Rezension des Ratgebers von Nir Eyal mit Julie Li

Senken die Smartphones unsere Aufmerksamkeitsspanne unter die eines Goldfisches? Können wir überhaupt noch konzentriert arbeiten, wenn unsere digitalen Arbeitsplätze zu jeder Sekunde Ablenkung ermöglichen? Sind wir gar Opfer der Betreiber von Plattformen, die alle psychologischen Tricks anwenden, damit wir uns möglichst lange dort aufhalten?

Wer sich darüber Gedanken macht: Der Autor und Informatiker Nir Eyal verspricht Abhilfe mit seinem neuen Buch „Die Kunst, sich nicht ablenken zu lassen“ (Redline-Verlag 2019). Ich bin darauf neugierig geworden, nachdem ich in einem Interview gelesen hatte, dass Eyal zugleich der Autor des Buches „Hook“ ist. In dem Bestseller, der nach Eigenaussagen des Autors in den Regalen der meisten großen Technologieunternehmen wie Facebook, Google und Co stehe verrät er, wie Produkte gestaltet sein müssen, damit Menschen „süchtig“ danach werden. Da ist schon etwas dran, wenn er im Interview selbstbewusst über sich sagt: „Wer könnte besser darüber schreiben, wie man Technologie in ihre Schranken weist, als jemand, der versteht, wie solche Gewohnheiten sich etablieren?“ Insbesondere unter dem Aspekt der Gewohnheit lohnt es sich, zu hinterfragen, wie viel der Ablenkung, der wir uns aussetzen, eigentlich gewollt ist. (Das Interview habe ich übrigens gelesen, statt meinen Schreibtisch aufzuräumen).

Das Buch hat mich nicht enttäuscht, auch wenn mich Begriffe wie „Superkraft“ und das Versprechen, „mein Leben wieder in den Griff zu kriegen“ eher abgeschreckt hätten, hätte ich nur die Einleitung gelesen. Ganz so verloren fühle ich mich gar nicht. Zudem sehe ich in der Ablenkung nicht nur negative Effekte. Im Gegenteil: Ich glaube, dass in einem kreativen Beruf und auch zur allgemeinen Horizonterweiterung eine gute Mischung aus „Steuern und Driften“ sehr bereichernd ist. Manchmal war es genau das Abschweifen, das mir auf der Suche nach einer neuen Idee die Lösung beschert hat.

Interne Widerstände aufspüren

Von der einseitigen Bewertung der Ablenkung mal abgesehen, lassen sich gute Anregungen in dem Buch finden. Allen voran die wichtige Empfehlung, zu Anfang der Frage nachzugehen, warum ich mich in bestimmten Situationen von dem abbringen lasse, was ich eigentlich vorhatte – und was das unter Umständen über die Aufgaben aussagt, denen ich damit aus dem Weg gehen möchte. Mit diesen Fragen komme ich dem auf die Spur, was Eyal die „internen Trigger“ nennt, die uns zusammen mit den externen vom eigentlichen Weg abbringen.

Erst wer sich seiner inneren Widerstände bewusst ist, kann sie aushebeln, um sich dann gegenüber den externen Versuchungen der Ablenkung zu wappnen (oder – aber so weit geht Erjal gar nicht erst – die Aufgabe an sich hinterfragen). „Es geht mehr, als um die Geräte“ – sagt Eyal. Das ist nicht nur ein zentraler Hinweis an diejenigen, die die Technik verdammen, die uns die Ablenkungen beschert – es ist zugleich eine Absage an alle, die glauben, ein „digital detox“ von sieben Wochen könnte helfen, damit klar zu kommen.

Hat man die internen Trigger aufgespürt – Langeweile im Job, eine negative Grundstimmung, Angst oder gar das Gefühl, eine Aufgabe nicht bewältigen zu können – gilt es, eine neue Sichtweise darauf zu gewinnen. Vielleicht die schwierigste Aufgabe, wenn es hier Defizite gibt: Eyal rät dazu, neue Herausforderungen in den Aufgaben zu finden, sich ihnen zum Beispiel spielerisch zu nähern, sich selbst gegenüber gnädiger zu sein und sich insgesamt positiver zu sehen.

Die Zeit entlang der eigenen Werte planen

So ausgerüstet, liegt der zweite Schritt in dem Bewussteren über die eigenen Antriebe, der bewussten Planung dessen, was für mich zählt, was meinen Werten entspricht, wofür ich mir Zeit nehmen möchte. Hier sei es wichtig, auf eine Synchronisation dreier zentraler Bereiche zu achten: das Selbst, die Beziehungen, die Arbeit. Um allen ihren Platz einzuräumen, rät Eyal, genaue Zeitfenster für jeden einzelnen zu definieren – und diese sehr ernst zu nehmen. In den Vorlagen des Buches finden die Leser*innen dazu eine Vorlage als Timetable. Aber: „Zeitpläne müssen so oft wie möglich abgeglichen und angepasst werden“, rät der Autor. Insbesondere bei meiner Arbeit, die oftmals wenig voraussehbar ist, würde dieser Vorgang einen großen Teil meiner Zeit kosten und mich wiederum von vielem ablenken. Gleiches gilt für die Familie – nicht nur Kinder haben die Angewohnheit, in ihren Bedürfnissen nicht immer planbar zu sein.

