#Monatsnotiz:  Nach dem Ende eines Monats schreibe ich auf, was mich in den vergangenen Wochen beschäftigt hat, was ich gelesen, gehört habe und weiterempfehlen möchte, woran ich arbeite, was ich be-merkenswert gefunden habe.

Kartoffelbrei im Museum als Protest

Die provokativen Protestaktionen von Aktivist*innen der Gruppen „Letzte Generation“, „Extinction Rebellion“ und „Just Stop Oil“ haben auch im November für Aufmerksamkeit gesorgt. Es gab lebhafte Diskussionen, ob Kartoffelbrei auf den schützenden Glasscheiben der Meisterwerke in Museen und angeklebte Menschen auf Autobahnen als Ausdruck des Protestes angemessen seien. Die Kunst sei doch gar nicht der Gegner, hieße es aus mehreren Richtungen des Kulturbetriebs, und auch Ulf Burmeyer meinte im Podcast „Lage der Nation“, der Protest müsse doch eine Verbindung zu seinem Gegenstand haben, um wirksam zu sein.

Das ist vielleicht eine Runde zu klein gedacht, und wenn man sich mit den Protestierenden intensiver beschäftigt, darf man relativ sicher sein, dass sie sehr genau wissen, was sie tun, dass sie genau diese hervorgerufene Empörung bewusst provoziert hatten. Die Botschaft ist, dass nicht sie als Subjekte des Protests empörend sind, sondern das, wogegen sich ihr Protest richtet. 

Ich war sehr angetan, wie fundiert sich wieder einmal Samira El Ouassil und Friedemann Karig mit diesen Protesten und ihrer Wirkung in ihrem Podcast Piratensender Powerplay auseinandergesetzt haben – das habe ich so in anderen Medien nicht gefunden. Sie beziehen auch wissenschaftliche Ergebnisse aus der Protestforschung ein und heben sich damit angenehm ab von den vielen Meinungen, die zum Protest zu hören und lesen sind. 

Überraschend dagegen, wie unter anderem im Deutschlandfunk der Journalist Tobias Armbruster nicht vor Schuldzuweisungen an den Aktivisten Jakob Beyer von „Letzte Generation“ zurückschreckt, als er ihn zum Tod einer Radfahrerin im Umfeld der Proteste befragt. Zum Zeitpunkt des Interviews waren aber die genauen Umstände noch gar nicht geklärt. Wie sich hinterher bestätigte, waren die Anschuldigungen in keiner Weise haltbar gewesen.

Friedemann Karig hat das Ganze auch bei Übermedien aufgeschrieben, der Text ist inzwischen frei verfügbar. 

Der große Umzug

Mit der Übernahme von Twitter durch Elon Musk hat dort der große Umzug begonnen. „Bleiben oder gehen“, war eine Frage, die sich einige stellten. Ich habe mich nicht entschieden, sondern bin bei Twitter erst einmal geblieben und war sowieso schon seit Längerem bei Mastodon – aber erst jetzt finde ich es spannend, dort auch aktiv zu sein. Für mich ist noch gar nicht absehbar, was wirklich aus Twitter wird, ob Musk sich weiter austoben oder vielleicht auch wieder verkaufen wird. Genauso unklar ist noch, ob die neue Heimat für Exil-Twitter*innen Mastodon mit den dezentralen Servern von der Struktur und Organisation her in der Lage ist, mit den vielen Neuankömmlingen und irgendwann dann auch mit den von Twitter bekannten negativen Phänomenen klar zu kommen. 

Erst einmal herrschte im November noch schöne Aufbruchstimmung. Ich sehe die Entwicklungen auf jeden Fall sehr positiv, da ich glaube – und die aktuelle Übernahme durch Musk scheint es zu bestätigen – dass eine Plattform, die Menschen zur offenen Kommunikation miteinander verbindet, nicht der Willkür eines Einzelnen ausgeliefert sein sollte. Vor allem dann nicht, wenn er nur deswegen alle Macht über das Netzwerk hat, weil er genug Geld hatte, es zu kaufen. 

Interessant fand ich die Aussage einer Userin auf Mastodon, es sei für viele auch frustrierend, sich wieder in ein neues Netzwerk einarbeiten zu müssen. Ich denke, es gehört zu unserer Zeit und Kommunikation dazu, dass wir uns regelmäßig immer wieder auf neue Kommunikationskanäle einstellen werden müssen – und im Sinne einer Diversifizierung am besten gleich auf mehreren vertreten sind. In diesem Fall ist es sogar noch relativ einfach: Wer Twitter kennt, kommt auch auf Mastodon schnell klar, und es gibt unzählige Anleitungen, die die ersten Schritte abbilden, zum Beispiel diese Materialsammlung von Ralf Stockmann

Ein Toot, der im Fediverse schon nicht mehr zu finden ist, deshalb nur als Foto. Vielleicht ist ProfHams schon wieder umgezogen?

