#Monatsnotiz:  Nach dem Ende eines Monats schreibe ich auf, was mich in den vergangenen Wochen beschäftigt hat, was ich gelesen, gehört habe und weiterempfehlen möchte, woran ich arbeite, was ich bemerkenswert gefunden habe.

Wir befinden uns mitten in der vierten Corona-Welle, und tatsächlich wagen einige Politiker*innen zu behaupten, sie seien nicht gewarnt gewesen, die Wucht sei nicht vorhersehbar gewesen. 

Das stimmt nicht. Das Robert-Koch-Institut (RKI) sowie einzelne Wissenschaftler*innen hatten schon im Juli klare Prognosen erstellt und genau das empfohlen, was dann versäumt wurde – zu lesen im Bericht des RKI aus dem Juli.

Ich habe angesichts der aktuellen Lage im November an ein Interview in der Zeitschrift brand eins mit dem Philosophen Armen Avessinan zurückgedacht. Das Gespräch ist mehr als zwei Jahren alt. Ich habe damals darüber das erste Mal von der philosophisch/politischen Denkrichtung des Akzelerationismus gelesen – und fand unter anderem die Forderung interessant, das eigene Handeln an unserer Zukunft auszurichten, statt sich in Fantasien von Entschleunigung zurück zu flüchten. Avessinan fordert,

„dass wir uns als Subjekte, aber auch als Gesellschaft in der Zukunft verorten müssen und lernen, aus der Zukunft über die Gegenwart zu denken und nicht, wie es die Politik heute tut, aus der Gegenwart zurück in die Vergangenheit zu starren und zu versprechen, dass es irgendwann wieder so sein wird wie früher.“

 Armen Avessinan, Brand eins, 2018

Ich habe mich im November gefragt, wie wir eigentlich dahin gekommen sind, wo wir heute stehen. Vielleicht hat es tatsächlich mit einem grundsätzlich falschen Denkmuster zu tun, dass wir jetzt die vierte Welle durchmachen. Wir denken unsere Zukunft aus unserer Gegenwart heraus, dabei wäre das Gegenteil wichtig und zielführend: Die Gegenwart aus der Zukunft zu denken. Dann hätten wir – hätten die Politiker*innen – sich weniger durch den Wahlkampf ablenken lassen, der relativ entspannte Sommer hätte uns nicht ruhigstellen können, stattdessen hätten wir uns ab Juli gemeinsam bemüht, das zu verhindern, was die Prognosen damals vorhersagten, wenn wir nicht handelten.

Wer da noch etwas tiefer einsteigen will, kann sich den Podcast „Future Histories“ anhören, in dem Host Jan Groos mit Avenessian spricht. Die Episode stammt aus Mai 2019 und ist damit ebenfalls vor der Corona-Pandemie entstanden, ich habe sie jetzt erst entdeckt. Schon damals stellte der Philosoph bereits die Frage, die wir uns nun beantworten können: 

„Schaffen wir es als Gattung, exponentielle Entwicklungen in unsere Handlung zu integrieren, oder sind wir einfach zu doof dafür?“

Armen Avessinan, Future-Histories-Podcast, Juni 2019

Buch

Offenbar sind nicht nur unsere Denkmuster, sondern auch unsere hergebrachten Erzählungen längst nicht mehr geeignet, Phänomene wie Corona und Klimawandel abzubilden – geschweige denn, ihnen im gesellschaftlichen Handeln etwas entgegenzusetzen. Samira el Ouassil und Friedemann Karig fordern in ihrem Buch „Erzählende Affen“ deshalb neue Erzählungen. Ich habe hier im Blog einen Text darüber geschrieben, das Buch hat mich überzeugt und beeindruckt. 

Nicht geschrieben habe ich über Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des Philosophie-Magazins, die aktuell viel zu sehen und zu hören ist. Sie hat ein neues Buch geschrieben, das ich nicht lesen werde. Ihre Auftritte fand ich erstaunlich unterkomplex bis ärgerlich populistisch. Margarete Stokowski hat in ihrer Kolumne bei Spiegel Online einen Rant verfasst, der  Flaßpöhler (und Richard David Precht) als Möchtegern-Philosoph*innen demontiert. Und auch die Autorin Jasmina Kunke, die Flaßpöhler gerade mehrfach als „Fallbeispiel“ für die in ihrem Buch heraufbeschworene neue Sensibilität missbraucht, wehrt sich dagegen und stellt in einem Thread das klar, was dazu gesagt werden muss. Man möchte über all das schweigen, wenn vieles, von dem, was Flaßpöhler sagt, nicht so unverantwortlich falsch wäre.

