur Book-Release-Veranstaltung umfassen sollte

Interessanterweise war es aber trotz all dieser Möglichkeiten gar nicht so einfach, das Buch so zu lesen, wie ich es wollte. Als die ersten Menschen Anfang Februar schon Fotos des Titels im Netz veröffentlichten, wartete ich als Bestellerin des Komplett-Pakets noch. Doch es wurden leider nicht wie angekündigt die Bestandteile des Komplett-Paketes einzeln zugestellt, also auch das E-Book nicht. Um bei einer Social-Reading-Gruppe in Gemeinschaft lesen und diskutieren zu können, habe ich mir die digitale Version gekauft. Das Social Reading hat dann aber unter anderem wegen technischer Zugangsprobleme nicht funktioniert.

Der Podcast landete per we-transfer bei mir im Spam-Filter. Der Link war nicht mehr gültig, als ich die Mail irgendwann entdeckte. Der Verlag schickte mir einen neuen zu. Angekündigt war dieser Podcast als produziertes „Gespräch zwischen Autor und Lektor über die Entstehung und über mögliche Lehren aus dem Buchprojekt“. Zu hören war ein unbearbeiteter Mitschnitt der Release-Veranstaltung mit heftigen Nebengeräuschen – für den Rezeptionskontext „unterwegs hören“ einfach nicht geeignet.

In einem Experiment sind gerade die Brüche und Reibungen interessant. Hier zeigen sie, dass die beschriebenen Umwälzungen noch im Werden sind –  oder zumindest in verschiedenen Branchen unterschiedlich weit fortgeschritten. Wir wissen noch nicht genau, wie das Spiel ausgehen wird. In der Verlagsbranche verhindern derzeit noch herkömmliche Produktions- und Distributionsprozesse, dass Bücher so produziert, verkauft und gelesen werden, wie es heute schon denkbar ist. Ein Podcast war als Produkt in diesem Verlag bislang einfach nicht vorgesehen – deshalb erhielt ich dafür auch eine Rechnung mit der Produktbeschreibung „Buch“. Selbst ein so fortschrittliches Unternehmen wie der Matthes-Seitz-Verlag, der sich immerhin auf das Experiment eingelassen hat, steht noch am Anfang des Endes vom Durchschnitt. Andere Branchen sind aber schon deutlich weiter, etwa die Musikbranche oder auch die Gesundheitsindustrie – spannende Interviews dazu sind im Buch nachzulesen.

Rezeption in Rezensionen und Gedanken

Meine letzte Annäherung an das Buch lief über die einzelnen Rezensionen, die bislang zu lesen sind. Sie erschienen bislang vorrangig im Januar/Februar und konnten damals das Experiment als Ganzes noch gar nicht berücksichtigen. Aber auch die Kultur der Buchbesprechungen gehorcht traditionellen Regeln und berücksichtigt ein Buch dann, wenn es das erste Mal erscheint, und nicht, wenn alle seine Versionen vorliegen. Auch hier regiert noch der Durchschnitt.

Es gibt die schöne Vorstellung vom Buch als Gespräch. Bislang beschränkt sich das hier noch auf den Dialog zwischen mir und dem Text. Ein Anfang. Jetzt ist dieser hier dazu entstanden. Das Buch hat einige Gedanken angeregt, über die mich bislang noch nicht ausgetauscht habe, die ich aber spannend finde:

  • Was macht es mit uns als Gesellschaft, wenn sich aus der Masse, die gemeinsam vor dem einen Lautsprecher Informationen aufnimmt, Individuen entwickeln, die nur noch per Kopfhörer hören? Wenn nicht mehr alle zusammen vor dem Fernseher, sondern jeder vor seinem Endgerät sitzt und den eigenen Film schaut? Was fällt damit weg, was gewinnen wir? Und wo anders als beim Twittern zu #tatort finden wir wieder zusammen?
  • Große Potenziale birgt das „Ende des Durchschnitts“ für den individualisierten Schulunterricht: Schulbücher, die den Lernfortschritt einzelner Schülerinnen und Schüler berücksichtigen, Tablets, die auch Kindern mit Lernbehinderungen Inhalte verfügbar machen, etc. Damit verbunden sind hier besonders wichtig die Fragen und Forderungen, die Dirk von Gehlen ebenfalls nennt: Datenschutz, Datensouveränität und Transparenz der Algorithmen.
  • Könnte sich das Ende des Durchschnitts auch auf eine Ausweitung verschiedener Modelle des Zusammenlebens führen? Werden wir toleranter gegenüber alternativen Lebensformen, wenn wir es gewohnt sind, dass Mainstream als vorherrschendes Prinzip abgelöst wird?
  • Was machen wir mit unserer Sehnsucht nach Einfachheit und Verständlichkeit? Macht uns die große Vielfalt nicht irgendwann ganz wuschelig und sehnen wir uns vielleicht irgendwann doch zu den Zeiten zurück, in der uns die Informationen des Tages in einer ganzen Zeitung angeboten wurden und wir nicht über jeden einzelnen Artikel, dessen Wert und Relevanz entscheiden mussten?

Und so haben andere Leserinnen und Leser das Buch gelesen (in einem Fall habe ich mich tatsächlich gefragt, ob es noch eine andere Version gab, die mir nicht bekannt ist):

Warum der #marchforscience politisch ist – und warum ich mitgehe

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Morgen werden in Deutschland und weltweit Menschen auf die Straße gehen, um beim #marchforscience für die Wissenschaft zu demonstrieren. Sie folgen damit einem Aufruf aus den USA am „Earth Day“ gegen die antiwissenschaftliche Haltung Trumps zu protestieren – in Anlehnung an den Women’s march Anfang des Jahres.

Die Bewegung in Deutschland hat nicht nur viele Anhänger gefunden, sondern hat auch Kritik provoziert. Manche halten den March für reinen Aktionismus, andere bezweifeln, dass die Demonstrationen eine breite Öffentlichkeit erreichen könnten. Eine ganz grundsätzliche lautet, Wissenschaft dürfe nicht politisch sein.

Ich gehe genau deshalb mit, weil ich überzeugt bin, in diesen Tagen muss Wissenschaft politisch sein. Nicht parteipolitisch und auch nicht politisch in dem Sinn, dass Wissenschaftler*innen aus wissenschaftlichen Ergebnissen konkrete politische Forderungen ableiten sollten. Das ist nicht ihre Aufgabe. Aber die Wissenschaft muss politisch werden, wenn es um ihre eigene Existenz geht:

  • Wenn Menschen ihr die Daseinsberechtigung absprechen, gesicherte Erkenntnisse ignorieren, um ihre persönlichen Meinungen durch so genannte „alternative Fakten“ zu untermauern.
  • Wenn durch ungesicherte Arbeitsverhältnisse die Qualität der wissenschaftlichen Forschung gefährdet ist.
  • Wenn durch die Benachteiligung von Wissenschaftlerinnen wichtige Sichtweisen strukturell ausgeklammert werden und Frauen diskriminiert werden.
  • Wenn durch politische Einschränkungen der internationale Austausch gefährdet ist und Menschen wegen ihrer Herkunft nur eingeschränkt oder gar nicht wissenschaftlich arbeiten dürfen.

Viele sehen nicht, dass es bei den insgesamt 22 lokalen Aktionen in Deutschland um mehr geht, als „gegen Trump“ zu sein – die Zielformulierungen zum Beispiel in Hamburg zeigen das klar.

Es ist nicht alles im Guten in der Wissenschaft – aber es ist sehr gut und wichtig, dass es sie gibt. Wir als demokratische Gesellschaft profitieren davon. Dafür lohnt es sich, auf die Straße zu gehen, und zwar nicht nur für Wissenschaftler*innen. Am Samstag sind wir explizit alle aufgerufen, dabei zu sein.