Externe Ablenkungen ausschalten

Teil drei des Buches handelt von der Fähigkeit, externe Trigger abzuwehren. Hier führt Eyal bekannte Tipps auf, wie das Ausschalten der Push-Nachrichten oder das Löschen überflüssiger Apps, geht aber noch weiter, wenn er seine persönlichen Strategien beschreibt:

  • Statt seine Dateien in Ordnern zu sortieren, legt er alle in einen und nutzt konsequent die Suchfunktion (allerdings keine gute Empfehlung für größere Teams, die kollaborativ arbeiten).
  • Zu den Apps auf seinem Smartphone gelangt er nicht durch Wischen, sondern durch Suchen – um sofort dort zu landen, wo er hinmöchte.
  • Benachrichtigungen auf seinen Geräten schaltet er konsequent aus.
  • Online-Artikel liest er niemals direkt, wenn er sie findet, sondern speichert sie in der App „Pocket“, um sie sich dann zu gegebener Zeit von der App vorlesen zu lassen.
  • Den Newsfeed bei Facebook, Twitter und LinkedIn umgeht Eyal mit diversen Browsererweiterungen (die entsprechenden Tipps beziehen sich allerdings ausschließlich auf den Chrome-Browser), um beispielsweise bei Twitter direkt zu den Erwähnungen zu gelangen und darauf zu reagieren.

Sich mit Pakten selbst überlisten

Neben den technischen Abwehrmitteln gibt Eyal auch psychologische Tipps, die zum Teil mindestens ungewöhnlich erscheinen: Er schließt Pakte mit sich selbst, etwa, wenn er sich auferlegt, den Geldschein verbrennen zu müssen, der wie ein Mahnmal an seinem Bord hängt, falls er nicht wie geplant ins Fitnessstudio geht. Es bleibt den Leser*innen frei, andere Alternativen zu finden, wenn sie sich denn selbst so sehr in den eigenen Handlungen kontrollieren und optimieren möchten.

Selbstbestimmt und damit unablenkbar am Arbeitsplatz

Im vorletzten Teil geht Eyal noch einmal intensiver auf den Arbeitsplatz als Ort der potenziellen Ablenkung ein. Hier zeigt er die tieferen Zusammenhänge zwischen der Zufriedenheit und Selbstwirksamkeit von Mitarbeiter*innen auf und ihrer Fähigkeit, konzentriert zu arbeiten. Es sei Aufgabe der Führungskräfte, dafür zu sorgen, dass die drei zentralen Bereiche: Selbst, Beziehungen, Arbeit klar getrennt werden können. Fortschrittliche Unternehmen verzichteten deshalb auf Mails nach Feierabend oder am Wochenende. Innovative Führungskräfte lebten die Trennung der Bereiche als Wert selbst vor.

Wie Kinder Autonomie und Kontrolle lernen

Ausgiebig beschäftigt sich Eyal zum Abschluss mit der Frage, wie Kinder lernen können, eigene Antriebe zu entwickeln, statt sich den Ablenkungen auszuliefern, die die Technologien bereithalten. Diesen Abschnitt wünsche ich mir in vielen Erziehungsratgebern und als Ersatz für die oftmals überzogenen Warnungen vor dem Smartphone. Kinder müssten wie Erwachsene lernen, sagt Eyal, ihre Smartphones souverän zu nutzen. Dabei bedeutet souverän, Autonomie und Kontrolle über ihre eigene Zeit zu gewinnen. Kinder können das lernen, indem wir sie ernst nehmen und an der Etablierung der Nutzungsregeln beteiligen. Dafür ist es wichtig, dass sie die Ablenkungsmuster verstehen und eigene Antriebe entwickeln: was ihnen wichtig ist und wie sie ihre Zeit einteilen wollen. Was vor allem zählt ist, dass sie gute Vorbilder haben: Eltern, die sich mit ihrer eigenen Ablenkbarkeit auseinandergesetzt haben, ihre Fehlbarkeit zugeben und mit ihren Kindern darüber diskutieren.

Fazit: Hilfreiche Denkanstöße

„Betrachten Sie also das Erreichen der letzten Seite von „Die Kunst, sich nicht ablenken zu lassen“ als eine persönliche Herausforderung, um Ihren Geist zu befreien“, heißt es in der Einleitung. Auf der letzte Seite angekommen, würde ich den Erfolg des Buches etwas niedriger hängen: Es hat mir einige Denkanstöße gegeben, die eigenen Antriebe noch einmal  zu überprüfen, und gute Anregungen, um auch mal anders mit den vielen Reizen und Informationen umzugehen, die mir täglich begegnen.

