Ist Substack gerade der Ort für Menschen, die sich mehr Aufmerksamkeit, Kontext und gute Gespräche wünschen? Es gibt Gründe, darauf zu hoffen. Aber auch Gründe, genauer hinzusehen.
„Wechseln grade alle von LinkedIn und Insta zu Substack?“, fragt die Journalistin Anne-Kathrin Gerstlauer in einem Beitrag auf LinkedIn. Sie selbst ist dort seit über vier Jahren mit ihrem Newsletter vertreten. Nun hat auch Luisa Neubauer auf Substack einen Newsletter gestartet. Sie sehnt sich nach mehr Kontext, Durchatmen und kommunikativer Ausgeglichenheit. Bob Blume, „Netzlehrer“ und Bildungsinfluencer, beschreibt in einer Kolumne auf WEB.DE, warum ihm Substack Hoffnung macht. Er erwähnt ein Nazi-Problem der Plattform, bleibt aber bei seinem positiven Fazit. Anne-Kathrin Gerstlauer antwortete auf meine Frage zu diesem kritischen Punkt, dass sie mit den Betreibern darüber im Gespräch sei.
Das Nazi-Problem von Substack
Mich erstaunt, wie nebensächlich das so genannte Nazi-Problem in der aktuellen Begeisterung behandelt wird. Für die Publizistin Ingrid Brodnig war es dagegen ein Grund, ihren Newsletter auf Steady statt auf Substack zu veröffentlichen, wie sie letztes Jahr im August berichtete.
Ich möchte niemanden in seiner Entscheidung berurteilen. Dafür sitzen wir alle zu sehr im gleichen Boot, die wir US-Plattformen weiterhin nutzen, obwohl wir wissen, wie sie (nicht) funktionieren. Aber ich möchte anregen, breiter über Alternativen zu diskutieren und die Probleme deutlicher zu benennen, die mit den Plattformen für die Kommunikation verbunden sind.
Was genau ist das Problem? Auf Substack erscheinen Newsletter, die nationalsozialistische Ideologie, Holocaustleugnung, Antisemitismus und die Ideologie weißer Vorherrschaft verbreiten. Eine Recherche des Guardian von Februar 2026 zeigt, dass einige dieser Newsletter kostenpflichtig sind. Substack verdient an den Abonnements mit. Einem Testkonto des Guardian wurden nach dem Abonnement eines solchen Newsletters weitere einschlägige Profile empfohlen.
Die Vorwürfe sind nicht neu. Schon 2023 berichtete The Atlantic über solche Accounts. Substack entfernte danach einzelne Veröffentlichungen, führte aber kein allgemeines Verbot dieser Inhalte ein.
Moderation oder Zensur?
Mitgründer Hamish McKenzie hatte sich 2023 von nationalsozialistischen Ansichten distanziert. Eine Löschung oder Demonetarisierung entsprechender Publikationen bezeichnete er jedoch als „Zensur“. Substack wolle die Meinungsfreiheit schützen, auch wenn es schmerze. Mehr war dann nicht mehr zu hören, auf die Recherche des Guardian gab es keine Rückmeldung.
Sein Statement offenbart ein problematisches Verständnis von Zensur. Eine Löschung wäre eine private Moderationsentscheidung und kein staatliches Verbot. Holocaustleugnung ist in den USA als solche grundsätzlich nicht strafbar. Daraus folgt aber nicht, dass Substack sie verbreiten oder an ihr verdienen müsste. Unabhängig davon können Nutzer:innen konkrete Inhalte, die sie nach deutschem Recht für rechtswidrig halten, über das Meldeverfahren nach dem Digital Services Act bei Substack melden.
Diskussion über Alternativen
Die Lobgesänge auf Substack waren für mich Anlass, mich zu fragen, warum ich bei dieser Plattform eine deutlichere Abwehr spüre als etwa bei LinkedIn. Auch dort gibt es rechtsextreme Inhalte und Hassrede. LinkedIn untersagt solche Inhalte und Holocaustleugnung allerdings ausdrücklich. Ob die Regeln zuverlässig durchgesetzt werden, ist eine andere Frage.
Wir sollten die Nachteile der Plattformen, auf denen unsere öffentliche Kommunikation stattfindet, nicht unter den Teppich kehren. Ihre Betreiber bestimmen Regeln und Empfehlungen. Sie können sie ändern, wie wir beim Wandel von Twitter zu X erlebt haben – oder der Besitzer ändert sich. Und sie können mit Inhalten Geld verdienen, die Menschen ausgrenzen und unserer demokratischen Gesellschaft schaden.
Wenn wir über neue Plattformen reden, sollten wir deshalb auch über wirkliche Alternativen sprechen. Man findet sie im Fediverse. Sie erscheinen vielen weniger eingängig und bieten oft nicht die gleiche Reichweite. Aber Reichweite ist ohnehin eine diskussionswürdige Größe. Die Entscheidung für eine Alternative kann auch eine Frage der Haltung sein. Je mehr Menschen sich dort engagieren, desto attraktiver werden diese Orte. Dazu Inge Brodnig:
Als einzelne Person kann man nicht beeinflussen, welche Regeln Substack (oder andere große Plattformen) festlegen. Man kann aber beeinflussen, auf welchen Plattformen man selbst aktiv ist. Und gerade weil es Alternativen zu Substack gibt, erscheint es mir sinnvoll, stärker diese Alternativen sichtbar zu machen.
(Aus: „Wir müssen über Substack – und seinen Umgang mit Nazis – sprechen“, 3.8.2025)
Noch funktionieren nicht alle Alternativen im Fediverse reibungslos. Für mich ist ein aktueller Kompromiss deshalb die +1-Strategie: Ich versuche, alles, was ich an Inhalten teile, mindestens auch auf einer alternativen, offenen Plattform zu posten. Das ist für mich vorrangig Mastodon. Und ich bin sehr positiv gestimmt, wenn ich viele wichtige Stimmen dort inzwischen schon lesen und mich mit ihnen austauschen kann.
Zum Weiterlesen und Hören:
Die Initiative „Save Social“ empfiehlt, am Di.Day, also jeden ersten Sonntag im Monat, Wechselmöglichkeiten, um sich von den Big Tech zu verabschieden. Hier gibt es eine sehr einfache Anleitung für den Wechsel zu Mastodon.
Der Tech-Reporter Karl Bode hat wenig Verständnis für Autor:innen, die noch auf Substack publizieren: „Why is Naomi Klein Funding Substack’s Hate Machine? Writers of good conscience should not be building new media companies on the back of a platform that opportunistically coddles white supremacy.“ (15. Juli 2026)
Ein positives und anregendes Gespräch von Andreas Sator mit Leonhard Dobusch als Podcast: „Erklär mit das Fediverse, Leonhard Dobusch“ – vom 30. Juni 2026.
Whitepaper: Reinvent Social Platforms. Journalismus into the Fediverse! Media Lab Bayern/SWR X-Lab