Buchrezension „Besser wird es nicht“: Plädoyer für den Augenblick

Besser wird es nicht

Lässt sich ein Leben in 98 Episoden erzählen, wenn diese aus jeweils nur einem Satz bestehen? Und was macht es aus einem Text, wenn die Hauptsatz-Prädikate nur als Infinitiv erscheinen? Ein Versuch der Beschreibung. Die eigentliche Empfehlung aber lautet: Lest dieses Buch!

Nachts nach einem langen Kneipenabend mit einem Begleiter nach Hause zu fahren, die Haustür aufzuschließen, dabei von ihm gesagt zu bekommen, vorher muss ich noch telefonieren, lässt du mich nachher dann rein?; oben in der Wohnung wenig Licht zu machen, auf der Couch zu warten, irgendwann ins Bett zu gehen, wo es wärmer ist, und bereits zu schlafen, als es klingelt. („Besser wird es nicht“, Seite 31, Episode 20)

Silke Stamm hat sich für diese ungewöhnliche Form entschieden, um mit „Besser wird es nicht“ Ausschnitte aus dem Leben einer Frau wie in einer Collage zusammenzufügen. Stark verdichtet, ohne Bewertungen und Erklärungen, müssen die Sätze erst nachklingen, bis sie ihre Bedeutung enthüllen. So beim Tod des jüngeren Bruders, der beim Paddeln „hineinfällt und mit einem Jauchzen untergeht“. Gleich in der ersten Episode die ganze Tragik in einem einzigen Satzteil, in dem starken Bild, das daraus entsteht:

…. mit einem Bruder und dem Vater zur Mutter zurückkehren, die von da an nicht mehr spricht. (Seite 7, Episode 1)

Das Wandern durch die eigene Biographie setzt sich fort mit dem Umzug in die größere Stadt, mit kurzen Momenten von Glück, oftmals Enttäuschungen, mit Begegnungen in Beziehungen, Freundschaften, bei Urlaubsreisen. Kein chronologischer Ablauf ist das, zwischendurch richtet sich der Blick zurück auf die Kindheit und das Studium. Beruf und Arbeit dagegen sind kein Thema. Die konsequente Verwendung des Infinitivs verleiht jeder dieser einzelnen Erinnerungen ein Stück Allgemeingültigkeit für das Leben dieser Frau. Und genauso funktioniert ja Erinnerung: Nicht als Film erscheint der Rückblick auf einzelne Lebensphasen vor unserem inneren Auge, sondern in einzelnen starken Bildern, die sich fest eingepflanzt haben und immer wieder vor uns erscheinen, wenn wir zurückdenken.

Silke Stamm entzieht sich rein formal jeder gängigen Form. Für Szenen erscheinen die Episoden viel zu verdichtet; als Momentaufnahmen taugen sie nicht, weil auf jegliche Beschreibungen innerer Gemütszustände oder äußerer Settings verzichtet wird. Diese zu rekonstruieren, zu Bildern zu vervollständigen, bleibt den Leser*innen überlassen. Jedes Wort dieser Ein-Satz-Episoden steht da nicht zufällig, sondern trägt die Bilder, die beim Lesen entstehen. Da ist es gar nicht so erstaunlich, dass Silke Stamm Mathematik studiert hat und dieses Fach als Lehrerin unterrichtet.

Als ich von dem Buchprojekt das erste Mal hörte war ich neugierig, aber auch etwas skeptisch. Ein-Satz-Episoden nur im Infinitiv – das klingt interessant, aber auch anstrengend und fordernd, man könnte scheitern, bei dem Versuch, sie zu erschließen. Doch das Buch zieht direkt in seinen Text hinein. Es entsteht aus all dem, was offen bleibt, eine produktive Spannung.

So schwer, wie der Text mit der ersten Episode eröffnet, so leicht entlässt er uns mit einem Plädoyer, sich auf den Augenblick einzulassen – vermutlich die überzeugendste Variante der „achtundneunzig Arten, eine Antwort zu erhalten“ (so der Untertitel des Buches).

An einem heißen sehr heißen Tag zwischen verschiedenen Erledigungen auch noch das Kind bei seiner Spielkameradin abholen zu müssen, und sich schon auf den Kampf einzustellen, der zu erwarten ist, weil das Kind natürlich keine Lust haben wird (…) dann aber die Einladung, doch auch noch mitzuessen, anzunehmen (…) Pfannkuchen serviert zu bekommen, mit dem Teller auf dem Schoß ins Blau zwischen den Blättern hochzuschauen, Sprudel zu trinken und dem Vater der Spielkameradin zuzustimmen, der sagt, besser wird es nicht mehr. (Seite 148, Episode 98)

Silke Stamm: Besser wird es nicht. Achtundneunzig Arten, eine Anwort zu erhalten. Punktum Verlag, Hamburg, 2017.

Disclosure: Silke Stamm ist eine befreundete Nachbarin von mir. Das Buch habe ich zum ersten Mal gelesen, als es schon erschienen war.

Bemerkenswert neben dem Inhalt finde ich übrigens auch die Gestaltung, wie auch die Tatsache, dass zwei Frauen in diesen Zeiten einen eigenen Verlag gegründet haben, den Punktum-Verlag. Ein Interview dazu im Hamburger Abendblatt.

Das schreiben andere:

Silke Stamm wurde für Vorarbeiten zu ihrem Buch 2013 mit dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet: ein Auszug aus der Jurybewertung.

Verdichtete Unschärfe, taz, 28.20.2017, von Frank Keil

„Es ist ein Horror, nein, schlimmer, das ganze Leben, wie es so spielt und alles in 98 Kapiteln fein und klein und dabei so groß.“Willi Winkler in Süddeutsche Zeitung, 19. Januar (Paywall)

„Ich kenn‘ dich aus deinem Podcast“

Busfahrerin

„Die persönliche Note ist ein ganz wichtiger Aspekt der Podcastwelt. Ich mag Stimmen und viele der Stimmen in den 30 bis 40 Podcasts, die ich regelmäßig höre, würde ich keinesfalls missen wollen. Oder was wäre die morgendliche Busfahrt zur Arbeit ohne den Explikator? Undenkbar!“ 

Melanie Bartos, bei Wissenschaftspodcasts

Wenn es über Podcasts gelingt, eine enge Bindung zum Publikum aufzubauen, so hat das vor allem mit dem Faktor Persönlichkeit zu tun. Tim Pritlove bezeichnet sie in einem Blogbeitrag als das „persönlichste Medium überhaupt“, sowohl in der Produktion als auch in der Rezeption. Die persönliche Note ist wohl auch eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale von Podcasts gegenüber herkömmlichen Hörfunksendungen, in denen den Akteur*innen durch eng gesteckte Formatvorgaben und Konventionen in der Regel wenig Raum bleibt, sich selbst zu entfalten. Sich im Podcast von seiner persönlichen Seite zu zeigen, schafft aber noch mehr als eine enge Beziehung zum Publikum: Es prägt auch die Wahrnehmung und den Blick auf die verhandelten Themen und schafft für das Publikum so oftmals neue und spannende Perspektiven.

Beispiel „Die Anachronistin“

Wer das am Beispiel nacherleben möchte, dem lege ich den Podcast „die Anachronistin“ ans Herz. Ich habe alle im Sommer 2017 verfügbaren Folgen im Urlaub gehört, meistens gleich mehrere hintereinander. Ich war fasziniert und fühlte mich von der Autorin, Nora Hespers, in die Geschichte ihres Großvaters, ihres Vaters – in ihre Geschichte – hineingezogen.