Was wird nun aus Twitter bzw. Mastodon, wie werden sich die Netzwerke weiterentwickeln? Ein gutes Podcast-Gespräch dazu hat Holger Klein bei Übermedien mit Frank Rieger geführt, dem Sprecher des Chaos Computer Club. Auswirkungen der Entwicklungen bei Twitter auf die Wissenschaft diskutiert Johanna Seebauer im Bredowcast mit Jan-Hindrik-Schmidt. Dennis Horn und Garvin Karlmeier geben ein regelmäßiges Update mehrmals in der Woche über „den chaotischsten Ort des Internets“ und sammeln zu den aktuellen Entwicklungen bei Twitter alles, was sie finden können – anzuhören in ihrem Podcast „Haken dran“. Heiko Bielinski hinterfragt den Anspruch, Mastodon müsse Twitter ersetzen, und entwickelt in seinem Text eine gute Vision von Mastodons Zukunft. Die ist übrigens sehr nah bei dem, was Evgeny Morotzow im Podcastgespräch in der Sternstunde Philosophie gefordert hatte, siehe auch die Monatsnotiz September. Bei Mann beißt Hund veranstalten wir am 5. Dezember einen Stammtisch Wissenschaftskommunikation zu Mastodon. Wir haben dazu Nele Hirsch eingeladen, die schon sehr früh Anleitungen für alle Wechselwilligen ins Netz gestellt und in ihrem Blognicht nur über Mastodon, sondern das gesamte Fediverse informiert (wer nicht weiß, was das ist, wird es bei Nele erklärtfinden).

Tod und Trauer in sozialen Medien

Durch die Entwicklungen bei Twitter ist mir noch einmal klar geworden, dass es schon ein großer Verlust wäre, die Beziehungen zu all den Menschen, die ich darüber kennengelernt habe, gekappt zu sehen. Zum Teil kenne ich sie wirklich nur über die Social-Media-Kanäle, bei einigen ist mir ihr Profilbild besser in Erinnerung als der eigentliche Name. Kann man Trauer empfinden, wenn man erfährt, dass Menschen, zu denen man diese Art von Beziehung pflegt, gestorben sind? Ja. Ich habe es im November selbst erfahren. Es war auf eine Art bizarr, dass ich am selben Abend, als ich vom Tod eines Menschen aus meinem Netzwerk erfuhr, auf den aktuellen Text von Antje Schrupp stieß. “Das war doch nur jemand von Twitter“ zitiert Antje Schrupp gängige Reaktionen und beschreibt in ihrem Text, wie wenig wir eigentlich darin geübt sind, mit Todesfällen dieser Art umzugehen. Das traf sehr gut mein Gefühl, denn in der Trauer habe ich mich direkt gefragt, ob das jetzt eigentlich angemessen ist, ob ich quasi ein Recht darauf habe – ich hatte diesen Menschen nur einmal persönlich getroffen und dennoch hat mich sein Tod sehr berührt. Zu Recht, wie Antje Schrupp schreibt: 

Auch Internetbeziehungen sind ja „richtige“ Beziehungen und nicht „bloß virtuell“. Ein unerwarteter Todesfall im eigenen Netzwerk wird deutlich persönlicher empfunden als zum Beispiel der Tod eines Prominenten, den man nur aus den Medien kennt. Mit Social-Media-Kontakten hat man persönlich interagiert, hat Postings der anderen kommentiert, sich in kleine Gespräche verwickelt, womöglich hat man sich sogar mal im „Real Life“ kurz getroffen: Selbstverständlich ist es ein Verlust, ein „Trauerfall“, wenn ein langjähriger „Kontakt“ stirbt.

Antje Schrupp, 14. November 2022, in „Du kanntest diese Person doch gar nicht“ bei Zeit Online

Buch

„Sorry ich war kurz laufen“ – das Buch von Nicole Blatt, wunderbar gestaltet von Violetta Sanitz und illustriert von Annina Brell aus dem Ankerwechsel Verlag, an dessen Entstehung ich durch ein Crowdfunding beteiligt war, ist in meinem Briefkasten gelandet. Ich war begeistert und werde noch mal genauer aufschreiben, warum. Hier nur der Tipp: Wer zum Jahresende ein Geschenk sucht, ist mit dem Buch gut beraten, es ist geeignet für Menschen, die sich mit dem Laufen beschäftigen, ob nun schon praktizierend oder nur in Gedanken. Zudem eine Augenweide für alle, die toll gestaltete Bücher mögen. 

Podcasts

Zufällig bin ich in diesem Monat auf zwei sehr unterschiedliche Podcasts gestoßen, die beide den exzessiven Gebrauch digitaler Angebote zum Thema haben, auch kursierend unter „Internetsucht“ bzw. „Smartphonesucht“. Wenn letztere Begriffe auftauchen, ist der Inhalt schon mit Vorsicht zu genießen, denn niemand ist süchtig nach dem Internet oder nach seinem Smartphone, wenn überhaupt nach Anwendungen, die darüber erreichbar sind, Spiele, Shopping-Angebote oder anderes. Und ein Großteil der Menschen, die sich vielleicht selbst als süchtig bezeichnen oder bezeichnet werden, gehören vermutlich eher zur Kategorie der leidenschaftlich exzessiv Nutzenden.

