#Monatsnotiz:  Nach dem Ende eines Monats schreibe ich auf, was mich in den vergangenen Wochen beschäftigt hat, was ich gelesen, gehört habe und weiterempfehlen möchte, woran ich arbeite, was ich bemerkenswert gefunden habe.

Im letzten Monat blicke ich gern auf das Jahr zurück. Mir gefällt das Gefühl, dass Dinge zu Ende gehen, dass ich etwas abschließen kann – um Neues zu beginnen. Zwar mag das in großen Teilen eine Illusion sein, die sich spätestens im Januar wieder als solche auflösen könnte. Aber mich lädt das Jahresende ein, mich ihr naiv hinzugeben. Jedes Jahr gern wieder. 

In diesem Jahr hat das auch funktioniert, weil ich mich in der Weihnachtspause so wenig wie möglich mit Corona beschäftigt habe. Was mich dennoch dauerhaft besorgt und bis heute nicht loslässt, ist die Frage, wie es kommt, dass wir es nicht geschafft haben, mehr Menschen zu überzeugen, sich impfen lassen. 

Nirgendwo habe ich deutlicher gehört, wie wichtig das ist, als von Christian Drosten in diesem Podcast im Deutschlandfunk. Eigentlich müssten überall mobile Impfstationen aufgebaut sein, aufsuchendes Impfen sollte zur Regel gehören und es müsste deutlich mehr und vor allem individualisierte Aufklärung geben. Wir würden noch immer nicht alle erreichen, aber sicher mehr. Ich empfehle dazu ein interessantes Gespräch mit dem Sozialpsychologen und Konfliktforscher Andreas Zick

Nicht alle, die bislang noch nicht immunisiert sind, laufen bei den Querdenkern mit. Wir müssen genauer hingucken. 

Andreas Zick, Konfliktforscher, Deutschlandfunk 16. November

Über das Lesen

In den vielen persönlichen Jahresrückblicken teilen viele gerade die (besten) Bücher, die sie über das Jahr gelesen haben. Ich habe im Dezember auch zurückgeschaut. Die Bilanz war für das ausgehende Jahr quantitativ eher bescheiden – ich hätte gerne mehr gelesen, weiß aber, dass das ich mich oft bewusst auch für anderes entschieden habe. Qualitativ habe ich eine gute Hand gehabt mit den Büchern, für die ich mir Zeit genommen habe, es waren genau zur Hälfte Sachbücher und Literatur. Zu den besten gehörten in der Reihenfolge meiner Lektüre „Das Experiment sind wir“ von Christian Stöcker, „Stern 111“ von Lutz Seiler, „Erzählende Affen“ von Samir El Ouassil und Friedemann Karig sowie „Das Ereignis“ von Annie Ernaux.

Auslöser dafür, über mein Lesen allgemeiner nachzudenken, war unter anderem ein Text im Farnam-Street-Blog von Shane Parrish, „Reading better“ (dort schreibt ein Team von Redakteur*innen, es ist nicht gekennzeichnet, wer welche Texte verantwortet). Mich hat der Titel gereizt, weil ich oftmals erstaunt bin, wie viel mir nicht mehr präsent ist, wenn ich mehrere Monate später noch einmal in (Sach-)bücher hineinschaue. Bei Farnam-Street gibt es eine ganze Reihe von Texten über das effektive Lesen, interessanterweise auch über das Notizenmachen. Irgendwann ging mir der Optimierungsgedanke dann doch zu weit – interessant fand ich die Serie alle Male und über einige seiner Tipps ließe sich gut diskutieren. Denn über das, was „gutes Lesen“ ausmacht, gibt es sicher verschiedene, vor allem individuell geprägte Ansichten – hier arbeiten alle Texte mit der Annahme, dass wir lesen, um etwas zu lernen. 

  • Skim broadly to find something worth reading. Then dive in slowly and deeply.
  • Start books quickly but give them up easily.
  • Skim a lot of books. Read a few. Immediately re-read the best ones twice.
  • Read old books. Read the best ones twice.
  • Take notes.
  • Read more. One of the best ways to learn is to read.