„Die Anachronistin“ ist ursprünglich als Blogprojekt gestartet, mit dem Nora die Geschichte ihres Großvaters nachzeichnet, eines politischen Aktivisten, der sich aus dem Exil im Kampf gegen die Nationalsozialisten engagierte, eine Zeitschrift herausbrachte und wegen „demokratischer Bestrebungen“ als „Terrorist“ in Berlin hingerichtet wurde. Die Autorin berichtet in ihrem Vortrag bei der re:pulica 2017 über ihre Motivation, dieses aufwändige Projekt zu starten.

Nora zeigt ihre persönliche Betroffenheit, die neben der familiären Bindung vor allem durch aktuelle politische Entwicklungen geprägt ist. Sie zeichnet ihre eigenen Recherche nach, ihre Irrungen, Aha-Erlebnisse und Erfolge, ihre Grenzen, die sie als Laien-Historikerin zu erkennen glaubt, vor allem aber ihre persönlichen Gedanken und Empfindungen bei der Suche nach Dokumenten, Zeitzeugen und Details aus dem Leben ihres Großvaters. Dabei stellt sie immer wieder Bezüge zu ihrer aktuellen persönlichen, aber auch zu unserer gegenwärtigen politischen Situation her: Sie verweist auf Analogien zu den Entwicklungen in den USA in der Ära Trump, macht deutlich, wie sehr uns die Verfolgung von Journalisten in der Türkei betreffen sollte und berichtet, wie die Pegida-Bewegung zu ihrem persönlichen Auslöser wurde, dieses Projekt zu starten. Sie lässt uns teilhaben an ihrem Staunen und schafft nicht zuletzt durch ihre ironischen und humvorvollen Einschübe einen guten Zugang zu dem bedeutungsschweren Thema und der an sich sehr traurigen Geschichte. Ich hoffe sehr, dass viele Lehrkräfte auf die Idee kommen, diesen Podcast im Unterricht einzusetzen, wenn sie das Thema Widerstand im Dritten Reich behandeln oder wenn sie mit den Schüler*innen über den aktuellen Rechtsextremismus in unserem Land sprechen.

Aufarbeitung der Gegenwart

Als ich mich in meinem Studium einmal mit Literatur von Widerstandskämpfern beschäftigt habe, haben mir die Bücher und Schriften die Ereignisse meist als meist männlich geprägte Heldenerzählungen vermittelt und mich auf diese Weise nur bedingt erreicht. Nora hat mir diese Geschichte neu erzählt. Sie berichtet auch von den Frauen im Leben ihres Großvaters, von den politischen Aktivistinnen genau wie von ihrer eher unpolitischen Großmutter. Sie erzählt vom Alltag im Exil. Sie lässt ihren Vater zu Wort kommen, der eine mindestens genauso spannende Figur in der gesamten Erzählung wird. Sie bezieht uns in die Trauer um ihren Großvater ein. Und sie erlaubt Einblicke, was diese Geschichte für sie persönlich bedeutet, warum sie sich zur Aufgabe, zur Erkenntnis, aber auch immer wieder zu einer Auseinandersetzung mit ihrer Gegenwart entwickelt hat.

Erst als ihr Blog schon gestartet war, beschloss die Autorin, zusätzlich auch einen Podcast daraus zu produzieren. Im Gespräch mit Sandro Schröer berichtet sie über den Mehrwert, den sie unter anderem darin sieht, Stimmungen vermitteln, ihrem Thema die Schwere nehmen und die Persönlichkeit ihres Vaters viel besser zum Vorschein bringen zu können:

„Schrift ist zweidimensional, ein Podcast zieht dich in eine Welt.“ Nora Hespers

Spannung durch verschiedene Persönlichkeiten

Nora gibt gemeinsam mit Rita Molzberger noch einen weiteren Podcast heraus. Es ist ein wenig so, wie eine Bekannte zu treffen, ihre Stimme darin wiederzuhören. Auch bei „Was denkst du denn“? spielt ihre Persönlichkeit eine wichtige, inhaltsprägende Rolle, die sich hier im Zusammenspiel und gleichzeitig im Gegensatz zu ihrer Co-Autorin entfaltet. Nora unterhält sich als Journalistin mit der Philosophin Rita über Alltagsphänomene wie die „demokratische Jogginghose“ genauso über philosophische Grundsatzfragen nach Treue und Glück. Während Nora sich den Themen zunächst über ihre eigenen Eindrücke und Erlebnisse nähert und Geschichten dazu erzählt, bereichert Rita das Gespräch meistens von der abstrakten Meta-Ebene und mit philosophischem Gedankengut. Die Spannung entsteht daraus, dass beide offensichtlich zwar ähnliche Interessen und grundsätzliche Haltungen teilen, oftmals aber einen doch unterschiedlichen Umgang damit pflegen. Sehr deutlich wird, wie dieser Podcast von den zwei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten lebt, als ein dritter, der Philosoph und „Digital Pioneer“ Matthias Burchhardt dazukommt, und die drei sich in Folge 21 über Digitalisierung unterhalten.

Persönlichkeit braucht Authentizität

Die Person als Stilmittel im Podcast funktioniert dann, wenn sie authentisch auftritt –  doch muss das nicht automatisch zum Erfolg bei einem großen Publikum führen. Einige Podcasts habe ich ein- oder zweimal gehört, dann aber nicht weiter verfolgt, weil ich die Autoren nicht mochte – obwohl mich das Thema interessiert hat. Was den großen Gewinn eines Podcasts ausmacht, kann also auch zum Hindernis werden, wenn die Chemie nicht stimmt: eine intensive Nähe, die im besten Fall entsteht, wenn ich intensiv eintauche in das Erzählte, vom Kopfhörer abgeschirmt von sonstigen Geräuschen. Den Machern des Podcasts „Lage der Nation“, die den bewusst persönlichen Kommentar der politischen Ereignisse zum Konzept gemacht haben, ist klar, worauf sie sich damit eingelassen haben, wie einer der beiden, Philipp Banse, in einem Deutschlandfunk-Beitrag erklärt:

 „Das führt dazu, dass manche Leute das komplett unhörbar finden, obwohl sie vielleicht das inhaltlich durchaus interessant finden. Aber die hassen halt die Leute, die das machen. Umgekehrt ist es so, dass manche den Inhalt manchmal auch nicht so toll finden, aber das hören, weil sie die Leute so mögen. Dieser Faktor spielt bei Podcasts eine viel größere Rolle als bei klassisch produzierten Radiosendungen.“

Auch die größeren Podcast-Produktionen der öffentlich-rechtlichen Hörfunk-Sender arbeiten intensiver mit dem Faktor Persönlichkeit als die Sendungen aus dem regelmäßigen Programm. Das ist dann sehr spannend, wenn zum Beispiel in einem NDR-Info-Podcast die beiden Journalisten Benedict Strunz und Philipp Eckstein über ihre Recherchen zu den Paradise-Papers berichten und dabei einen sehr persönlichen Einblick in ihre Arbeit gewähren. Es funktioniert dagegen nicht, wenn die persönlichen Passagen gekünstelt daherkommen, weil sich ein Autor im Zwiegespräch ohne ironische Brechung unwissend gibt, um dem Gegenüber Stichworte für den weiteren Verlauf der Geschichte zu geben. Zu hören in der aufwändig produzierten Podcastserie Cybercrime des Hessischen Rundfunks, die damit die Spannung leider immer etwas verpuffen lässt und mich als Hörerin auf Distanz bringt.

