#Monatsnotiz:  Nach dem Ende eines Monats schreibe ich auf, was mich in den vergangenen Wochen beschäftigt hat, was ich gelesen, gehört habe und weiterempfehlen möchte, woran ich arbeite, was ich be-merkenswert gefunden habe.

Was kommt nach mir

Der gefühlt längste* Monat des Jahres bietet Stoff für mindestens drei Monatsnotizen. Nur auf den ersten Blick passend zur draußen fast durchweg grauen Stimmung habe ich mich damit beschäftigt, was sein wird, wenn ich einmal nicht mehr bin. Das mag eher nach November klingen (Max Buddenbohm hat ja auch schon den Januvember ausgerufen), war aber eher erhellend und hat gute Gedanken angestoßen.

Neben eher pragmatischen Themen, die gerade anstanden, zum Beispiel, wie wir als die beiden Geschäftsführenden in der Agentur mit einem Todesfall umgehen wollen, kam die eher grundsätzliche Frage auf: Wer möchte ich gewesen sein? Darum geht es auch im letzten Jahr neu gestarteten Podast von Jule Lobo. Ich habe eine Kritik hier im Blog zu ihren Gesprächen mit Prominenten geschrieben.

Die Frage ist ja ganz unabhängig von Prominenz interessant. Vielleicht könnten wir unseren eigenen Nachruf als Übung und Auseinandersetzung mit dem irdischen Dasein schon einmal selbst vorab verfassen? Mich haben die Gedanken daran aber vor allem auf meine Kinder verwiesen: Wer möchte ich für sie gewesen sein? Ich bin froh, dass sie, sollte ich gehen, inzwischen so alt sind, dass ich das Gefühl habe, sie haben einiges von mir mitbekommen, verstanden und können damit umgehen, sollte es ihnen in ihrer Persönlichkeit wiederbegegnen. 

Auch das Philosophie-Magazin hatte tatsächlich genau in diesem Monat den Schwerpunkt: Wer werde ich gewesen sein? Wie so oft fliegen die Themen von verschiedenen Seiten gleichzeitig auf mich zu. In dem Heft mit einigen guten Gedanken hat die Philosophin Alice Lagaay noch einmal eine ganz neue Perspektive eröffnet. Wir müssten uns damit abfinden, sagt sie, uns selbst aus dem Bild zu nehmen. Das Nichts akzeptieren. Das entspanne auch für die Gegenwart: Wer die eigene Leerstelle anitzipiert und akzeptiert, muss zu Lebzeiten keine „Bucket-List“ mehr abarbeiten. Auch ein guter Gedanke, wobei ich eine solche Liste bislang noch gar nicht aufgestellt hatte. 

Was mich angesprochen hat, ist der Gedanke, sich selbst schon aus dem Bild zu nehmen, während wir noch leben: „Eine Landschaft so zu sehen, wie sie ist, wenn ich nicht darin bin“, zitiert Lagaay die Philosophin Simone Weil. Aber bleibt wirklich nur eine Leerstelle? Zumindest sind mir die zum Glück wenigen Menschen, die mir nahestanden und schon verstorben sind, noch immer sehr präsent in meinem Denken, Erinnern, in inneren Dialogen. Jemand schlug neulich vor, man solle sich regelmäßig mit hinterbliebenen Freund*innen treffen, um mit den Verstorbenen ein Glas zu trinken. Eine gute Idee, ich habe mich gleich dazu verabredet. 

Podcast-Neuentdeckung

Alice Lagaay begegnete mir im Januar ein weiteres Mal in einem Podcast, den ich mir irgendwann einmal wegen des Namens gemerkt hatte„Des Pudels Kern“.

Der Podcast hat mich, die ich mich bislang wenig bis gar nicht mit klassischer und Neuer Musik beschäftige, sehr fasziniert: 

Des Pudels Kern« ist eine neue Gesprächsreihe rund um klassische Musik, Pop, Philosophie, Kunst und Wissenschaft. Wir saugen das Fett ab, lauschen zurück und in die Zukunft. Was erzählt uns Mozarts Figaro über Machtmissbrauch, was verbindet Kampfkunst und Bogenführung und was erfahren wir von der Romantik für das Leben in der Klimakatastrophe? Der Pudel bietet den Hörer*innen einen unmittelbaren Zugang zur Musik und zu dem, was sie zu sagen hat: über die Schönheit der Welt und die Krisen unserer Zeit.

