#metoo — von Anfang an viel mehr als eine „digitale Bewegung“

metoo

Unter dem Hashtag #metoo offenbaren seit einer Woche Tausende Frauen und auch einzelne Männer weltweit ihre persönlichen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Es gibt seit Tagen eine intensive Diskussion darüber — online wie in klassischen Medien.  Gute, differenzierte Beiträge sind zu lesen, erste auch von einzelnen Männern, die sich in der Verantwortung sehen. Freitagabend erschien der Print-SPIEGEL mit #metoo als Aufhänger für die Titelgeschichte. Ein gutes Zeichen dafür, welche Dimensionen die Debatte —  ausgelöst durch den Bericht über sexuelle Übergriffe des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein in der New York Times und den darauf folgenden Aufruf der Schauspielerin Alyssa Milano über Twitter — inzwischen erreicht hat. Es irritiert deshalb, wenn es im SPIEGEL nun heißt, die Debatte müsse erst das Digitale verlassen, um als Diskussion zwischen Männern und Frauen fortgesetzt zu werden:

„Es ist des­halb wich­tig, dass die Be­we­gung das Di­gi­ta­le ver­lässt und als De­bat­te zwi­schen Män­nern und Frau­en, An­ge­stell­ten und Vor­ge­setz­ten, Freun­den und Be­kann­ten fort­ge­setzt wird. Dass sie aus den in­tel­lek­tu­el­len Zir­keln auch zu de­nen vor­dringt, die täg­lich Se­xis­mus er­le­ben, ohne abends die Wor­te zu fin­den, ih­ren Miss­brauch auf Face­book zu tei­len.

Genau, was der SPIEGEL hier fordert, ist längst passiert. Es sind nicht nur „Intellektuelle“, die ihre Erfahrungen teilen und darüber diskutieren. Das lässt sich ganz einfach nachprüfen, wenn man dem Hashtag und die darunter veröffentlichten Postings einmal beobachtet. Es ist auch verharmlosend, das Ganze als „digitale Bewegung“ zu bezeichnen, denn das, worüber die Frauen berichten, hat sich ja nicht nur Netz, sondern vor allem im realen Leben abgespielt. Auch der Aufruf entstand nicht nur im Internet — der Tweet hatte eine Vorgeschichte und die wurde von einem klassischen Printmedium aufgedeckt. Die Diskussionen finden längst online wie offline statt, weil sich das im Leben der meisten Menschen gar nicht mehr so klar in die eine oder andere Sphäre trennen lässt. Es diskutieren viele Frauen und sicher noch viel zu wenige Männer. Es sprechen Prominente, Angestellte und Politikerinnen, und sie äußern sich dort, wo sie mit Menschen sonst auch diskutieren, im Netz wie zuhause oder in der Kneipe. Die Debatte muss — wenn überhaupt irgendwohin — noch mehr in die Kreise gebracht werden, die sie für überflüssig halten. Wenn die Titelgeschichte des SPIEGEL-Magazins dazu beitragen kann, und das glaube ich durchaus — umso besser.

Der SPIEGEL reduziert #metoo auf den reinen Hashtag, wenn die AutorInnen behaupten, eine differenzierte Debatte könne „die digitale Bewegung nicht leisten“:

„Das, was die di­gi­ta­le Be­we­gung nicht leis­ten kann, muss der ge­sell­schaft­li­che Dis­kurs er­rei­chen: dif­fe­ren­zie­ren. Zwi­schen Ver­hal­ten, das nicht geht, weil es straf­bar ist – und Ver­hal­ten, das der oder die eine als noch ak­zep­ta­bel emp­fin­det, der oder die an­de­re aber nicht.“

Es ist fraglich, warum hier unterschieden wird zwischen „der digitalen Bewegung“ und gesellschaftlichem Diskurs: Was anderes soll es denn sein, was da in den letzten Tagen stattgefunden hat, wenn nicht ein gesellschaftlicher Diskurs? Und warum sollte es im Rahmen der digitalen Bewegung nicht möglich sein, zu differenzieren?

Die Grundaussage der SPIEGEL–Titelgeschichte ist natürlich richtig: #metoo muss mehr sein als eine digitale Bewegung unter Intellektuellen. Es ist eine breite gesellschaftliche Debatte notwendig, die Konsequenzen müssen weitreichend sein.

Es ist ein Verdienst der vielen Frauen, die den Mut haben, ihre Erfahrungen im Netz zu teilen, dass diese Debatte jetzt schon viel breiter stattfindet, online, medial, in der Politik, im Kreis unter Freunden und hoffentlich auch mehr und mehr am Arbeitsplatz. Und es ist ein Verdienst der Hashtag-Kampagne #metoo, dass diese Debatte unausweichlich geworden ist, denn nur im Netz konnte diese unfassbare Menge an Grenzüberschreitungen und das Ausmaß sexualisierter Gewalt sichtbar gemacht werden.

Wenn erste jetzt zweifeln, dass die Debatte etwas verändern wird, und behaupten, schon die #Aufschrei-Kampagne sei folgenlos gewesen, sollte man Laura Himmelreich hören. Sie hatte 2013 mit ihrem Bericht im Stern die initiale Geschichte einer Grenzüberschreitung erzählt:

„Damals wurde immer wieder über die Grundsatzfrage diskutiert: Gibt es Sexismus in Deutschland?“, sagt Himmelreich. „Das fragt jetzt niemand mehr.“  (Spiegel-online, 20.10.2017)

Die aktuellen Debatte unter dem Hashtag „#MeToo“ kann darauf aufbauen. Sie ist ein weiterer wichtiger Schritt und hat das Potenzial, breite Bevölkerungsschichten nachhaltig zu erreichen, Veränderungen anzustoßen. Statt auf die überflüssige Unterscheidung zwischen den analogen und digitalen Anteilen der Bewegung zu pochen, sollten wir überlegen, wie wir dieses Potenzial gemeinsam am besten nutzen könnten.

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