Marke statt Persönlichkeit?

Persönlichkeit schafft nicht nur einen anderen Blick auf das Erzählte, sie schafft auch Vertrauen – wichtiger Pluspunkt in einer Zeit, in der das Publikum nach Orientierung sucht und sich in der Flut der Angebote oftmals überfordert fühlt. Interessant wird dieser Aspekt, wenn man sich die im letzten Jahr erschienenen Podcasts einiger Medienhäuser ansieht. Vor allem die drei Podcasts der ZEIT waren von Anfang an dadurch erfolgreich, dass sie als Marke bereits eine starke Beziehung zu einem breiten Publikum einbringen konnten.

Dennoch fand ich einige diese Podcasts eher uninteressant, wenn darin Sprecher*innen mit vorformulierten Fragen kein wirkliches Gespräch mit den Gästen entwickeln konnten. Vielleicht wollten die Herausgeber hier bewusst die Marke im Vordergrund halten und keine starke Persönlichkeit dazu in Konkurrenz setzen? Das hielte ich für eine vertane Chance: Es könnte die Marke im Gegenteil stärken, einer starken Persönlichkeit in einem Podcast einen eigenen Raum zu verschaffen – vorausgesetzt natürlich, dass diese Person zu der Marke passt. Dann gelingt, was t3n-Chefredakteur Luca Caracciolo in seinem Vortrag bei der Podcast-Konferenz „Subscribe“ über den Podcast des Magazins „Filterblase“ beschreibt, nämlich die Stärkung der Marke durch Persönlichkeit:

„Der persönliche Zugang erhöht das Zugehörigkeitsgefühl der Hörer zur Marke.“
Luca Caracciolo (Minute 17)

Offenbar ist die Stimme in der Lage, eine sehr persönliche Bindung herzustellen, die sich über einen Text vermutlich nicht entwickeln würde. Dass das für beide Seiten, also Produzent*innen wie Hörer*innen, gilt, stellt auch Tim Pritlove in seinem Text heraus:

„Es gibt so eine merkwürdige Verbundenheit auf beiden Seiten obwohl man eigentlich nichts voneinander weiß, aber wenn man sich trifft und ein paar Worte wechselt fühlt es sich für beide Seiten an, als würde man sich seit Jahren kennen.“

 

 

 

 

 

#metoo — von Anfang an viel mehr als eine „digitale Bewegung“

metoo

Unter dem Hashtag #metoo offenbaren seit einer Woche Tausende Frauen und auch einzelne Männer weltweit ihre persönlichen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Es gibt seit Tagen eine intensive Diskussion darüber — online wie in klassischen Medien.  Gute, differenzierte Beiträge sind zu lesen, erste auch von einzelnen Männern, die sich in der Verantwortung sehen. Freitagabend erschien der Print-SPIEGEL mit #metoo als Aufhänger für die Titelgeschichte. Ein gutes Zeichen dafür, welche Dimensionen die Debatte —  ausgelöst durch den Bericht über sexuelle Übergriffe des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein in der New York Times und den darauf folgenden Aufruf der Schauspielerin Alyssa Milano über Twitter — inzwischen erreicht hat. Es irritiert deshalb, wenn es im SPIEGEL nun heißt, die Debatte müsse erst das Digitale verlassen, um als Diskussion zwischen Männern und Frauen fortgesetzt zu werden:

„Es ist des­halb wich­tig, dass die Be­we­gung das Di­gi­ta­le ver­lässt und als De­bat­te zwi­schen Män­nern und Frau­en, An­ge­stell­ten und Vor­ge­setz­ten, Freun­den und Be­kann­ten fort­ge­setzt wird. Dass sie aus den in­tel­lek­tu­el­len Zir­keln auch zu de­nen vor­dringt, die täg­lich Se­xis­mus er­le­ben, ohne abends die Wor­te zu fin­den, ih­ren Miss­brauch auf Face­book zu tei­len.

Genau, was der SPIEGEL hier fordert, ist längst passiert. Es sind nicht nur „Intellektuelle“, die ihre Erfahrungen teilen und darüber diskutieren. Das lässt sich ganz einfach nachprüfen, wenn man dem Hashtag und die darunter veröffentlichten Postings einmal beobachtet. Es ist auch verharmlosend, das Ganze als „digitale Bewegung“ zu bezeichnen, denn das, worüber die Frauen berichten, hat sich ja nicht nur Netz, sondern vor allem im realen Leben abgespielt. Auch der Aufruf entstand nicht nur im Internet — der Tweet hatte eine Vorgeschichte und die wurde von einem klassischen Printmedium aufgedeckt. Die Diskussionen finden längst online wie offline statt, weil sich das im Leben der meisten Menschen gar nicht mehr so klar in die eine oder andere Sphäre trennen lässt. Es diskutieren viele Frauen und sicher noch viel zu wenige Männer. Es sprechen Prominente, Angestellte und Politikerinnen, und sie äußern sich dort, wo sie mit Menschen sonst auch diskutieren, im Netz wie zuhause oder in der Kneipe. Die Debatte muss — wenn überhaupt irgendwohin — noch mehr in die Kreise gebracht werden, die sie für überflüssig halten. Wenn die Titelgeschichte des SPIEGEL-Magazins dazu beitragen kann, und das glaube ich durchaus — umso besser.

Der SPIEGEL reduziert #metoo auf den reinen Hashtag, wenn die AutorInnen behaupten, eine differenzierte Debatte könne „die digitale Bewegung nicht leisten“:

„Das, was die di­gi­ta­le Be­we­gung nicht leis­ten kann, muss der ge­sell­schaft­li­che Dis­kurs er­rei­chen: dif­fe­ren­zie­ren. Zwi­schen Ver­hal­ten, das nicht geht, weil es straf­bar ist – und Ver­hal­ten, das der oder die eine als noch ak­zep­ta­bel emp­fin­det, der oder die an­de­re aber nicht.“

Es ist fraglich, warum hier unterschieden wird zwischen „der digitalen Bewegung“ und gesellschaftlichem Diskurs: Was anderes soll es denn sein, was da in den letzten Tagen stattgefunden hat, wenn nicht ein gesellschaftlicher Diskurs? Und warum sollte es im Rahmen der digitalen Bewegung nicht möglich sein, zu differenzieren?

Die Grundaussage der SPIEGEL–Titelgeschichte ist natürlich richtig: #metoo muss mehr sein als eine digitale Bewegung unter Intellektuellen. Es ist eine breite gesellschaftliche Debatte notwendig, die Konsequenzen müssen weitreichend sein.

Es ist ein Verdienst der vielen Frauen, die den Mut haben, ihre Erfahrungen im Netz zu teilen, dass diese Debatte jetzt schon viel breiter stattfindet, online, medial, in der Politik, im Kreis unter Freunden und hoffentlich auch mehr und mehr am Arbeitsplatz. Und es ist ein Verdienst der Hashtag-Kampagne #metoo, dass diese Debatte unausweichlich geworden ist, denn nur im Netz konnte diese unfassbare Menge an Grenzüberschreitungen und das Ausmaß sexualisierter Gewalt sichtbar gemacht werden.