Eigenbeschreibung auf der Website

Alice Lagaay war Gast in der Folge, in der es um Monster geht, das „Monströse, Wahnsinnige, Fremde“, aufgespürt in der Verbindung aus Musik, Philosophie und Literatur, empfehlenswert als Einstieg.

Irgendwann fiel mir ein, dass mir Alice Lagaay im letzten Jahr schon einmal begegnet war: Sie war Gesprächspartnerin im Deutschlandfunk zur „Sein-und-Streit-Sendung“ über die Pause, die ich in den Juli-Notizen erwähnt hatte, auch eine Art Leerstelle, schon damals der Bezug zum Tod:

Im Grunde ist das Warten oder Nichttun oder Pausieren eine Art des Übens von Totsein oder Sterben, und zwar als positive Sache, weil man dabei lernt oder die Erfahrung macht, wie es ist, nicht unbedingt aktiv involviert zu sein, nicht immer Impulse geben zu müssen.

Alice Lagaay in Sein und Streit, Deutschlandfunk Kultur

Weitere Podcasts:

Das Thema Sciene-Fiction begleitet mich weiter, wir sind in unserer privaten Filmreihe nun mit „Fahrenheit“ und „Moon“ schon weiter gekommen, bislang gefällt die Auswahl uns beiden sehr gut. In gleich zwei Podcasts habe ich noch einmal mehr verstehen können, warum es so lohnenswert ist, sich mit den Zukunftsvisionen zu beschäftigen, die ja – darin sind sich beide Expertinnen, die ich gehört habe, einig – eigentlich mehr von unserer Gegenwart handeln:

  • Im brandeins-Podcast erklärt die Politologin Isabella Hermann, wie Unternehmen und Organisationen durch Science-Fiction neue Denkmodelle lernen können.
  • Im Podcast „Tech won’t save us” erklärt die Autorin und Journalistin (they/them) Annalee Newitz, wie Unternehmer*innen im Silicon Valley Science-Fiction als Quelle für ihr Visionen zwar nutzen, dabei aber bestimmte Aspekte, die in den Filmen immer eine Rolle spielten, einfach ignorierten. 

„The Power of a Daily Practice” ist der Titel des Podcasts “When Women Fly” von Sylvia Winter (“a pilot, designer, mum, podcaster”), in der LibbydeLana zu Gast ist, Autorin des Buchs “Do walk” (siehe auch Monatsnotiz Juli). Sie berichtet darin unter anderem von ihrer neuen Leidenschaft, dem Eisbaden. Ich finde das genauso faszinierend wie unvorstellbar. In Hamburg praktiziert die Autorin Sylvia Heinlein regelmäßige Bäder in der Elbe bei einstelligen Temperaturen, man folge und bewundere sie bei Instagram als @madame_in_nature

Bücher

Im Kontext meiner Science-Fiction-Begeisterung hatte ich mir „Every“ von Dave Eggers vorgenommen, obwohl ich damals wie so viele mit „The circle“ wenig anfangen konnte. Ich habe es zu Ende gelesen, war aber in mehrfacher Hinsicht enttäuscht. Bezüge zur ehemaligen DDR, die in Form eines Every-Mitarbeiters aus Weimar angedeutet wurden, wurden nicht ausgeführt. Die für mich interessanteste Figur, Buddy und Mitstreiter der Protagonistin, lässt der Autor irgendwann quasi fallen, dabei waren in ihm die spannendsten Konflikte angelegt. In der Süddeutschen Zeitung war zu lesen, dass eine KI herausgefunden habe, die Bücher Dave Eggers (hier The Circle) gehörten zu den perfektesten Romanen. Perfekt im Sinne einer KI ist dann eben doch noch kein Gütezeichen für Literatur.

Für die nächste Podcast-Episode von „Lob des Gehens“ habe ich nun endlich das Regenbuch von Christian Sauer gelesen: „Regen – eine Liebeserklärung an das Wetter wie es ist.“ Sehr schön und inspirierend, das Gespräch haben wir schon aufgenommen, es erscheint am 11. Februar.

