Nach der Flucht ist vor der Trennung

Ali Hassan und sein Neffe Hussam Hamad aus Syrien haben Ende August die Flucht nach Deutschland geschafft. Warum es ihnen bis jetzt noch nicht vergönnt ist, wirklich in Hamburg anzukommen.

Leider ist es nur ja vermutlich nur einer von vielen Fällen, in denen die deutsche Bürokratie in der aktuellen Flüchtlingskrise unglaubliche Geschichten schreibt. Umso wichtiger, sie zu erzählen und die ganze Absurdität im Konkreten zu zeigen.

30.8.2016 Update: Für alle, die die Geschichte von Ali und Husam verfolgt haben – es gibt sehr gute Neuigkeiten. Ende letzter Woche kam die gute Nachricht, dass endlich die Asylanträge der beiden anerkannt sind – nachdem sie nun ein Jahr in Deutschland darauf gewartet haben. Das bringt eine Menge guter Perspektiven, die beste: Es kann ein Antrag auf Familiennachzug gestellt werden. Es gibt durchaus berechtigte Hoffnung, dass Husam seine Mutter in absehbarerer Zeit wiedersehen wird – hier in Deutschland. Es gibt inzwischen viele, die mit ihm diesen Tag herbeisehnen.

5. 3. 2016 Update: Vor etwa zwei Wochen endlich kam der Bescheid: Ali erhält die Vormundschaft für seinen Neffen Husam, eine Trennung ist damit endlich vom Tisch. Was jetzt aber beginnt, ist ein Irrsinnslauf durch diverse Behörden mit vielen Anträgen, damit es überhaupt erst einmal zum Asylverfahren kommt. Zum Glück hat sich inzwischen ein kleines Netzwerk gebildet, das die zwei darin unterstützt, anders wäre es gar nicht machbar. Sie leben noch immer in dem Wohnprojekt. Hussam geht weiter jeden Tag zur Schule und spricht schon erstaunlich gut Deutsch.  Allen ist klar, dass es noch lange dauern wird, bis ein Antrag auf Familiennachzug gestellt werden kann, denn dazu müsste erst mal ein Asylantrag durch sein. Das Asylpaket II trägt nicht zur Beruhigung bei. Die Sorge der beiden um ihre Familie wächst. Die Nachrichten aus Syrien sind beunruhigend – weiterhin.

8. 2. 2016 Update : Noch immer hat sich nichts getan – der „Fall“ liegt weiter beim Amtsgericht, bei Nachfragen werden immer neue Termine in Aussicht gestellt. Natürlich bekommt Ali mit, was gerade im Asylpaket II verhandelt wird. Wie soll man ihm nun noch Zuversicht geben? Was nur kann man Hussam sagen, wenn er nach seiner Mutter fragt?

15. 12. 2015 Update: Große Hoffnungen hatten sich auf den heutigen Tag gerichtet, denn gestern tagte erneut der Eingabeausschuss, der über den Antrag, die beiden in Hamburg zusammen zu lassen, entscheiden könnte. Der Ausschuss aber wartet auf das Amtsgericht, das die Vormundschaft anerkennen soll. Das Amtsgericht hat den Fall offenbar noch nicht bearbeitet.

So lange die Eingabe nicht verhandelt wird, haben Ali und Husam keinen offiziellen Status als Flüchtling, können ihre Familie nicht nachholen, beziehen keine Leistungen und sind auf die Unterstützung anderer angewiesen. Seit August hat Hussam seine Mutter nicht mehr gesehen, die Sorge um sie wächst, er vermisst sie sehr.  Auch Ali verzweifelt langsam daran, seine Frau und seine Schwägerin alleine im Krieg in Syrien zu wissen.

Es ist die Geschichte des 32jährigen Ali Hassan und seines neunjährigen Neffen Husam Hamad. Ende August kamen die beiden aus Syrien nach Deutschland. Registriert wurden sie am 14. September in der Erstaufnahme Asyl/Flüchtlinge in der Harburger Poststraße. Hier erfuhren sie, was geschehen sollte: Die Hamburger Behörden wollten sie trennen. Nach dem aktuellen Quotensystem wiesen die Behörden Ali Hassan Friedland in Niedersachsen zu. Sein Neffe Husam dagegen ist in den Augen der Ausländerbehörde ein unbegleiteter Minderjähriger – mit diesem Status sollte er in Hamburg bleiben.

Ali_Husam

Fotos: NDR Hamburg Journal

Was die Behörde sagt:

„Herr Ali Hassan hat keinen Anspruch auf eine Zuweisung nach Hamburg… Da Husam nicht von einem Erziehungsberechtigten begleitet worden ist, gilt er als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling.“

Eine Abweichung vom Quotensystem und damit die Erlaubnis, dass Ali Hassan in Hamburg bleiben kann, will die Behörde bis heute nicht gewähren.