Wenn erste jetzt zweifeln, dass die Debatte etwas verändern wird, und behaupten, schon die #Aufschrei-Kampagne sei folgenlos gewesen, sollte man Laura Himmelreich hören. Sie hatte 2013 mit ihrem Bericht im Stern die initiale Geschichte einer Grenzüberschreitung erzählt:

„Damals wurde immer wieder über die Grundsatzfrage diskutiert: Gibt es Sexismus in Deutschland?“, sagt Himmelreich. „Das fragt jetzt niemand mehr.“  (Spiegel-online, 20.10.2017)

Die aktuellen Debatte unter dem Hashtag „#MeToo“ kann darauf aufbauen. Sie ist ein weiterer wichtiger Schritt und hat das Potenzial, breite Bevölkerungsschichten nachhaltig zu erreichen, Veränderungen anzustoßen. Statt auf die überflüssige Unterscheidung zwischen den analogen und digitalen Anteilen der Bewegung zu pochen, sollten wir überlegen, wie wir dieses Potenzial gemeinsam am besten nutzen könnten.

Podcastkritik: Die Scheindebatten des Sascha Lobo

„Ich, ich, ich, ich…schon nach dem vierten Mal ein sinnloses Wort.“
Lars Gustafson,Tod eines Bienenzüchters

Schon bei den ersten Folgen des vor einigen Wochen von SPIEGEL Online gestarteten Podcasts von und mit Sascha Lobo schoss mir beim Zuhören immer wieder dieses Zitat durch den Kopf. Es sollte nicht verwundern, dass bei einem Audio-Angebot, das so stark auf diese Person fokussiert, auch die Ansichten, die Persönlichkeit und die Thesen des Autors im Vordergrund stehen. Er setzt sich in dem Podcast mit ausgewählten Kommentaren zu seiner Kolumne „Mensch-Maschine“ auseinander. Grundsätzlich ist das nicht uninteressant, immer wieder erhellend, und man kann ja viel lernen, wenn man Sascha Lobo beim Denken zuhört. Aber das alles soll doch mehr sein und präsentiert sich eben auch als „der Debattenpodcast“.

Sascha_Lobo

Was der Podcast mit dieser Selbstbeschreibung verfolgt, dafür ist die aktuelle sechste Folge vom 1. September sehr aufschlussreich. Man erkennt darin besonders gut, warum das Angebot seinem eigenen Anspruch nicht gerecht werden kann. Sascha Lobo reflektiert eingangs seine eigene Konzeption, kündigt an, das Angebot weiterentwickeln und „das richtige Format zu finden“ zu wollen. Er möchte „Debatten zeigen oder in Gang bringen“ und reagiert damit auch auf Kritik: In einem Kommentar bei iTunes hatte man ihn gefragt, ob er denn nun aufklären oder nur seine eigenen Thesen verteidigen wolle. Doch Rechthaberei oder Verteidigung seiner Positionen – das sei eines Debattencasts nicht würdig, so Lobo. Für sein Gegenprogramm zitiert er den Philosophen und Hermeneutiker Hans-Georg Gadamer aus einem SPIEGEL-Gespräch von 2000:

„Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte“.

Der Satz ist gerade wieder in vieler Munde und begegnet mir hier schon zum zweiten Mal in dem Kontext einer neuen Streitkultur für die Medien. Gadamer formuliert einen hehren Anspruch, und ich glaube aus zwei Gründen, dass Sascha Lobo daran mit diesem Podcast scheitern muss.

1. Unangemessene Kategorien

Wer Kommentare einleitend mit „das ist falsch“, oder „das ist sachlich falsch“ bewertet, kann sich danach nur noch schwer darauf einlassen, dass der andere Recht haben könnte. Sascha Lobo nutzt diese Kategorien immer wieder. Sein Zugeständnis an den oder die andere reicht nur so weit, dass er einräumt, seinen Standpunkt nicht hinreichend ausgeführt oder nicht verständlich genug ausgedrückt zu haben. Was Gadamer aber einfordert, reicht viel weiter. Es geht darum, den eigenen Standpunkt zu verlassen und sich konsequent in die Sichtweise des Gesprächspartners hineinzudenken. Ein solches Rollenspiel führt im besten Fall zum Erkenntnisgewinn, erfordert aber zunächst, sich auch von seinen eigenen Denkschemata zu lösen.

„Ein Gespräch führen heißt, sich unter die Führung der Sache stellen, auf die die Gesprächspartner gerichtet sind. Ein Gespräch führen verlangt, den anderen nicht niederzuargumentieren, sondern im Gegenteil das sachliche Gewicht der anderen Meinung wirklich zu erwägen. (…) Wer die ‚Kunst‘ des Fragens besitzt, ist einer, der sich gegen das Niedergehaltenwerden des Fragens durch die herrschende Meinung zu erwehren weiß. Wer diese Kunst besitzt, wird selber nach allem suchen, was für eine Meinung spricht. Dialektik besteht darin, dass man das Gesagte nicht in seiner Schwäche zu treffen versucht, sondern es erst selbst zu seiner wahren Stärke bringt.“
H.-G. Gadamer (1960), Wahrheit und Methode. Bd. 1, 6. Aufl., Tübingen 1990, S. 373

Genau das aber ist das Ding von Sascha Lobo nicht. Viel zu sehr kreist er um sich als Person, erklärt, wie er arbeitet, zu seinen Ansichten kommt, was er früher schon einmal geschrieben hat, wie er denkt: „Ich, ich, ich, ich“.

2. Ein Gespräch mit ungleichen Voraussetzungen

Ein Gespräch setzt – neben dem hohen Anspruch Gadamers – wohl zunächst auch voraus, dass der andere antworten kann. Das aber ist nicht das Konzept dieses Podcasts, und deshalb halte ich es für vermessen, ihn als „Debattenpodcast“ zu bezeichnen. Die Kommentatoren werden hier auseinandergenommen, interpretiert, teilweise sogar in ihrer vermeintlichen Psyche analysiert – antworten können sie nicht. Wir wissen, wenn wir diesen Podcast gehört haben, sehr viel über die Entstehungsgeschichte der Kolumne und die Gedankenwelt eines Sascha Lobo. Was wir (und auch Lobo) nicht wissen: Wer ist die Person, die sich hinter den Kürzeln der zitierten Kommentare verbirgt? Wie ist ihr Text entstanden, war er wohlüberlegt, strategisch durchdacht oder hat er/ sie einfach impulsiv in die Tasten gehauen? Nur wir als Hörer*innen erfahren übrigens auch nicht: Warum hat die Redaktion (oder Sascha Lobo selbst, das bleibt widersprüchlich) diesen und keinen anderen der vielen Kommentare ausgewählt?

Was hier als Debattenpodcast daherkommt, ist nur ein erweiterter Monolog des Sascha Lobo. Das ist symptomatisch dafür, wie einige Medien mit der gerade stark gehypten Publikumsbeteiligung umgehen. Man gibt vor, Leser, Zuschauerinnen und die Hörerschaft einbinden zu wollen – ein wirkliches Interesse oder auch Vertrauen in ihre Beiträge aber gibt es nicht. Sie bleiben leider immer wieder nur Stichwortgeber, um eine Diskussion anzufachen. Eine Diskussion, die hier Sascha Lobo doch wieder alleine führt. Ein echtes Gespräch zu produzieren, wäre sicherlich komplexer. Es würde voraussetzen, dass der Autor seine Gesprächspartner*innen näher an sich heranließe und sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzte. Es wäre aufwändiger, dafür aber bestimmt bereichernder und ehrlicher als diese Scheindebatten. 