In einem der Texte gibt es einen Hinweis auf ein Buch, auf dem die Serie beruht: „Wie man ein Buch liest“ von Mortimer J. Adler und Charts Van Doren. Darauf war ich so neugierig, dass ich es gleich gelesen habe. Ich bin noch mittendrin. Es ist in diesem Fall eher kein Gewinn, dass es bereits aus den 40er Jahren stammt, liest sich trocken und langatmig. Es wird wohl ein Fall für Regel zwei werden. Für mäßig Interessierte reichen die Texte in jedem Fall.

Das Nachdenken über das Lesen hatte im Dezember noch einen zweiten Anlass: Christian Möller, Host des Podcasts „das Lesen der Anderen“, hatte die schöne Idee, für seinen Newsletter seine Hörer*innen zu fragen, welche drei Bücher sie geprägt haben oder welches für sie einfach die besten Bücher sind. Im Podcast spricht er darüber mit prominenten Menschen. Ich finde schon die Frage seine sehr bereichernde Denk-Aufgabe, durfte den Anfang machen und habe mich entschieden, nicht unbedingt „die besten“, sondern prägende Bücher in chronologischer Reihenfolge auszuwählen. Die ersten zwei aus Kindheit und Jugend waren sofort klar, über das dritte habe ich lange nachgedacht, in einige Bücher noch einmal hineingeschaut, entschieden und verworfen. Der Newsletter ist noch nicht erschienen, deshalb möchte ich hier noch nichts verraten, am besten gleich abonnieren

Bücher, die ich als prägend bezeichnen würde, tauchen übrigens meistens in einer Reihe von mehreren auf. Bei Parrish heißt das „synoptical reading“, sozusagen die Meisterklasse der verschiedenen Stufen des Lesens:

Synoptical reading is reading a variety of books and articles on the same topic, finding and evaluating the contradictions, and forming an opinion. 

Reading better

Neben dem Rückblick auf Bücher habe ich auch in diesem Jahr wieder hier im Blog mein persönliches Medienmenü beschrieben und dabei die Angebote freier Medien genannt, die ich als Teil einer Community unterstütze. Ich bin da eigentlich recht beständig geblieben, aber es sind neue hinzugekommen.

Podcasts

Passend zum Thema Lesen bin ich auf den FAZ-Bücherpodcast gestoßen, in dem die Schriftstellerin Berit Glanz und die Lehrerin Maike Bartl mit dem FAZ-Redakteur*innen Andrea Diener und Fridtjof Küchemann über ihr eigenes Lesen und das mit Kindern und Jugendlichen sprechen, ein schönes Gespräch.

Shane Parrish veröffentlicht neben seinem Blog auch einen Podcast. Er spricht darin mit „world-class doers and thinkers”, ich bin bei der Folge mit Esther Perel hängengeblieben. Die belgische Psychotherapeutin beschreibt wunderbar einfach und auf den Punkt gebracht, was Beziehungen ausmacht – Paarbeziehungen genau wie Beziehungen zwischen Erwachsenen und ihren Kindern, und worauf es eigentlich ankommt, wenn wir miteinander streiten:

The choreography – the form – is very more important than the content. 

und

Behind every criticism there is a wish.

Esther Perrel, The Knowledge Podcast

Perrel bringt einen eigenen Podcast heraus („Where should we begin“), in dem sie mit als Therapeutin mit Paaren über ihre Beziehungen spricht. Ich konnte damit noch nicht so viel anfangen, aber sehr gefallen hat mir, wie sie auf ihrer Website ihre Hörer*innen auffordert, den Podcast weiterzuempfehlen: „Friends don’t keep good podcasts a secret“.

Für „Hamburg hOERt ein HOOU“ habe ich auf den letzten Metern des Jahres mit der Bildungswissenschaftlerin Nele Hirsch über ihre Website „Internetquatsch“ und den Adventskalender auf der Website gesprochen. Sie stellt dort unter anderem kollaborative Tools vor, die sich wunderbar als Auflockerung und für die Zusammenarbeit bei Online-Meetings einsetzen lassen. In der Episode sprechen wir darüber, wie ihre Seite entstanden ist, wie sie sich weiterentwickelt hat und wie es damit weitergehen wird.