Hilfe in der Notsituation

Einem engagierten Menschen, Fathi Abu Toboul vom Verein „Deutsch-Jordanische Gesellschaft“, ist es zu verdanken, dass zumindest die Trennung der beiden bis heute verhindert werden konnte. Fathi beriet die beiden und empfahl Ali, die Unterschrift unter dem Asylantrag zunächst zu verweigern. Die NDR-Journalistin Lara Straatmann berichtete über Ali und Hussam im NDR-Hamburg-Journal. Durch den Beitrag wurde eine Hamburgerin auf das Schicksal der beiden aufmerksam, die Onkel und Neffe spontan bei sich zuhause aufnahm. Es war eine Vorsichtsmaßnahme, um sie dem Zugriff der Behörden zu entziehen und damit ihre Trennung zu verhindern. Inzwischen leben die beiden in einem Zimmer in einem Hamburger Wohnprojekt.

Allen Beteiligten war klar, dass das, was die Behörden vorhatten, auf jeden Fall verhindert werden musste: Die beiden durften nicht getrennt werden, auch nicht für einen einzigen Tag.

Fathi sagt:

FAthi

 

Sie haben alles überlebt, sie haben es geschafft, nach Deutschland zu kommen – und jetzt sollen sie hier getrennt werden!

 

Traumatisiert durch Erlebnisse in Syrien

Man muss nicht die ganze Geschichte der beiden kennen, um zu ahnen, was eine Trennung für Hussam bedeuten würde, was sie in ihm anrichten würde. Durch die Flucht aus Syrien und die Erlebnisse in seiner Heimat ist er bereits traumatisiert. Es ist nicht auszudenken, wie er es erleben würde, wenn man ihm seinen Onkel nimmt.

Ali sagt:

Ali

„Ich habe seiner Mutter versprochen, immer auf ihn aufzupassen. Seine Schwestern sind noch in Damaskus. Wir waren wochenlang zu Fuß unterwegs. Deutschland hilft doch den Syrern – warum das? Ich kann ihn doch nicht alleine lassen!

Husams Vater ist vor etwa zwei Jahren bei einem Bombenangriff auf das Flüchtlingslager Jarmuk in Damaskus ums Leben gekommen. Auch sein Onkel Ali lebte dort seit seiner Geburt, seine Eltern waren aus Palästina nach Syrien geflüchtet. Das Lager ist nacheinander von Assads Truppen und dem IS belagert worden, die Süddeutsche schreibt von „der Hölle auf Erden“.

Irgendwann, so berichtet Ali, habe er mit seinem Neffen Jarmuk verlassen, um einkaufen zu gehen. Die Rückkehr war dann plötzlich unmöglich, das Lager war für sie gesperrt.

Ali sagt:

„Es erschien mir in dieser Situation einfacher, nach Deutschland zu fliehen, als die Absperrungen zu überwinden und mit Hussam zurück ins Lager zu kommen.“

Husams Mutter blieb zurück mit seiner kleinen Schwester, die drei Jahre alt ist. Zwei weitere ältere Geschwister von Hussam leben ebenfalls noch dort.

Nach dem NDR-Beitrag und einem weiteren Bericht auf RTL-Nord sah es zunächst so aus, als würden die Behörden Einsicht zeigen. Ali konnte ein beglaubigtes Schreiben von Hussams Mutter vorweisen, die ihm die Vormundschaft überträgt. Es sollte sich nur noch um Tage handeln, so dachte Fathi, dachte die Frau, die sie aufgenommen hatte, dachten die Bewohner des Wohnprojekts, die ein freies Zimmer angeboten hatten, um die restlichen Tage bis zur endgültigen Entscheidung zu überbrücken.

So dachten aber vor allem Ali und Husam. Für sie bedeutet die offizielle Anerkennung als Flüchtlinge alles: Sie brauchen sie, um Papiere zu bekommen, Leistungen beziehen zu können, um offiziell krankenversichert zu sein. Sie brauchen den Flüchtlingsstatus aber vor allem, um einen Antrag stellen zu können auf den Nachzug ihrer Familienangehörigen: Hussams Mutter, seine Geschwister und Alis Ehefrau, die ebenfalls in Jarmuk lebt. Alle sind in dem Lager großen Gefahren ausgesetzt, jeden Tag riskieren sie ihr Leben bei weiteren Angriffen. Husams Mutter ist tief verzweifelt darüber, nach dem Tod ihres Mannes nun auch noch von ihrem Sohn getrennt zu sein.