Podcastkritik: „Tod eines Stasi-Agenten“

„Tod eines Stasi-Agenten“ ist eine sechsteilige Feature-Serie als Ko-Produktion des WDR und von Danmarks Radio. Auf der Erzählebene als spannende Ost-West-Agentenstory angelegt kann man diesen Podcast auch als Reflexion über journalistische Arbeitsweisen und Rollenbilder hören – und das ist mindestens genauso spannend.

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Illustration: © Marc Trompetter

Worum es geht

Im April 2008 wird Eckardt Nickol tot in einer Hütte einer dänischen Ferienanlage aufgefunden. Todesursache war vermutlich eine Überdosis Insulin. Nickol hatte zu DDR-Zeiten als Agent für die Stasi gearbeitet. Nach der Wende hatte er versucht, brisante Dokumente an Medien zu verkaufen – Papiere, mit denen Nickol die Verbindungen westdeutscher Politiker und Unternehmer zur Stasi nachweisen wollte.

Vom Tod des Ex-Stasi-Mitabeiters erfährt die dänische Journalistin Lisbeth Jessen, die ein paar Monate zuvor ein Porträt Eckardt Nickols für das dänische Fernsehen produziert hatte. Noch kurz vor seinem Tod hatte er sie angerufen und ihr mitgeteilt, dass er sich bedroht fühle. Während die Polizei keine weiteren Untersuchungen anstellt, rollt Lisbeth Jessen gemeinsam mit ihrem deutschen Kollegen Johannes Nichelmann den Fall für WDR 5 und für Danmarks Radio noch einmal auf.

Podcast-Genre

„Tod eines Stasi-Agenten“ ist eines der Audio-Features, die in der Nachfolge von Serial stehen, „Podcasting’s first breakout hit“ (David Carr in The New York Times). Serial gilt vielen als Vorbild für eine neue Art des Audio-Storytellings. Auch Lisbeth Jessen und Johannes Nichelmann gelingt es, ihre Nachforschungen über einen realen Todesfall zu einer über sechs Folgen spannenden Spurensuche zu komponieren.

Was ist das Besondere?

Die Folgen sind von Anfang bis Ende professionell inszeniert und aufwändig in zwei Sprachen produziert. Interessanter noch als die dramaturgische Komposition und die Umsetzung als Audio-Feature finde ich einen inhaltlichen Aspekt: Man kann diesen Podcast auch als inszenierte Medienkritik hören, als Schulterblick auf die Arbeit zweier Journalisten. Die Hörer*innen verfolgen mit den beiden die verschiedenen Fährten, die diese aufspüren, um herauszufinden, wie Nickol gestorben ist. Sie werden dabei mit verschiedenen Methoden der journalistischen Recherche, aber auch mit unterschiedlichen journalistischen Rollenbildern konfrontiert. Auf der Ebene der Erzählung erscheint das eher als Nebenaspekt, in seiner Gesamtheit kann man aber sogar das gesamte Feature als Metapher für ein zeitgemäßes Konzept von Journalismus verstehen.

Journalistisches Selbstverständnis 1: Lisbeth Jessen

Wenn Lisbeth Jessen beschreibt, mit welcher Haltung gegenüber Nickol sie das Interview für das dänische Fernsehen produziert hat, erklärt sie offen, dass sie sich nicht gefragt hatte, ob sie statt des vermeintlichen Top-Agenten einen Hochstapler vor die Kamera geholt hatte:

„Ich habe Eckardt nie so gesehen, für mich war er immer nur der Ex-Agent“, erklärt sie.

Das ist beachtlich und wirft auch Fragen auf, weil sie schon für dieses Interview mit einem Stasi-Forscher in Kontakt getreten war und auch jetzt für das Feature von den Experten erfährt, dass so gut wie nichts von dem stimmt, was der Ex-Agent von seiner Arbeit und seinen Kontakten erzählt hat. Das Zitat lässt sich hier wie eine Form der Selbstkritik verstehen, beziehungsweise als Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit: Als Journalistin und Journalist geht man eben nicht unvoreingenommen in die Recherche. Die Suche nach Fakten, die Interpretationen dessen, was man herausfindet, das alles ist immer maßgeblich von dem Bild geprägt, das jemand selbst sich vom Gegenstand der Berichterstattung, hier vom Porträtierten, einmal gemacht hat. Mit ihrem Zitat verdeutlicht Lisbeth Jessen, wie mit dieser Voreingenommenheit umzugehen ist: Man muss sie sich selbst bewusst und anderen gegenüber transparent machen.

Eine weitere wichtige Szene in Bezug auf das journalistische Selbstverständnis ergibt sich aus dem Gespräch mit einer Ex-Freundin Nickols. Diese ist fest davon überzeugt, dass ihr Partner damals eigene Interessen im Sinn hatte, als er dem Interview für das dänische Fernsehen zugestimmt hatte:

„Er hat dich da benutzt“, sagt sie zu Lisbeth Jessen, „ganz definitiv“.

Lisbeth Jessen fühlt sich aber auch im Nachhinein nicht instrumentalisiert, sondern sieht eher eine Win-win-Situation: Sie habe als Journalistin profitiert, weil Nickol ihr eine spannende Figur für ein Porträt geboten habe; er dagegen habe Interesse für die Papiere wecken wollen, um sie besser zu verkaufen. Das ist eine recht pragmatische, aber wohl auch realistische Beurteilung ihrer Rolle als Journalistin: Sie erkennt, dass sie mit ihrer Arbeit bestimmten Menschen und deren Interessen eine Öffentlichkeit verschafft. Eine Haltung, von der sie sich nicht ganz sicher ist, ob ihr Kollege Johannes sie teilen kann – sie befürchtet gar, er könne aus dem gemeinsamen Projekt aussteigen.

Doch erst in einer anderen Szene scheint es zwischen Lisbeth Jessen und Johannes Nichelmann zu einem leichten Konflikt zu kommen. Nur durch eine Randbemerkung wird klar, dass Lisbeth Jessen Teil der Geschichte ist, die sie gerade gemeinsam untersuchen: Sie war es, die den Todesfall der Polizei gemeldet hatte. Offenbar ist es dem Journalisten – im Gegensatz zu seiner Kollegin – sehr wichtig, zu erwähnen, dass Lisbeth hier entscheidend in die gemeinsam zu recherchierende Geschichte eingegriffen hat. Das ist nachvollziehbar, ist sie damit doch immerhin zur Akteurin geworden und damit weniger distanziert vom Geschehen als eine neutrale Beobachterin.

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Lisbeth Jessen und Johannes Nichelmann. Foto: WDR

Journalistisches Selbstverständnis 2: Chefredakteur Siegfried Matlok

Dickfälliger in puncto kritische Distanz erscheint der Chefredakteur der Nordschleswiger Zeitung, der Tageszeitung für die deutsche Minderheiten Süd-Dänemarks, Siegfried Matlok, den die beiden befragen, weil er einer der ersten „Kunden“ Nickols gewesen war. Er hatte auf den großen Coup gehofft, als er dem Ex-Agenten damals Dokumente über angebliche Verbindungen von norddeutschen Politikern mit NS-Vergangenheit zur Stasi abgekauft und diese dann veröffentlicht hatte – im zweiten Anlauf sogar mit Nennung von Namen. Dabei hatte er offenbar darauf verzichtet, zu recherchieren, ob die Papiere echt waren. Als nun offensichtlich ist, dass es sich bei den Dokumenten um Fälschungen gehandelt hat, ist die Rechtfertigung des Chefredakteurs abenteuerlich, sicher aber auch bezeichnend für die Hybris eines bestimmten Typus von Journalisten: Er habe bis heute kein schlechtes Gewissen, erklärt er im Gespräch mit Jessen und Nichelmann, weil er doch ursprünglich selbst fest von der Echtheit der Dokumente überzeugt gewesen sei.