Lesenswert:

Hörenswert:

hr2 Kultur: March For Science. Wenn Wissenschaft politisch wird.

Resonator – der Podcast der Helmholtz-Gesellschaft: RES105 March for Science.

 

 

 

Podcastkritik: „Durch die Gegend“ – Hörstück für Flaneure

Der Medienjournalist und Blogger Stefan Niggemeier, selbst Macher (mindestens) zweier Podcasts, hört selbst selten welche. Das gesteht er Christian Möller, dem Autor des Podcasts „Durch die Gegend“, der sich mit ihm zum Gespräch und zum Spaziergengehen draußen außerhalb von Berlin verabredet hat. Hier kommt Niggemeier auf die Idee, dass man beim Laufen mit Hund eigentlich sehr gut Podcasts hören könnte. Sollte er ausprobieren – und am besten mit „Durch die Gegend“ anfangen. Genau das schlägt auch Christian Möller vor. Niggemeier übernimmt die Vorlage:

„Das wäre ja verwirrend. Dann wäre man in der Gegend und würde anderen Leuten zuhören, wie sie durch die Gegend gehen“.

Christian Möller dreht es weiter:

„Wenn jetzt Leute den Podcast hören, und uns beim durch-die-Gegend-Gehen zuhören, während sie durch die Gegend gehen, und wir reden darüber, dass sie den Podcast hören, ich glaube, dann werden sie wahnsinnig.“

Durch die Gegend-Niggemeier

Man wird nicht wahnsinnig. Und es ist natürlich nicht verwirrend, „Durch die Gegend“ beim Gehen zu hören – ganz im Gegenteil: Diesen Podcast darf man überhaupt nur hören, wenn man selbst spazieren geht. Nur so entfaltet sich sein großer Reiz. Erst in Bewegung entsteht das Gefühl, direkt nebenherzulaufen, während Christian Möller sich mit Schriftstellerinnen, Musikerinnen, Journalisten oder Politikern unterhält. Ganz nah dran, das Knirschen der Steine beim Gehen direkt im Ohr, wie auch die Hintergrundgeräusche von der Straße oder aus Cafés, das leicht unregelmäßige, etwas schwere Atmen der beiden Laufenden, wenn sie sich beim Gehen unterhalten. Ich habe mich schon zwei- bis dreimal dabei ertappt, in Gedanken selbst eine Frage ins Gespräch zu werfen. Manchmal hat Christian Möller genau die dann gestellt. Und immer wieder habe ich mich umgesehen, wenn Geräusche eines heranfahrenden Autos zu hören waren und ich selbst am Rande einer Straße lief.

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Während meines letzten Urlaubs habe ich eine ganze Reihe einzelner Folgen von „Durch die Gegend“ gehört. Vielleicht haben die Umgebung und die Ausnahmesituation meine Begeisterung getriggert. Der Podcast hat mich bei wunderbaren Morgenspaziergängen durch die Bergstraßen einer kanarischen Insel begleitet. Ich war unterwegs unter anderem mit Marina Weisband, Juli Zeh, Igor Levit, Volker Beck und David Wagner. Ich habe Persönliches, Nebensächliches, Überraschendes, auch Bekanntes von diesen Menschen erfahren, die ich meinte, aus den Medien schon etwas zu kennen. Zuhause habe ich getestet: Durch die Gegend funktioniert auch im Alltag, in den Parks und Straßen der Großstadt sehr gut.