Im Podcast „Kannste vergessen“ der Ruhr-Uni Bochum (den ich entdeckt habe, weil ich mich gerade beruflich mit der Universität beschäftige) ist es sehr hilfreich, dass die Wissenschaftler*innen eingangs eine Definition voranstellen. Das sollte man von einem Podcast erwarten, der Erkenntnisse aus der Wissenschaft vermitteln möchte. 

Umso erstaunlicher ist es, dass der zweite Podcast, „Alles nur im Kopf“ in der Episode „Machen Smartphones psychisch krank?“ darauf komplett verzichtet und mit dem Begriff der „Sucht“ hier recht unbedarft jongliert wird. Dabei ist doch der Co-Host Prof. Florian Holsboer, „einer der weltweit renommiertesten, international meist zitierten Neurowissenschaftler und Depressionsforscher und Deutschlands bekanntester Psychiater“, und ehemaliger Direktor des Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. So viele Superlative scheinen kein Garant für wissenschaftliche Seriosität zu sein, im Gegenteil. Wenn man den Namen googelt trifft, entdeckt man weitere Dinge, die ihn aus meiner Sicht eher diskreditieren. Normalerweise nenne ich hier nur Podcasts, die ich empfehle – wenn ich hier eine Ausnahme mache, so weil sich in der Folge wunderbar zeigen lässt, wie schlicht die Diskussionen über die vermeintliche „Internetsucht“ teilweise auch in wissenschaftlichen Kreisen geführt werden. Darüber hinaus ist die gesamte Episode eine Fundstelle für alle, die mal ein Kabarett zum Thema „Digital Detox“ planen. Die Expertin und die Moderatorin liefern im Gespann mit dem Wissenschaftler der Superlative gleich mehrere unfreiwillige Vorlagen.

Zurück zum empfehlenswerten Podcast „Kannste vergessen“: Er ist ein Produkt des Sonderforschungsbereichs „Extinktionslernen“ an der Universität, in dem es darum geht, wie man Gelerntes wieder loswerden kann – was manchmal genauso wichtig bzw. Voraussetzung ist, um Neues zu lernen. Wie praxisnah dieser interdisziplinäre Bereich arbeitet, erfährt man unter anderem in der zweiten Episode der ersten Staffel: Liebling, es ist nicht wie du denkst“.

Darin beschreiben die Wissenschaftler*innen, warum es sinnvoll sein kann, die eigene Hand in kaltes Wasser zu halten oder joggen zu gehen, um Gelerntes besser zu behalten. Ich mag den Podcast wirklich sehr und finde das Thema des Verlernens hoch spannend.

Aladin El Mafaalani ist einer der wohl bekanntesten Soziologen, der sich mit Themen wie Aufstieg durch Bildung, Integration und Rassismus beschäftigt. Nicht von ungefähr gehört er vermutlich zu den Wissenschaftler*innen seines Fachs mit der höchsten Präsenz in Fernsehsendungen – es gelingt ihm nämlich immer wieder, sehr anschaulich und dringlich darzustellen, wo die Probleme und auch Lösungen für gesellschaftliche Schieflagen zu suchen bzw. zu finden sind. Im SWR-Podcast Zeitgenossen spricht er über seine Herkunft, seine Jugend, seine Familie und seine Entwicklung als Wissenschaftler (als Podcast offenbar schon vor der Ausstrahlung der Sendung erschienen). Ein spannendes Gespräch, und man versteht darin sehr gut, wie ich finde, was ihn zu einem Ausnahmewissenschaftler macht.

Endlich habe ich selbst mal wieder einen Podcast produziert: für die Hamburg Open Online University an der HAW Hamburg habe ich mit Margitta Holler und Marc Casper für eine neue Episode „Hamburg hOERt ein HOOU“ gesprochen. Sie haben ein hilfreiches Online-Tool entwickelt zur Vorbereitung und zur Reflexion der Leitung von Meetings, Workshops und Arbeitsgruppen. Es beruht auf dem Ansatz der Themenzentrierten Interaktion und ist hilfreich für alle, die ihre führende Rolle vor- und nachbereitend reflektieren möchten. 

Visuelle Monatsnotiz

Bernd Begemann ist 60 Jahre geworden! Vor zwei Jahren hat er für Mann beißt Hund ein Lied geschrieben und vertont, das wir Kund*innen, Freund*innen, Partner*innen und dann allen zum Ende des ersten Corona-Jahres schenken durften. Sein Geburtstagskonzert am 1. November war großartig und entsprechend der Auftakt für meine zweite visuelle Monatsnotiz, die für November.

Musik

Magdalena Ganter und Max Prosa bringen im Dezember ihr neues gemeinsames Album heraus, der Song „Adieu Berlin“ mit dem Video erschien vorab. Passt in die Zeit, glaube ich, und trifft auch meine eigene Stimmung in Bezug auf Großstadt im Allgemeinen ganz gut – auch wenn ich keinesfalls ganz adieu sagen möchte. Aber Hamburg ist ja auch nicht Berlin.