Man ahnt an dieser Stelle, wie es vor Jahren zu den Veröffentlichungen der gefälschten Hitler-Tagebücher hatte kommen können: zu irre die Geschichte, zu groß die Verlockung, hier die große Story aufdecken zu können, zu gering die Zweifel an der eigenen Urteilsfähigkeit. Da gerät die journalistische Sorgfaltspflicht schon mal in Vergessenheit. Die Auslassung des Gegenchecks oder die Rückfrage bei Experten werden nicht einmal nachträglich thematisiert, geschweige denn wird das Versäumnis als Fehler eingestanden – obwohl hier sogar Menschen namentlich zu Unrecht beschuldigt worden waren. Mit diesem ungebrochenen Glauben an die eigene Urteilsfähigkeit steht der dänische Chefredakteur im Gegensatz zu der bewusst-selbstkritischen Haltung Lisbeth Jessens. Das Feature präsentiert ihn als Auslaufmodell.

Journalistisches Selbstverständnis 3: Stephan Richter

Als weiterer Gegenentwurf erscheint Stephan Richter, der in der Zeit Kontakt zu Nickol hatte, als er vor seiner Pensionierung noch Chefredakteur des Flensburger Tageblatts gewesen war. Auch er hatte sich mit ihm getroffen, auch er war zunächst fasziniert von den Informationen, die Nickol versprach. Doch war er schnell in der Lage zu erkennen, dass die Dokumente falsch waren, weil sie ihm bereits von anderer Stelle angeboten worden waren. Er hatte sie schon damals gleich an die zuständigen Behörden weitergeleitet. Anders als sein dänischer Kollege hatte er wohl klar erkannt, dass die Prüfung der brisanten Dokumente seine Kompetenzen überschreiten würden und konnte deshalb auf die verlockende Story, die vielleicht gar keine war, verzichten.

Metapher für den Abschied vom allwissenden Journalisten

Wie die gesamte Recherche ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten. Um zu nachzuvollziehen, warum das Feature als Ganzes als Metapher für einen im Zeitalter der Digitalisierung gewandelten Journalismus verstanden werden kann, ist eine Aussage Nichelmanns in einem Interview bezeichnend. Er beschreibt darin die Unterschiede zwischen deutschen und skandinavischen Audio-Features. Letztere verzichteten auf den auktorialen Erzähler, die Instanz also, die aus der übergeordneten Perspektive den Hörer*innen die Fakten ordnet und die Welt erklärt. Von diesem allwissenden Erzähler – hier Journalisten – hat sich auch „Tod eines Stasi-Agenten“ verabschiedet. Auf inhaltlicher wie auf formaler Ebene vermittelt dieser Podcast damit ein sehr zeitgemäßes journalistisches Rollenbild, das Journalisten eher als Suchende denn als Wissende beschreibt, als Sammler von Fakten und Expertenmeinungen, die ihre Quellen und Recherchen gegenüber dem Publikum transparent machen und offenlegen, wie sie daraus zu Bewertungen und Meinungen finden.

Was die Autoren sagen

In dem oben genannten  Interview mit dem freien Radio Pop-Feuilleton gibt der Autor Johannes Nichelmann Einblick in die Produktion der Feature-Serie und berichtet, wie er zusammen mit Lisbeth Jessen an das umfangreiche Recherchematerial herangegangen ist.

Was andere sagen

Die Journalistin und Bloggerin Franziska Bluhm empfiehlt den Podcast mit einer Notiz in ihrem Blog, nachdem sie die ersten drei Folgen gehört hat und die folgenden noch nicht erschienen sind. Sie ärgert sich ein wenig, dass der WDR nicht alle Folgen auf einmal zur Verfügung gestellt hat. Ich selbst habe es dagegen genossen, von Woche zu Woche zu warten und mich jedesmal zu freuen, wenn ein weiterer Podcast verfügbar war – es hat für mich den Reiz und die Spannung noch einmal erhöht.

Der Medienjournalist Alexander Matzkeit ist insgesamt weniger begeistert: „Eine Abenteuergeschichte mit scheinbar erstaunlichen Wendungen aber ohne größere Erkenntnis“ schreibt er in seiner Kritik, die in epd-medien 28/2017 erschienen ist und deren erster Teil in seinem Blog zu lesen ist.

Tod eines Stasi Agenten: alle Folgen zum Download und als Podcast beim WDR.

6-teilige Feature-Serie
Von Lisbeth Jessen und Johannes Nichelmann
Sprecher: Angelika Bartsch, Judica Albrecht und Bernhard Schütz
Ton: Jonas Bergler
Redaktion: Leslie Rosin
Produktion: WDR/ Danmarks Radio 2017

Wer schreibt darüber, wenn #deutschlandspricht?

Deutschland_spricht

„Wann haben Sie das letzte Mal ausführlich mit jemandem gesprochen, der ganz andere politische Ansichten hatte? Schon länger her? Wir haben da eine Idee.“

Mit diesen Sätzen startete ZEIT online Anfang Mai den Aufruf zu einem Experiment: #deutschlandspricht. Man wollte herausfinden, ob es das noch gibt: den offenen Austausch, ein ehrliches Gespräch zwischen zwei Menschen, die gegensätzliche Ansichten vertreten. Eine spannende, gute Aktion, eine Idee, die von Anfang an viele überzeugt hat – mich auch, und das bis heute. Einen der Berichte darüber aber finde ich problematisch.

Sascha Lobo bezieht sich hier auf den Text des Chefredakteurs von ZEIT online. Am 20. Juni hat Jochen Wegner über seine Begegnung mit einem ihm bis dahin Unbekannten geschrieben. Die Idee war recht spontan entstanden: Warum sollte er als Journalist nicht selbst an dem Experiment teilnehmen? Sein persönlicher Bericht über die Begegnung mit Mirko begeisterte viele Menschen, die sich bei Twitter dazu äußerten. Den Ansatz finde ich richtig: Journalisten suchen den Dialog. Und doch hatte ich auch ein ungutes Gefühl, als ich den Text las.

Gespräch mit einem Unbekannten

Der Mensch, mit dem Jochen Wegner hier spricht, ist Maschinen- u. Anlagenführer, verbringt seine Freizeit mit Kochen, Kind und Computerspielen. Man erkenne ihn an einem dicken Nasenring, hatte er in seiner kurzen Selbstdarstellung geschrieben und  sich darin als Freund von „flachen Witzen“ geoutet.

Mirko glaubt, Deutschland habe zu viele Flüchtlinge aufgenommen, der Westen gehe nicht fair mit Russland um, und er hält den Atomausstieg für einen Fehler. Jochen Wegner vertritt zu diesen Punkten  gegensätzliche Standpunkte, und auch sonst sei Mirko, so Jochen Wegner, „ganz anders sein als alle anderen Leute, die ich in unserer Gegend kenne“.

