#enviv: Nach der Tagung

Die Tagung in Tutzing zum Buchprojekt „enviv“ von Dirk von Gehlen ist vorbei. Sie war grandios. Ich bin beeindruckt, bestimmt viel klüger als zuvor, sehr froh und auch ein bisschen „netzwerkstolz“, teilgenommen zu haben. Ich habe Menschen kennen gelernt, die mir im Netz schon mal mit Profilbild und Texten begegnet sind. Andere, von denen ich bisher noch gar nichts wusste. Ich habe stundenlang Vorträgen und anschließenden Debatten gelauscht, habe mit diskutiert, war dabei, ohne ein einziges Mal wirklich abgeschaltet zu haben. Und ich hatte Spaß. Auch bei den Gesprächen am Rande. Ich habe an diesem Wochenende das Buch erlebt, das ich zuvor gelesen hatte. Dieses pralle, konzentrierte, bereichernde Erlebnis hatte seinen Ursprung in diesem oft so flüchtigen Netz und war daraus niemals abgelöst. Denn neben diesen geschätzt gut 60 Menschen, die sich in einem durch Ort, Zeit und Teilnehmer begrenzten Raum getroffen haben,  gab es auch diejenigen „draußen“, die den Stream von DRadio-Wissen verfolgten, über Twitter kommentierten und so auch in den abgeschlossenen Raum hineinwirkten.

Was steht im Buch?

Nur einzelne Anwesende kannten das Buch von Dirk von Gehlen schon. Einige waren nicht Teil der Crowd, die es finanziert hatte, und hatten deshalb noch keinen Zugang. Andere hatten noch keine Zeit gehabt, es zu lesen. Es war immer wieder Thema in der Runde, dass man über ein Buch diskutiere, dass kaum jemand kenne. Aber das stimmte ja nicht: Die Referenten waren – sehr gut – so ausgewählt, dass sie entweder selbst Teil des Buches waren oder den Inhalt repräsentierten. Es gab zum Beispiel den grundlegenden Vortrag von Felix Stalder, dessen Beitrag „Autorschaft ohne Urheberschaft“ Ausgangspunkt für das Buch war. Da war das Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Ullrich, den Dirk von Gehlen in dem Buch unter dem Titel „Vom Werkstolz zum Netzwerkstolz“ interviewt. Wir hörten den Text der „Declaration of Liquid Culture“, die die Autoren kulturhistorisch herleiteten. Ein Streifzug durch literaturwissenschaftliche Theorien von Dr. Thomas Ernst (für mich ein schönes déjà-vu Erlebnis) klärte den zugrunde liegenden Textbegriff. Und – sehr wichtig – eine Musikerin, ein Theaterregisseur/Autor und eine Wissenschaftlerin zeigten, wie man sich das Ganze in der künstlerischen Praxis vorzustellen hat – bzw. eben nicht. Bezeichnend und offen, dass beide Frauen aus jeweils verschiedenen Gründen ganz klar sagten, dass das im Buchprojekt durchgespielte Modell für sie nicht in Frage komme.

Der Text in seiner mündlichen Version

Ich habe die Vorträge wie eine zusammenfassende, mündliche Version des Buches erlebt, durch die der Autor als Konferenzleiter führt. Die anschließenden Diskussionen dazu brachten mir den Austausch unter dann doch sehr verschiedenen Leserinnen und Lesern und dem Autor. Der Austausch, den ich mir beim Lesen immer gewünscht hatte. Deshalb war es einfach gut und konsequent, in Tutzing gewesen zu sein. Mit den Streams dieser Veranstaltung ist jetzt übrigens eine zweite (?) Version des Buches verfügbar – für alle. Klasse, dass die NetzReporter von DRadio Wissen die spannenden Vorträge gefilmt haben und in ihrem Redaktionsblog die hier eingebetteten Videos vielen Interessierten nachträglich zugänglich machen .

Felix Stalder von Professor für digitale Kultur an der Uni in Zürich über “Autorschaft ohne Urheberrecht”, Video via NetzReporter

Thomas Ernst, Literaturwissenschaftler an der Uni Duisburg-Essen über den “(Un-) abgeschlossenen Status des Textes” , Video via NetzReporter

Die Idee der Version in der künstlerischen Praxis, Video via NetzReporter

Im Herbst erscheint im Metrolit-Verlag eine Verlagsversion, als Print- und E-Book, mit cc-Lizenz zum Teilen.

Der Text als Handlung

Und was machen wir jetzt damit – ist ja schon eine berechtigte Frage, nach einem Wochenende, an dem so viel geredet wurde. Dirk von Gehlen ist angetreten, um in einem Experiment darzustellen, was alternative Geschäftsmodelle für Kulturschaffende sein können, wenn sich durch die Digitalisierung bisherige Bezahlungsmodelle überholt haben (auch wenn einige noch immer daran festhalten). Crowdfunding als Lösung? Ja, vielleicht, für einige. Niemals aber als kompletter Ersatz. Ich kann mir jetzt noch besser als vorher vorstellen, wie es geht und hätte selbst auch Ideen, für wen das interessant sein könnte. Selbst möchte ich es gerade nicht ausprobieren. Aber als Unterstützerin werde ich sicherlich noch weitere Projekte begleiten.

Weitere Experimente sind gefragt

Es ist noch nicht klar, welche Erlösmodelle für Kulturschaffende die bestehenden ablösen werden, aber wir sollten vielleicht skeptisch werden, wenn irgendjemand „die Lösung“ verspricht. Gefragt sind Experimente, und es ist an der Zeit, sie zu wagen. Denn der Wandel ist ja schon da. Es ist für mich eine politische Forderung, dass Künstler oder Kulturschaffende, die diese Versuche unternehmen, gefördert werden. Ich finde es wichtig, dass es eine (wissenschaftliche), zumindest fachliche Begleitung dazu gibt, die die Erfahrungen auswertet und für andere zugänglich macht. Auch die vielen Stiftungen, die im Kulturbereich aktiv sind, könnten sich angesprochen fühlen, diese Experimente zu fördern und zu begleiten. Wer selbst einen Versuch im Buchbereich starten will, sollte sich unbedingt vorher bei Leander Wattig schlau machen, der bei der Tagung sehr konkret über Geschäftsmodelle und Marketingmaßnahmen für Selfpublisher berichtet hat.

Neue Versionen zum Lernen

Im Bildungsbereich werden gerade parallele Diskussionen geführt. So gibt es die Diskussion um den freien Zugang zu Lehrmaterialien. Ein Biologielehrer schreibt sein eigenes Schulbuch als kostenloses E-Book – finanziert durch die Crowd. Medienkompetenz wird für Kinder wie Erwachsene um so wichtiger, wenn wir in einer Gesellschaft leben, in der „authentisch ist, wer seine Stimme (im Netz) erhebt“ (Dirk von Gehlen). Zu wissen, wie ich blogge, im Netz Informationen finde, bearbeite und verteile, ist damit kein Spezialwissen mehr, das einigen Publizierenden vorbehalten ist. Es ist vielmehr eine Basiskompetenz, die wir wie Lesen, Schreiben und Rechnen schon in der Schule erwerben müssen.

Die Tagung ist vorbei, es wird weitere Versionen geben, und die werden weitere Kreise ziehen. Ich bin gespannt.

5 Gedanken zu „#enviv: Nach der Tagung

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