Arbeit

Der Dezember war auch bei der Arbeit davon geprägt, Dinge zu Ende bringen. Gleichzeitig haben wir auch schon neue Projekte geplant – einerseits war das von der Menge her fordernd, andererseits auch beruhigend: Gut, jetzt schon zu wissen, wie es im kommenden Jahr weiter gehen wird. Wir haben mehrere neue größere Projekte so weit gebracht, dass wir im Januar gleich damit starten können. Dafür brauchen wir noch Unterstützung im Team und haben eine Stelle ausgeschrieben.

Zu Weihnachten haben wir uns in diesem Jahr einen eher schweigsamen Gruß an unsere Kunden und Partner verschickt. Mir entsprach das nach diesem Jahr sehr – und kaum hatten wir abgedreht, war nur noch von Schweigen zu hören und lesen – unter anderem in diesem wie ich finde gelungenen Zeitfragen-Feature im Deutschlandfunk, das so etwas wie den theoretischen Unterbau unseres kleinen Films liefert.

Für Januar und Februar stehen auch wieder Seminare und Vorträge im Bereich Wissenschaftskommunikation an – wie es aussieht, wird das weiterhin online geschehen. Für Workshops und Seminare habe ich mich daran gewöhnt, bei Veranstaltungen hoffe ich doch sehr auf ein Ende der Einschränkungen. Für das EuropaCamp der ZEIT-Stiftung im April drücke ich zumindest sehr fest die Daumen, dass es eine Live-Konferenz vor Ort werden wird. 

Film

Wir starten hier zuhause angesichts der aktuellen Corona-Lage eine weitere Homekino-Filmreihe. Im letzten Jahr hatten wir uns im Winter durch das Werk von Rainer Werner Fassbinder geschaut. Ich bin bislang nicht wirklich eine Freundin von Science-Fiction gewesen, möchte das ändern und habe deshalb zu Weihnachten als nicht ganz uneigennütziges Geschenk eine Filmreihe kuratiert. Geholfen haben mir dabei viele Menschen auf Twitter – eine sehr gute Erfahrung des Crowdsourcing. Angefangen haben wir mit „Don’t look up“ – der aktuell zu den meistgesehenen Filmen auf Netflix gehört und erst im Dezember in die Kinos gekommen war. Da die Monatsnotizen nun schon so lang sind, spare ich mir eine Bewertung und verlinke drei Beiträge, in denen sich fast alles wiederfindet, was ich heute von dem Film denke: 

Christian Stöcker vermutete auf Spiegel online, der Film erzähle die Realität, führt (nicht) gute Gründe dafür an – und möchte ihn deshalb gar nicht sehen.

WOON-MO SUNG ist bei Chip.de genervt von dem plakativen Herumreiten auf der Aussage des Films und hält ihn für die „größte Enttäuschung des Jahres“.

Lars Weisbrod und Ijoma Mangold besprechen den Film als Abbild verschiedenster Gegenwartsphänomene in der Weltuntergangs-Episode ihres Podcasts „die so genannte Gegenwart“ und tendieren dabei dazu, ihn als gelungene Satire zu bewerten.

Folgende Filme werden nun in den kommenden Wochen folgen:

Musik

Meine Musik des Monats ist ein Tipp von Christian Möller, der, siehe oben, nicht nur einen eigenen Podcast hat, sondern auch im Musik-Podcast Reflektor bei Jan Müller zu Gast war und dort seine drei Lieblingstitel vorgestellt hat (nur als Bonusfolge für Klubmitglieder von Viertausendhertz verfügbar).

Ich bin ihn sehr dankbar für den Hinweis. Alleine wegen dieses Videos hätte ich diese Monatsnotizen gerne schon Ende Dezember veröffentlicht, um es allen, die hier lesen, zum Ausklang des Jahres mitzugeben. So wunderbar, wie Sänger Neil Hannon mit „This is the end“ startet, um dann sein Glas zu heben. Ich finde Video und Song sehr tröstlich und schön und kann es in Dauerschleife sehen und hören.