Der Journalist zeichnet sehr genau nach, wie die Begegnung verlief, mit welchen Erwartungen er hineinging und wie überrascht er dann war, dass sich ein ziemlich gutes Gespräch daraus entwickelt hat. Ich habe etwas länger gebraucht, herauszufinden, was mich an diesem Text eigentlich gestört hat. Es fehlt etwas, das gerade für dieses Experiment essentiell wichtig gewesen wäre: die Erzählung aus der Sicht von Mirko. Er bleibt in diesem Text, auch wenn er selbst sich äußert und Jochen Wegner aus seinen Mails und WhatsApp-Nachrichten zitiert, das Objekt der Berichterstattung. Er ist „der Andere“, dem sich der Autor offen, neugierig und wohlwollend nähert. Aber: Was empfindet jemand wie Mirko, wenn er mit dem politisch Andersdenkenden spricht? Was fällt ihm auf, welche Überraschungen erlebt er, welche Differenz nimmt er wahr und was denkt er nachher? Was ist im Stadtteil, wo Mirko wohnt, anders als dort, wo Jochen Wegner beim Einkauf im Bioladen seine Freunde trifft?

Mirko habe ihm erlaubt, über ihr Treffen zu schreiben, erklärt der Chefredakteur im Text. Der Journalist will seinen Gesprächspartner für das Experiment nicht instrumentalisieren – diese Sensibilität ist gut und angebracht, wenn man den Austausch auf Augenhöhe sucht. Doch es bleibt ein Ungleichgewicht, wenn diese Augenhöhe nur aus einer Perspektive heraus entwickelt wird und die Deutungsmacht über das Zwiegespräch einem von beiden überlassen bleibt. Die Folge ist nicht unerheblich, weil die Meinung, die der andere vertritt, eben auch die „andere“ bleibt.

Diversität in Redaktionen – ein Schwachpunkt

Dieses Missverhältnis ist meiner Meinung nach über das einzelne Experiment hinaus beachtenswert. Es verweist auf eine grundsätzliche Schwachstelle von Medien, in denen uns Journalist*innen ein Bild der Welt vermitteln, die sich von ihrer sozialen Herkunft, ihrem Bildungshintergrund und oft sogar in ihren Vorlieben oftmals sehr ähnlich sind. Das wird problematisch, wenn Menschen, die diesen Hintergrund nicht teilen und in anderen Zusammenhängen leben, sich mit ihren Themen und Anliegen als Publikum nicht wiederfinden. Einen Mirko gibt es nicht nur im Prenzlauer Berg von Jochen Wegner nicht, es gibt ihn auch nicht in den Redaktionen. Sollte es gerade deshalb nicht weniger Experiment, sondern journalistischer Alltag sein, dass ein Journalist mit jemandem wie Mirko ins Gespräch kommt?

Zu wenig Nähe zum Publikum, zu nah dran an den Eliten?

Die fehlende Vielfalt in den Redaktionen ist auch dann problematisch, wenn es auf der anderen Seite eine zu große Nähe zur Elite eines Landes gibt. Darauf verweist der Medienwissenschaftler Uwe Krüger aus Leipzig in einem Beitrag des Deutschlandfunks über die „Vertrauenskrise in den Medien“:

„Uwe Krüger konstatiert eine wachsende soziale Homogenität. Arbeiter- und Migrantenkinder finden sich selten in Redaktionen. Die Mehrheit der Journalisten in den meinungsprägenden Medien komme wie die meisten Politiker und Lobbyisten aus dem deutschstämmigen Bildungsbürgertum.“

Mit einem anderen Text von #deutschlandspricht gelingt das Experiment aus meiner Sicht besser: Ein Professor und ein Student mit auf den ersten Blick gegensätzlichen politischen Ansichten treffen sich zum Diskutieren. Ihre Begegnung zeichnet ein Text bei ZEIT Campus als gemeinsames Protokoll nach. In wechselnder Perspektive schildern die beiden zu den einzelnen Themen ihre Postionen und beschreiben, wie sie das Gespräch jeweils erlebt haben. Es bleibt den Leser*innen überlassen, ob für sie hier der Professor oder Student „der Andere“ ist.

Weiterlesen: Für die Initiative „Schmalbart“ hat sich die Journalistin Leonie Haenchen ein vergleichbares, wenn auch anders gelagertes Format der ARD angesehen. „Sag’s mir ins Gesicht!“ sucht ebenfalls das Gespräch auf Augenhöhe – und kommt dort nicht so wirklich an, so das Fazit ihres Textes.

Das Ende des Durchschnitts — wie wir ihn kannten

Dirk von Gehlen hat Anfang des Jahres ein neues Buch veröffentlicht – „Meta! Das Ende des Durchschnitts“. Eine Lektürebeschreibung.

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Wenn am Sonntagabend der „Tatort“ startet, gibt es einige Menschen, die viel Wert darauf legen, pünktlich ab 20.15 Uhr „live“ zuzuschauen, obwohl es dank Mediathek und Aufnahmemöglichkeit eigentlich keinen Grund mehr dafür geben sollte. Sie aber haben einen: Sie möchten den Tatort live-twitternd unter #tatort via second screen kommentieren, analysieren, die Dialoge bewerten und sich austauschen. Die Tatort-Fans verhalten sich damit freiwillig wieder so wie die Zuschauerinnen und Zuschauer in den Zeiten, als das Fernsehprogramm nur zur ausgestrahlten Zeit zu empfangen war und unseren Tagesablauf strukturierte. Was neu ist: Sie produzieren mit ihren Tweets neue Inhalte, neue Texte, neue Daten.

Ich musste an diese Tatort-Tweets denken, nachdem ich das aktuelle Buch „Meta! Das Ende des Durchschnitts“ von Dirk von Gehlen gelesen hatte. Er ist Journalist und Leiter Innovation bei der Süddeutschen Zeitung und beschreibt, wie sich in der Kultur, Automobilindustrie, im Gesundheitsbereich und selbst im Sport ein immer gleiches Phänomen beobachten lässt: Der Mainstream als kleinster gemeinsamer Nenner hat ausgedient. Wir leben im Zeitalter der Personalisierung – die Digitalisierung macht es möglich, dass wir das Produkt, die Zeitung, die Playlist kaufen oder abonnieren können, die unseren persönlichen Anforderungen und Wünschen am meisten entspricht. Wie unsere Vorlieben aussehen, lässt sich im Zuge der Digitalisierung immer feiner, immer passgenauer ermitteln.

Von der Lautsprecher- zur Kopfhörerkultur

Dirk von Gehlen nutzt ein sehr eingängiges Bild, um diese Entwicklung zu bezeichnen, wenn er vom Übergang von der „Lautsprecher zur Kopfhörer-Kultur“ spricht: Werden Informationen in der Lautsprecherkultur noch vom Absender definiert und für alle Empfänger gleich weiterverbreitet, bestimmt in der Kopfhörer-Kultur die Empfängerin selbst, was sie wann hören will, wie laut und wo. Durch diese individuelle Rezeption formt sie die Information gleich mit, denn sie bestimmt, was für sie wichtig und relevant ist. Zudem produziert sie in ihrer Nutzung so genannte Meta-Daten, die in Zeiten der Digitalisierung bis aufs kleinste Detail erfassbar und verwertbar geworden sind, um immer passgenauere Angebote zu schaffen.