Quälendes Warten

Inzwischen warten Ali und Husam und die Menschen, die sich hier in Deutschland um sie sorgen, schon über zwei Monate. Tagtäglich fragen sich die beiden und ihre Unterstützer/innen sich, warum nichts passiert. Weder wurden zwei Eingaben an die Bürgerschaft bearbeitet, die Fathi Abu Toboul und eine der Hamburger Wohnungsgeberinnen verfasst hatten. Noch gab es Rückmeldungen zu den Anträgen auf Krankenkassen- und Sozialleistungen. 

Erste Schritte zur Integration

Das einzige, was in Hamburg funktioniert: Husam geht seit Mitte Oktober in eine Aufnahmeklasse an einer Grundschule. Er macht sehr gute Fortschritte in Deutsch, seine Lehrerin ist begeistert von ihm und will sich ebenfalls dafür stark machen, dass er mit seinem Onkel in der Stadt bleiben kann. Husam spielt Schach und Karten mit den Kindern, die in dem Haus wohnen, in dem er nun seit Wochen mit seinem Onkel lebt. An Halloween ist er verkleidet mit ihnen durchs Viertel gezogen. Die Bewohner sorgen gemeinsam dafür, dass die beiden das bekommen, was sie zum Leben brauchen, dass sie gesundheitlich versorgt werden. Ali Hassan litt wochenlang unter heftigem Zahnschmerzen. Ohne irgendeinen Nachweis in der Hand war es ein großer Aufwand, einen Arzt zu finden, der ihn behandeln wollte.

Gemeinsam mit Fathi und der ersten Wohnungsgeberin bündeln nun die Unterstützer/innen aus dem Wohnprojekt ihre Kräfte dafür, dass Ali und Husam endlich offiziell in Hamburg leben dürfen – zusammen. Alle Beteiligten sehen, wie belastend die Situation für die beiden ist, wie sehr vor allem Ali das Warten lähmt und er immer mehr daran verzweifelt, nichts unternehmen zu können.

Ali sagt:

„Ich bin mein ganzes Leben lang ein Flüchtling gewesen. Hier fühle ich mich wie ein Flüchtling zweiter Klasse. Jeden Tag, an dem ich wach werde, hoffe ich, dass er bald vorbei geht – bis endlich etwas geschieht. Die Zeit läuft und nichts ändert sich für uns. Es ist so gut, dass wir hier aufgenommen wurden und Hilfe erhalten, aber warum ist das notwendig? Warum dürfen wir hier nicht leben wie alle anderen Flüchtlinge auch?“

Husam sagt:

Husam2

„Ich fühle mich sicher hier, ich gehe zur Schule, ich habe sogar schon Freunde gefunden. Aber ich vermisse meine Mutter und Geschwister sehr. Ich habe große Angst, dass ihnen etwas passiert. Ich wünsche mir sehr, dass sie auch nach Deutschland kommen können!“

Fathi sagt:

„Die Menschen in Deutschland engagieren sich sehr dafür, dass die Flüchtlinge hier gut aufgenommen werden. Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist sehr beeindruckend. Aber die Behörden machen das kaputt, wenn sie in Fällen wie bei Ali und Hussam nur die Bürokratie regieren lassen.“

Eine Bewohnerin des Hauses sagt:

„Bei allem Verständnis für die hohe Belastung in den Behörden: Wie kann man nur auf die Idee kommen, diese beiden Menschen zu trennen? Warum gibt es keinen Widerstand bei den Mitarbeitern gegen eine Regelung, die so etwas vorsieht? In diesen Tagen ist Bürokratieabbau mehr denn je gefragt. Wir erwarten von den Behörden, dass sie hier die Menschen sehen und nicht die Vorschriften. Sie hätten sogar rechtliche Grundlagen dafür*.
Wir werden nicht zulassen, dass man die beiden trennt. Wir möchten nicht länger unsere Kraft dafür verschwenden, GEGEN eine irrsinnige Regelung anzugehen. Wir möchten uns endlich DAFÜR engagieren, dass diese beiden Menschen hier richtig ankommen können und ihre Familie hoffentlich bald nachziehen wird.

*Inzwischen gibt es neben einer UN-Kinderrechtskonvention, die für Vertragsstaaten den Schutz der Familie vorsieht, auch ein Gesetz, das zum 1.11. erlassen worden ist: In § 42a (5) heißt es dort:

„Hält sich eine mit dem Kind oder dem Jugendlichen verwandte Person im Inland oder im Ausland auf, hat das Jugendamt auf eine Zusammenführung des Kindes oder des Jugendlichen mit dieser Person hinzuwirken, wenn dies dem Kindeswohl entspricht.“

Absurderweise haben viele Menschen im Augenblick die Sorge, dass nicht das Zusammenbleiben, sondern im Gegenteil die Trennung das ist, worauf die Ausländerbehörde „hinwirkt“.

 

4 Gedanken zu „Nach der Flucht ist vor der Trennung

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