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Die Spaziergänger von „Durch die Gegend“ wurden mir beim Hören sympathisch oder ich habe sie nach über einer Stunde Begleitung etwas weniger gemocht. Wie auch immer der Eindruck war: Ich konnte mir selbst ein Bild machen. Denn Christian Möller nimmt sich als Person und Fragender zurück, lenkt das Gespräch nur so weit, wie es gerade nötig ist. Seine Gäste mäandern durch ihre Gedanken, für die er mit seinen Fragen oder einfach die Umgebung die Anstöße liefert. Sie erzählen von ihrer Kindheit oder kommentieren aktuelle Erlebnisse. Der Autor lässt sie in die Rolle von Flaneuren schlüpfen, die sich durch die Gegend treiben lassen und die das, was sie sehen und ihnen begegnet, zu Reflexionen inspiriert. Konsequent, dass Christian Möller die Wahl der Route seinen Gesprächspartnern überlässt.

Er unterbricht nur selten, hat keinen Gesprächsleifaden und stellt keine konfrontativen Fragen. Hat man in Interviews oft das Gefühl, es soll ein rundes Bild entstehen, so bleibt es hier bei Fragmenten. So viel, wie die Person zu geben bereit ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Als Schorsch Kamerun nach einer Stunde aufhören will, lässt Christian Möller Bedauern erkennen (viele Folgen dauern über 90 Minuten) – aber macht dann auch Schluss. Schorsch Kamerun ist übrigens der einzige von denen, die ich bisher „durch die Gegend“ begleitet habe, der es explizit anstrengend findet, über sich selbst zu reden – was man nach einer Stunde Zuhören ganz gut nachvollziehen kann. Die anderen scheinen dankbar, hier selbst den Takt angeben und die Richtung bestimmen zu können, in die das Gespräch läuft – und damit auch das Bild selbst zu formen, das von ihnen entsteht.

Die Auswahl der Gesprächspartner hat mich von Anfang an beeindruckt. Christian Möller gehörte zu den ersten Journalisten, die sich mit dem Grünen-Politiker Volker Beck nach dessen kurzen Rückzug aus der Öffentlichkeit unterhalten haben. Er war letztes Jahr beim Kauf von Drogen erwischt worden. Unaufgeregt lässt der Autor den Vorfall gleich zu Anfang ins Gespräch einfließen und überlässt es Volker Beck, das Thema zu steuern. Christian Möller weiß, wie man Menschen sensibel begegnet. Mit Juli Zeh spricht er darüber, wie Medien sie immer wieder in ein bestimmtes Schema pressen. Wie sie an der Uni lernen musste, mit deutlicher Kritik an ihren Texten fertig zu werden, weil sie dem als überholt geltenden Prinzip des auktorialen Erzählers anhing und damit gegen den Zeitgeist schrieb. Marina Weisband erklärt, warum sie die Piraten verlassen hat und warum sie sich stundenlang in Bastelläden aufhalten kann. Christian Möller hat Menschen für den Gang „Durch die Gegend“ gewonnen, die mich als öffentliche Personen fast ausnahmslos interessieren.

Ich hoffe auf noch viele weitere Folgen, dürft ich Wünsche äußern, zum Beispiel mit Dunja Hayali, Carolin Emcke, Dirk von Lowtzow, Margarete Stokowski, Manuela Schwesig, Daniel Schreiber oder Kathrin Passig. Gespannt bin ich auf die angekündigte Folge mit Sibylle Berg. Und sehr gerne wäre ich als Hörerin dabei, wenn einmal jemand mit Christian Möller durch die Gegend läuft. Am besten durch Lübbecke bei Minden. Dort ist er aufgewachsen, und ich war überhaupt nicht erstaunt, zu hören, dass dieser Autor ein Ostwestfale ist.

„Durch die Gegend“ erscheint im Podcast-Label Viertausendhertz. Über dessen Konzept erfährt man mehr in einem Gespräch bei SRF 4 mit einem der Gründer, Nicola Semak (letzter Teil des Beitrags). Bislang sind 16 Folgen von „Durch die Gegend“ erschienen, den Podcast kann man hier abonnieren.

Der Autor Christian Möller arbeitet als freier Journalist und Radiomoderator in Köln, unter anderem für den WDR und Deutschlandradio.