Was hat das nun mit den Menschen zu tun, die beim Tatort twittern? Parallel zu diesem Wandel gibt es auch gegensätzliche Entwicklungen, die Entstehung eines „neuen Durchschnitts“, wie es später im Buch heißt. Das ist zum Beispiel die Community der twitternden Tatort-Fans, die sich dank eines digitalen Dienstes unter einem Hashtag zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten über ein und den gleichen Film austauschen – sie eint, dass sie ihn alle gleichzeitig sehen. Jahrzehntelang konditionierte Rezeptionsgewohnheiten werden durch die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung zunächst über Bord geworfen, um sich in anderen Zusammenhängen neu zu konstituieren. Ob der Titel des Buches „Das Ende vom Durchschnitt“ damit so glücklich gewählt ist? Ich würde ergänzen: „wie wir ihn kannten“.

„Meta“ ist das dritte Buch von Dirk von Gehlen und zugleich die Klammer aller seiner bisherigen Veröffentlichungen, in denen es um digitale Kopien, verschiedene Versionen von Inhalten und diesmal um die Bedeutung des Kontextes geht. Dieser speist sich aus eben jenen Meta-Daten, die – etwas bei einem Buch – bei der Produktion und bei der Rezeption entstehen. Aus ihnen erwächst ein Bedeutungsgehalt, der den eigentlichen Inhalt erweitert und in der Summe aller Rezeptionen wichtiger wird als dieser Inhalt selbst – so eine der grundlegenden Thesen des Textes.

Versuchsbeschreibung

Wenn ich über ein Buch, schreibe, das den Kontext über den Inhalt erhebt, muss ich natürlich berichten, wie ich es gelesen habe. „Das Buch“ ist allerdings irreführend. Denn Dirk von Gehlen hat dieses Projekt, wie auch den Vorgänger, „Eine neue Version ist verfügbar“ als Experiment konzipiert, mit dem er das beschriebene Phänomen gleich selbst anwendet. „Meta“ ist deshalb in verschiedenen Ausgaben verfügbar:

  • die Präsentation, die die Grundidee zusammenfasst
  • das E-Book,
  • der Podcast,
  • die Standard-Print-Version,
  • die Print-Premium mit den Annotationen des Autors direkt am Rand
  • das limitierte Komplett-Paket, das alle Versionen inklusive einer Einladung zur Book-Release-Veranstaltung umfassen sollte

Interessanterweise war es aber trotz all dieser Möglichkeiten gar nicht so einfach, das Buch so zu lesen, wie ich es wollte. Als die ersten Menschen Anfang Februar schon Fotos des Titels im Netz veröffentlichten, wartete ich als Bestellerin des Komplett-Pakets noch. Doch es wurden leider nicht wie angekündigt die Bestandteile des Komplett-Paketes einzeln zugestellt, also auch das E-Book nicht. Um bei einer Social-Reading-Gruppe in Gemeinschaft lesen und diskutieren zu können, habe ich mir die digitale Version gekauft. Das Social Reading hat dann aber unter anderem wegen technischer Zugangsprobleme nicht funktioniert.

Der Podcast landete per we-transfer bei mir im Spam-Filter. Der Link war nicht mehr gültig, als ich die Mail irgendwann entdeckte. Der Verlag schickte mir einen neuen zu. Angekündigt war dieser Podcast als produziertes „Gespräch zwischen Autor und Lektor über die Entstehung und über mögliche Lehren aus dem Buchprojekt“. Zu hören war ein unbearbeiteter Mitschnitt der Release-Veranstaltung mit heftigen Nebengeräuschen – für den Rezeptionskontext „unterwegs hören“ einfach nicht geeignet.

In einem Experiment sind gerade die Brüche und Reibungen interessant. Hier zeigen sie, dass die beschriebenen Umwälzungen noch im Werden sind –  oder zumindest in verschiedenen Branchen unterschiedlich weit fortgeschritten. Wir wissen noch nicht genau, wie das Spiel ausgehen wird. In der Verlagsbranche verhindern derzeit noch herkömmliche Produktions- und Distributionsprozesse, dass Bücher so produziert, verkauft und gelesen werden, wie es heute schon denkbar ist. Ein Podcast war als Produkt in diesem Verlag bislang einfach nicht vorgesehen – deshalb erhielt ich dafür auch eine Rechnung mit der Produktbeschreibung „Buch“. Selbst ein so fortschrittliches Unternehmen wie der Matthes-Seitz-Verlag, der sich immerhin auf das Experiment eingelassen hat, steht noch am Anfang des Endes vom Durchschnitt. Andere Branchen sind aber schon deutlich weiter, etwa die Musikbranche oder auch die Gesundheitsindustrie – spannende Interviews dazu sind im Buch nachzulesen.

Rezeption in Rezensionen und Gedanken

Meine letzte Annäherung an das Buch lief über die einzelnen Rezensionen, die bislang zu lesen sind. Sie erschienen bislang vorrangig im Januar/Februar und konnten damals das Experiment als Ganzes noch gar nicht berücksichtigen. Aber auch die Kultur der Buchbesprechungen gehorcht traditionellen Regeln und berücksichtigt ein Buch dann, wenn es das erste Mal erscheint, und nicht, wenn alle seine Versionen vorliegen. Auch hier regiert noch der Durchschnitt.

Es gibt die schöne Vorstellung vom Buch als Gespräch. Bislang beschränkt sich das hier noch auf den Dialog zwischen mir und dem Text. Ein Anfang. Jetzt ist dieser hier dazu entstanden. Das Buch hat einige Gedanken angeregt, über die mich bislang noch nicht ausgetauscht habe, die ich aber spannend finde:

  • Was macht es mit uns als Gesellschaft, wenn sich aus der Masse, die gemeinsam vor dem einen Lautsprecher Informationen aufnimmt, Individuen entwickeln, die nur noch per Kopfhörer hören? Wenn nicht mehr alle zusammen vor dem Fernseher, sondern jeder vor seinem Endgerät sitzt und den eigenen Film schaut? Was fällt damit weg, was gewinnen wir? Und wo anders als beim Twittern zu #tatort finden wir wieder zusammen?
  • Große Potenziale birgt das „Ende des Durchschnitts“ für den individualisierten Schulunterricht: Schulbücher, die den Lernfortschritt einzelner Schülerinnen und Schüler berücksichtigen, Tablets, die auch Kindern mit Lernbehinderungen Inhalte verfügbar machen, etc. Damit verbunden sind hier besonders wichtig die Fragen und Forderungen, die Dirk von Gehlen ebenfalls nennt: Datenschutz, Datensouveränität und Transparenz der Algorithmen.
  • Könnte sich das Ende des Durchschnitts auch auf eine Ausweitung verschiedener Modelle des Zusammenlebens führen? Werden wir toleranter gegenüber alternativen Lebensformen, wenn wir es gewohnt sind, dass Mainstream als vorherrschendes Prinzip abgelöst wird?
  • Was machen wir mit unserer Sehnsucht nach Einfachheit und Verständlichkeit? Macht uns die große Vielfalt nicht irgendwann ganz wuschelig und sehnen wir uns vielleicht irgendwann doch zu den Zeiten zurück, in der uns die Informationen des Tages in einer ganzen Zeitung angeboten wurden und wir nicht über jeden einzelnen Artikel, dessen Wert und Relevanz entscheiden mussten?

Und so haben andere Leserinnen und Leser das Buch gelesen (in einem Fall habe ich mich tatsächlich gefragt, ob es noch eine andere Version gab, die mir nicht bekannt ist):