Das Ende des Durchschnitts — wie wir ihn kannten

Dirk von Gehlen hat Anfang des Jahres ein neues Buch veröffentlicht – „Meta! Das Ende des Durchschnitts“. Eine Lektürebeschreibung.

img_8666-2

Wenn am Sonntagabend der „Tatort“ startet, gibt es einige Menschen, die viel Wert darauf legen, pünktlich ab 20.15 Uhr „live“ zuzuschauen, obwohl es dank Mediathek und Aufnahmemöglichkeit eigentlich keinen Grund mehr dafür geben sollte. Sie aber haben einen: Sie möchten den Tatort live-twitternd unter #tatort via second screen kommentieren, analysieren, die Dialoge bewerten und sich austauschen. Die Tatort-Fans verhalten sich damit freiwillig wieder so wie die Zuschauerinnen und Zuschauer in den Zeiten, als das Fernsehprogramm nur zur ausgestrahlten Zeit zu empfangen war und unseren Tagesablauf strukturierte. Was neu ist: Sie produzieren mit ihren Tweets neue Inhalte, neue Texte, neue Daten.

Ich musste an diese Tatort-Tweets denken, nachdem ich das aktuelle Buch „Meta! Das Ende des Durchschnitts“ von Dirk von Gehlen gelesen hatte. Er ist Journalist und Leiter Innovation bei der Süddeutschen Zeitung und beschreibt, wie sich in der Kultur, Automobilindustrie, im Gesundheitsbereich und selbst im Sport ein immer gleiches Phänomen beobachten lässt: Der Mainstream als kleinster gemeinsamer Nenner hat ausgedient. Wir leben im Zeitalter der Personalisierung – die Digitalisierung macht es möglich, dass wir das Produkt, die Zeitung, die Playlist kaufen oder abonnieren können, die unseren persönlichen Anforderungen und Wünschen am meisten entspricht. Wie unsere Vorlieben aussehen, lässt sich im Zuge der Digitalisierung immer feiner, immer passgenauer ermitteln.

Von der Lautsprecher- zur Kopfhörerkultur

Dirk von Gehlen nutzt ein sehr eingängiges Bild, um diese Entwicklung zu bezeichnen, wenn er vom Übergang von der „Lautsprecher zur Kopfhörer-Kultur“ spricht: Werden Informationen in der Lautsprecherkultur noch vom Absender definiert und für alle Empfänger gleich weiterverbreitet, bestimmt in der Kopfhörer-Kultur die Empfängerin selbst, was sie wann hören will, wie laut und wo. Durch diese individuelle Rezeption formt sie die Information gleich mit, denn sie bestimmt, was für sie wichtig und relevant ist. Zudem produziert sie in ihrer Nutzung so genannte Meta-Daten, die in Zeiten der Digitalisierung bis aufs kleinste Detail erfassbar und verwertbar geworden sind, um immer passgenauere Angebote zu schaffen.

Was hat das nun mit den Menschen zu tun, die beim Tatort twittern? Parallel zu diesem Wandel gibt es auch gegensätzliche Entwicklungen, die Entstehung eines „neuen Durchschnitts“, wie es später im Buch heißt. Das ist zum Beispiel die Community der twitternden Tatort-Fans, die sich dank eines digitalen Dienstes unter einem Hashtag zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten über ein und den gleichen Film austauschen – sie eint, dass sie ihn alle gleichzeitig sehen. Jahrzehntelang konditionierte Rezeptionsgewohnheiten werden durch die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung zunächst über Bord geworfen, um sich in anderen Zusammenhängen neu zu konstituieren. Ob der Titel des Buches „Das Ende vom Durchschnitt“ damit so glücklich gewählt ist? Ich würde ergänzen: „wie wir ihn kannten“.

„Meta“ ist das dritte Buch von Dirk von Gehlen und zugleich die Klammer aller seiner bisherigen Veröffentlichungen, in denen es um digitale Kopien, verschiedene Versionen von Inhalten und diesmal um die Bedeutung des Kontextes geht. Dieser speist sich aus eben jenen Meta-Daten, die – etwas bei einem Buch – bei der Produktion und bei der Rezeption entstehen. Aus ihnen erwächst ein Bedeutungsgehalt, der den eigentlichen Inhalt erweitert und in der Summe aller Rezeptionen wichtiger wird als dieser Inhalt selbst – so eine der grundlegenden Thesen des Textes.

Versuchsbeschreibung

Wenn ich über ein Buch, schreibe, das den Kontext über den Inhalt erhebt, muss ich natürlich berichten, wie ich es gelesen habe. „Das Buch“ ist allerdings irreführend. Denn Dirk von Gehlen hat dieses Projekt, wie auch den Vorgänger, „Eine neue Version ist verfügbar“ als Experiment konzipiert, mit dem er das beschriebene Phänomen gleich selbst anwendet. „Meta“ ist deshalb in verschiedenen Ausgaben verfügbar:

  • die Präsentation, die die Grundidee zusammenfasst
  • das E-Book,
  • der Podcast,
  • die Standard-Print-Version,
  • die Print-Premium mit den Annotationen des Autors direkt am Rand
  • das limitierte Komplett-Paket, das alle Versionen inklusive einer Einladung zur Book-Release-Veranstaltung umfassen sollte

Interessanterweise war es aber trotz all dieser Möglichkeiten gar nicht so einfach, das Buch so zu lesen, wie ich es wollte. Als die ersten Menschen Anfang Februar schon Fotos des Titels im Netz veröffentlichten, wartete ich als Bestellerin des Komplett-Pakets noch. Doch es wurden leider nicht wie angekündigt die Bestandteile des Komplett-Paketes einzeln zugestellt, also auch das E-Book nicht. Um bei einer Social-Reading-Gruppe in Gemeinschaft lesen und diskutieren zu können, habe ich mir die digitale Version gekauft. Das Social Reading hat dann aber unter anderem wegen technischer Zugangsprobleme nicht funktioniert.