Dass ich es in dem Ratgeber bis zur letzten Seite geschafft habe und dann auch noch zur Vertiefung diesen Text geschrieben habe, hat auch mit der guten Struktur des Buches zu tun. Es listet in jedem Kapitel Bemerkenswertes mit Bulletpoints auf und fasst am Ende auf vier Seiten die Kernpunkte zusammen.

Das Buch habe ich übrigens, nachdem ich das Interview gelesen hatte, in den Bücherhallen Hamburg entdeckt und danke für Leihgabe – immer wieder erfreut, wie aktuell das Angebot dort ist.

Ergänzung zum Text, 11. Februar:

Eine Art Gegenthese, vielleicht auch eher eine komplementäre Sicht auf das Überleben in der digitalen Arbeitswelt hat schon im letzten Jahr der Publizist und Berater Marius Hasenheit im Deutschlandfunk vorgestellt:

„Zielgerichtetes Arbeiten, sich fokussieren wird in der digitalen Welt überschätzt. Vielmehr sind es Zerstreuung und Zufall, die wir als Methode anerkennen sollten“, so heißt es in dem Beitrag.

Und: „Weniger Fokus und mehr provozierte Zufälle werden in Zeiten digitaler Transformation und komplexer Probleme wichtiger. Von den Nicht-Fokussierten lässt sich also eine ganze Menge lernen.“

(Marius Hasenheit, „Ein Hoch auf Zerstreuung und Zufall“, Deutschlandfunk Kultur, 7. Februar 2019)

Ich habe mich schon vor einem Jahr von dem Beitrag sehr angesprochen gefühlt, mich darin teilweise wiedererkannt und hatte ihn damals auf Twitter geteilt. Wie gut, dass Marius Hasenheit mich heute, fast genau ein Jahr später, daran erinnert hat. Denn sein Ansatz erklärt, was beim oben von mir genannten „Steuern und Driften“ für mich den Wert des Letzteren ausmacht. Es ist das, was sich nicht wirklich planen und in Zeitplänen organisieren lässt. Und wenn ich Tage später auf Pocket die Texte sehe, die ich dort immer mal wieder speichere, kann ich oft schon gar nicht mehr so viel damit anfangen, wie in dem Moment, in dem sie mir in einem „provozierten Zufall“ im Netz begegnet sind.

Ergänzung zum Text, 26. Februar:

Heute bin ich auf einen interessanten Text von Philippe Wampfler gestoßen, der mir noch mal einen weiteren Aspekt eröffnet hat: Er unterscheidet zwischen „traditioneller und digitaler Konzentration“ und weist darauf hin, dass auch das „ziellose Surfen“ eine Art Wissenserwerb darstellt, wenn dieser auch viel weniger erforscht sei als der durch das klassische Lesen eines Buches. Interessant ist dabei der Begriff der „Ambient Awareness“ der Soziologin Mizuko Ito, den Philippe Wampfler in einem weiteren Text erneut aufgreift. „Ambient Awareness“ bedeutet unter anderem, dass wir auch beim beiläufigen Scrollen Inhalte aufnehmen, die im Moment zunächst nebensächlich erscheinen, die gar nicht richtig verarbeitet werden. Irgendwann später aber können sie wichtig werden und erst dann ihr Potenzial entfalten:

Meine Aufmerksamkeit erhält ein zusätzliches Potential: Ich habe einen Gedanken nicht bewusst durchgespielt oder eine Verbindung nicht tatsächlich hergestellt, eine Information nicht abrufbar abgespeichert – aber komme ich in eine Situation, in der dieses Argument, diese Verbindung oder diese Information wichtig sein könnten, fällt mir ein, dass da mal was war. 

„Dass da mal was war“ beschreibt genau diesen positiven Effekt, den die scheinbar unproduktiven Ablenkungen in sich bergen. Und vielleicht ist es weniger die Kunst, sich nicht ablenken zu lassen, die heute gefragt ist, als die Kunst, immer wieder zwischen Ablenkung und Fokussierung wechseln zu können.

Und noch ein weiterer Hinweis, der in eine ähnliche Richtung weist und den Maximilian Buddenbohm im Zusammenhang mit der Frage aufgebracht hat, ob ein konzentrierter Mensch eigentlich kreativ sein könne: Wir brauchen offenbar immer wieder Tagträume, Zeiten des Nicht-Fokussiert-Seins, der Langeweile, damit unser so genanntes „Ruhemodusnetzwerk“ aktiviert werden kann (in einem Text in Gehirn und Geist von Steve Ayan ist dieses Netzwerk sehr schön beschrieben). Erst dieses Netzwerk ermögliche es uns, kreativ zu sein. Aber auch das funktioniert offensichtlich am besten im Zusammenspiel mit Phasen der Konzentration – womit wir wieder beim Steuern und Driften wären.

Weitere Informationen:

Nir Eyal im „workminus-Podcast“

Interview (Andrian Kreye mit Nir Eyal) in der Süddeutschen Zeitung (Paywall): „Wir sind dafür gemacht, ständig verstört zu sein“.

Anleitung für die Erstellung eines persönlichen Zeitplans von Nir Eyal auf seiner Website