Arbeit

Im Januar standen jede Woche Workshops, einmal ein Seminar und Präsentationen an. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, dass das alles online funktioniert – und ich finde, es läuft sogar erstaunlich gut. Wir arbeiten viel mit dem interaktiven Whiteboard Miro und ich sehe eine größere Offenheit gegenüber diesen Tools als noch zu Anfang der Pandemie.

Beim Online-Stammtisch Wissenschaftskommunikation hatten wir im Januar Franziska Bluhm zu Gast, um mit ihr über Newsletter zu sprechen. Die zehn Learnings veröffentlichen wir in Kürze bei Mann beißt Hund im Blog. Es war sehr anregend, sich auszutauschen, und es ist klar geworden: Wer heute noch einen Newsletter startet, braucht eine gute Community und/oder eine tolle Idee – im besten Fall beides und in jedem Fall einen längeren Atem.

Mit gedrückten Daumen schauen wir gemeinsam mit der ZEIT-Stiftung auf Anfang April – da wird vom 7. bis 10. April das EuropaCamp auf Kampnagel stattfinden, mit Diskussionen, Workshops, viel Kultur, Live-Podcast und einem Live-Konzert. Wenn es denn möglich ist. Ich habe mir alle Tage freigehalten und werde durchgehend dort sein – und hoffe sehr auf live vor Ort.  

Für den Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) arbeiten wir gerade mit einer Arbeitsgruppe an einer Kommunikationsstrategie. Das ist deshalb sehr spannend, weil die Bibliotheken sich doch sehr weiterentwickelt haben und für unterschiedliche Menschen ganz unterschiedliche Funktionen haben. Es ist der Auftakt einer längeren Zusammenarbeit, wir werden auch die Umsetzung begleiten, ein schönes Projekt.

Darüber hinaus arbeiten wir viel mit Hochschulen zusammen, die ihre Kommunikation strategisch ausrichten und sich in der Gesamtheit der Vielen im Wettbewerb um Forschende und Studierende positionieren wollen. Dabei ist erstaunlich, dass diese Aufgabe immer wieder anders ausfällt, je nachdem wie die Hochschulen aufgestellt sind, wie weit sie im Prozess sind und worin ihre jeweilige Herausforderung besteht. 

Wir haben weiter viele Anfragen und brauchen noch immer Verstärkung im Team, das Stellenangebot ist noch offen.

Halb aus beruflichem, halb aus allgemeinem Interesse habe ich eine Diskussion zwischen Vertreter*innen der Wissenschaft mit dem neuen Chefredakteur der BILD-Zeitung verfolgt. Hintergrund der Diskussion war die Berichterstattung der BILD vor Weihnachten, als drei Wissenschaftler*innen als „Lockdown-Macher“ angeprangert worden waren. Die Wissenschaftsorganisationen hatten sich damals sehr schnell mit einem Brief deutlich gegen diese Form der Berichterstattung ausgesprochen. Eine klare Haltung, die ich in der Veranstaltung und dem Umgang mit der Diskussion im Nachgang vermisst habe: Sie wurde leider nicht veröffentlicht. Ich habe einen Text hier im Blog dazu geschrieben.

Musik

Alle reden, schreiben über Tocotronic und das neuen Album, ich fühle mich überflutet, lese nichts mehr darüber und höre jetzt nur noch die Musik.

Die eigentliche Neuentdeckung des Monats für mich ist die Künstlerin Snail Mail mit ihrem aktuellen Album Valentine (erschienen im vergangenen November, wie gut das alles passt), höre daraus sehr gern „Forever“. Als Video für den kommenden Monat der Titelsong.

*Ich glaube, der Monat kommt uns so lang vor, weil wir jetzt, nach Weihnachten, Silvester, Gemütlichkeit eigentlich keinen Sinn mehr im Winter sehen. Er soll einfach bald vorbei sein. Da das aber noch dauert, lenken wir uns ab, um nicht ständig damit konfrontiert zu werden. Bei mir hat das ganz gut geklappt, deshalb sind auch diese Notizen wieder so lang geworden. Der eigentlich längste Monat ist übrigens der Oktober, mit 31 Tagen und einer Stunde, die wir noch dazubekommen, wenn die Uhr wieder umgestellt wird.