Der Podcast landete per we-transfer bei mir im Spam-Filter. Der Link war nicht mehr gültig, als ich die Mail irgendwann entdeckte. Der Verlag schickte mir einen neuen zu. Angekündigt war dieser Podcast als produziertes „Gespräch zwischen Autor und Lektor über die Entstehung und über mögliche Lehren aus dem Buchprojekt“. Zu hören war ein unbearbeiteter Mitschnitt der Release-Veranstaltung mit heftigen Nebengeräuschen – für den Rezeptionskontext „unterwegs hören“ einfach nicht geeignet.

In einem Experiment sind gerade die Brüche und Reibungen interessant. Hier zeigen sie, dass die beschriebenen Umwälzungen noch im Werden sind –  oder zumindest in verschiedenen Branchen unterschiedlich weit fortgeschritten. Wir wissen noch nicht genau, wie das Spiel ausgehen wird. In der Verlagsbranche verhindern derzeit noch herkömmliche Produktions- und Distributionsprozesse, dass Bücher so produziert, verkauft und gelesen werden, wie es heute schon denkbar ist. Ein Podcast war als Produkt in diesem Verlag bislang einfach nicht vorgesehen – deshalb erhielt ich dafür auch eine Rechnung mit der Produktbeschreibung „Buch“. Selbst ein so fortschrittliches Unternehmen wie der Matthes-Seitz-Verlag, der sich immerhin auf das Experiment eingelassen hat, steht noch am Anfang des Endes vom Durchschnitt. Andere Branchen sind aber schon deutlich weiter, etwa die Musikbranche oder auch die Gesundheitsindustrie – spannende Interviews dazu sind im Buch nachzulesen.

Rezeption in Rezensionen und Gedanken

Meine letzte Annäherung an das Buch lief über die einzelnen Rezensionen, die bislang zu lesen sind. Sie erschienen bislang vorrangig im Januar/Februar und konnten damals das Experiment als Ganzes noch gar nicht berücksichtigen. Aber auch die Kultur der Buchbesprechungen gehorcht traditionellen Regeln und berücksichtigt ein Buch dann, wenn es das erste Mal erscheint, und nicht, wenn alle seine Versionen vorliegen. Auch hier regiert noch der Durchschnitt.

Es gibt die schöne Vorstellung vom Buch als Gespräch. Bislang beschränkt sich das hier noch auf den Dialog zwischen mir und dem Text. Ein Anfang. Jetzt ist dieser hier dazu entstanden. Das Buch hat einige Gedanken angeregt, über die mich bislang noch nicht ausgetauscht habe, die ich aber spannend finde:

  • Was macht es mit uns als Gesellschaft, wenn sich aus der Masse, die gemeinsam vor dem einen Lautsprecher Informationen aufnimmt, Individuen entwickeln, die nur noch per Kopfhörer hören? Wenn nicht mehr alle zusammen vor dem Fernseher, sondern jeder vor seinem Endgerät sitzt und den eigenen Film schaut? Was fällt damit weg, was gewinnen wir? Und wo anders als beim Twittern zu #tatort finden wir wieder zusammen?
  • Große Potenziale birgt das „Ende des Durchschnitts“ für den individualisierten Schulunterricht: Schulbücher, die den Lernfortschritt einzelner Schülerinnen und Schüler berücksichtigen, Tablets, die auch Kindern mit Lernbehinderungen Inhalte verfügbar machen, etc. Damit verbunden sind hier besonders wichtig die Fragen und Forderungen, die Dirk von Gehlen ebenfalls nennt: Datenschutz, Datensouveränität und Transparenz der Algorithmen.
  • Könnte sich das Ende des Durchschnitts auch auf eine Ausweitung verschiedener Modelle des Zusammenlebens führen? Werden wir toleranter gegenüber alternativen Lebensformen, wenn wir es gewohnt sind, dass Mainstream als vorherrschendes Prinzip abgelöst wird?
  • Was machen wir mit unserer Sehnsucht nach Einfachheit und Verständlichkeit? Macht uns die große Vielfalt nicht irgendwann ganz wuschelig und sehnen wir uns vielleicht irgendwann doch zu den Zeiten zurück, in der uns die Informationen des Tages in einer ganzen Zeitung angeboten wurden und wir nicht über jeden einzelnen Artikel, dessen Wert und Relevanz entscheiden mussten?

Und so haben andere Leserinnen und Leser das Buch gelesen (in einem Fall habe ich mich tatsächlich gefragt, ob es noch eine andere Version gab, die mir nicht bekannt ist):

Ein Gedanke zu „Das Ende des Durchschnitts — wie wir ihn kannten

  1. Pingback: Gelesen: „Meta! Das Ende des Durchschnitts“ | Edyssee

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s