Podcasts

Im November habe ich eine weitere Folge von „Lob des Gehens herausgebracht. Ich habe mit Stefanie Jarantowski gesprochen, die vor gut zwei Jahren 650 Kilometer in 30 Tagen auf dem Olavsweg in Norwegen gewandert ist. Für sie war es nach dem Verkauf ihres Startups „Eventsofa“ ein Übergang zu einem Neuanfang. 

Meine Empfehlung in diesem Monat, in dem mein Bedarf an aktuellen Informationen zu Corona wieder deutlich gestiegen ist, gilt den aktuellen Pandemia-Podcasts im Label Viertausendhertz. Die beiden Wissenschaftsjournalist*innen Laura Salm-Reifferscheidt und Kai Kupferschmidt ziehen im Gespräch mit dem Podcaster Nicolas Semak Rückschlüsse aus den Seuchen und Krisen in anderen Ländern. Aktuell haben drängende Fragen wie die neue Virus-Variante Omicron Vorrang, und der Podcast erscheint in kürzeren Abständen als gewöhnlich. 

Neben Pandemia fand ich auch das letzte Interview im „Elementarfragen-Podcast“ von Viertausendhertz bemerkenswert. Karl Lauterbach sagt dort, was wenig geeignet ist, Trost und Zuversicht zu spenden, was aber, siehe oben, deswegen ja nicht weniger wichtig ist. „Wir haben diesmal noch Glück gehabt“, sagt er, und mahnt an, dass wir uns in Zukunft auf Viren vorbereiten müssten, gegen die man nicht so gut impfen könne wie gegen SARS CoV-2. 

Die Episode im brandeins-Podcast mit der Neurowissenschaftlerin Maren Urner fand ich sehr inspirierend, wenn man sich Gedanken darüber machen möchte, für welche Ressourcen wir unser Gehirn nutzen möchten und wie in diesem Zusammenhang digitale Selbstbestimmung konkret aussehen kann. Die Episode hat dazu geführt, dass ich mir das Online-Magazin „Perspective-Daily“ noch einmal genauer ansehen werde, das ich bislang eher aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte. Maren Urner hat es mitgegründet und schreibt dort auch regelmäßig.

Arbeit

Auch dieser Monat hatte noch viel mit Ausschreibungen und Anfragen für das kommende Jahr zu tun. Wir freuen uns auf neue Projekte und schließen andere ab, das ist ein guter Rhythmus wie ich finde. 

Wir beschäftigen uns aktuell und im kommenden Jahr mit Bibliotheken, ihrer Funktion als „Dritte Orte“ neben dem Zuhause und der Arbeit (was ja bei vielen aktuell gerade wieder gleichbedeutend ist) – sehr spannend. Ich liebe Bibliotheken. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich in einer Stadt aufgewachsen bin, deren damals neue Bibliothek in den 80er Jahren als Modelleinrichtung galt.

Dank der vierten Welle gab es im November bei uns wieder Absagen geplanter Veranstaltungen, ein kleines déjà-vue –  allerdings hatten wir diesmal weniger mit den Auswirkungen zu kämpfen.

Stattfinden konnte noch die Horizonte-Konferenz der Körber-Stiftung in Kooperation mit dem Hamburg Institute für Advanced Studies. „Bitte wenden!“ lautete der Titel der Veranstaltung, eine breite Klammer zu den großen Themen der Zeit. Die anschauliche und unterhaltsame Keynote von Sir Christopher Clark und sein anregendes Gespräch mit dem Publizisten Wolfgang Gründinger wurde mitgeschnitten.

Musik

Erdmöbel hat den Weihnachtssong des Jahres herausgebracht, wie gewohnt – ganz aktuell: „Der große Dezember zeigt seine leeren Hände“. „Es ist einer dieser Songs, die nicht nur zur Jahresend-Melancholie passen, sondern diese eigentlich erst richtig erzeugen“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Ein Funken von Euphorie in dieser eher trüben Zeit: ein Trümmer-Konzert. Ich kann mich festlegen. Für mich das Album des Jahres. Das Konzert des Jahres war es auch, ich war aber auch nur auf dreieinhalb Konzerten. Die anderen waren auch sehr gut.

Am Ende noch ein Weihnachtslied, das ich allerspätestens für den 23.12. empfehle. Ich höre es seit Jahren, schon lange, bevor es Corona gab, und zum Jahresende ist genau das das Gute daran: