Podcastkritik: „Tod eines Stasi-Agenten“

„Tod eines Stasi-Agenten“ ist eine sechsteilige Feature-Serie als Ko-Produktion des WDR und von Danmarks Radio. Auf der Erzählebene als spannende Ost-West-Agentenstory angelegt kann man diesen Podcast auch als Reflexion über journalistische Arbeitsweisen und Rollenbilder hören – und das ist mindestens genauso spannend.

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Illustration: © Marc Trompetter

Worum es geht

Im April 2008 wird Eckardt Nickol tot in einer Hütte einer dänischen Ferienanlage aufgefunden. Todesursache war vermutlich eine Überdosis Insulin. Nickol hatte zu DDR-Zeiten als Agent für die Stasi gearbeitet. Nach der Wende hatte er versucht, brisante Dokumente an Medien zu verkaufen – Papiere, mit denen Nickol die Verbindungen westdeutscher Politiker und Unternehmer zur Stasi nachweisen wollte.

Vom Tod des Ex-Stasi-Mitabeiters erfährt die dänische Journalistin Lisbeth Jessen, die ein paar Monate zuvor ein Porträt Eckardt Nickols für das dänische Fernsehen produziert hatte. Noch kurz vor seinem Tod hatte er sie angerufen und ihr mitgeteilt, dass er sich bedroht fühle. Während die Polizei keine weiteren Untersuchungen anstellt, rollt Lisbeth Jessen gemeinsam mit ihrem deutschen Kollegen Johannes Nichelmann den Fall für WDR 5 und für Danmarks Radio noch einmal auf.

Podcast-Genre

„Tod eines Stasi-Agenten“ ist eines der Audio-Features, die in der Nachfolge von Serial stehen, „Podcasting’s first breakout hit“ (David Carr in The New York Times). Serial gilt vielen als Vorbild für eine neue Art des Audio-Storytellings. Auch Lisbeth Jessen und Johannes Nichelmann gelingt es, ihre Nachforschungen über einen realen Todesfall zu einer über sechs Folgen spannenden Spurensuche zu komponieren.

Was ist das Besondere?

Die Folgen sind von Anfang bis Ende professionell inszeniert und aufwändig in zwei Sprachen produziert. Interessanter noch als die dramaturgische Komposition und die Umsetzung als Audio-Feature finde ich einen inhaltlichen Aspekt: Man kann diesen Podcast auch als inszenierte Medienkritik hören, als Schulterblick auf die Arbeit zweier Journalisten. Die Hörer*innen verfolgen mit den beiden die verschiedenen Fährten, die diese aufspüren, um herauszufinden, wie Nickol gestorben ist. Sie werden dabei mit verschiedenen Methoden der journalistischen Recherche, aber auch mit unterschiedlichen journalistischen Rollenbildern konfrontiert. Auf der Ebene der Erzählung erscheint das eher als Nebenaspekt, in seiner Gesamtheit kann man aber sogar das gesamte Feature als Metapher für ein zeitgemäßes Konzept von Journalismus verstehen.

Journalistisches Selbstverständnis 1: Lisbeth Jessen

Wenn Lisbeth Jessen beschreibt, mit welcher Haltung gegenüber Nickol sie das Interview für das dänische Fernsehen produziert hat, erklärt sie offen, dass sie sich nicht gefragt hatte, ob sie statt des vermeintlichen Top-Agenten einen Hochstapler vor die Kamera geholt hatte:

„Ich habe Eckardt nie so gesehen, für mich war er immer nur der Ex-Agent“, erklärt sie.

Das ist beachtlich und wirft auch Fragen auf, weil sie schon für dieses Interview mit einem Stasi-Forscher in Kontakt getreten war und auch jetzt für das Feature von den Experten erfährt, dass so gut wie nichts von dem stimmt, was der Ex-Agent von seiner Arbeit und seinen Kontakten erzählt hat. Das Zitat lässt sich hier wie eine Form der Selbstkritik verstehen, beziehungsweise als Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit: Als Journalistin und Journalist geht man eben nicht unvoreingenommen in die Recherche. Die Suche nach Fakten, die Interpretationen dessen, was man herausfindet, das alles ist immer maßgeblich von dem Bild geprägt, das jemand selbst sich vom Gegenstand der Berichterstattung, hier vom Porträtierten, einmal gemacht hat. Mit ihrem Zitat verdeutlicht Lisbeth Jessen, wie mit dieser Voreingenommenheit umzugehen ist: Man muss sie sich selbst bewusst und anderen gegenüber transparent machen.

Eine weitere wichtige Szene in Bezug auf das journalistische Selbstverständnis ergibt sich aus dem Gespräch mit einer Ex-Freundin Nickols. Diese ist fest davon überzeugt, dass ihr Partner damals eigene Interessen im Sinn hatte, als er dem Interview für das dänische Fernsehen zugestimmt hatte:

„Er hat dich da benutzt“, sagt sie zu Lisbeth Jessen, „ganz definitiv“.

Lisbeth Jessen fühlt sich aber auch im Nachhinein nicht instrumentalisiert, sondern sieht eher eine Win-win-Situation: Sie habe als Journalistin profitiert, weil Nickol ihr eine spannende Figur für ein Porträt geboten habe; er dagegen habe Interesse für die Papiere wecken wollen, um sie besser zu verkaufen. Das ist eine recht pragmatische, aber wohl auch realistische Beurteilung ihrer Rolle als Journalistin: Sie erkennt, dass sie mit ihrer Arbeit bestimmten Menschen und deren Interessen eine Öffentlichkeit verschafft. Eine Haltung, von der sie sich nicht ganz sicher ist, ob ihr Kollege Johannes sie teilen kann – sie befürchtet gar, er könne aus dem gemeinsamen Projekt aussteigen.

Doch erst in einer anderen Szene scheint es zwischen Lisbeth Jessen und Johannes Nichelmann zu einem leichten Konflikt zu kommen. Nur durch eine Randbemerkung wird klar, dass Lisbeth Jessen Teil der Geschichte ist, die sie gerade gemeinsam untersuchen: Sie war es, die den Todesfall der Polizei gemeldet hatte. Offenbar ist es dem Journalisten – im Gegensatz zu seiner Kollegin – sehr wichtig, zu erwähnen, dass Lisbeth hier entscheidend in die gemeinsam zu recherchierende Geschichte eingegriffen hat. Das ist nachvollziehbar, ist sie damit doch immerhin zur Akteurin geworden und damit weniger distanziert vom Geschehen als eine neutrale Beobachterin.

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Lisbeth Jessen und Johannes Nichelmann. Foto: WDR

Journalistisches Selbstverständnis 2: Chefredakteur Siegfried Matlok

Dickfälliger in puncto kritische Distanz erscheint der Chefredakteur der Nordschleswiger Zeitung, der Tageszeitung für die deutsche Minderheiten Süd-Dänemarks, Siegfried Matlok, den die beiden befragen, weil er einer der ersten „Kunden“ Nickols gewesen war. Er hatte auf den großen Coup gehofft, als er dem Ex-Agenten damals Dokumente über angebliche Verbindungen von norddeutschen Politikern mit NS-Vergangenheit zur Stasi abgekauft und diese dann veröffentlicht hatte – im zweiten Anlauf sogar mit Nennung von Namen. Dabei hatte er offenbar darauf verzichtet, zu recherchieren, ob die Papiere echt waren. Als nun offensichtlich ist, dass es sich bei den Dokumenten um Fälschungen gehandelt hat, ist die Rechtfertigung des Chefredakteurs abenteuerlich, sicher aber auch bezeichnend für die Hybris eines bestimmten Typus von Journalisten: Er habe bis heute kein schlechtes Gewissen, erklärt er im Gespräch mit Jessen und Nichelmann, weil er doch ursprünglich selbst fest von der Echtheit der Dokumente überzeugt gewesen sei.

Man ahnt an dieser Stelle, wie es vor Jahren zu den Veröffentlichungen der gefälschten Hitler-Tagebücher hatte kommen können: zu irre die Geschichte, zu groß die Verlockung, hier die große Story aufdecken zu können, zu gering die Zweifel an der eigenen Urteilsfähigkeit. Da gerät die journalistische Sorgfaltspflicht schon mal in Vergessenheit. Die Auslassung des Gegenchecks oder die Rückfrage bei Experten werden nicht einmal nachträglich thematisiert, geschweige denn wird das Versäumnis als Fehler eingestanden – obwohl hier sogar Menschen namentlich zu Unrecht beschuldigt worden waren. Mit diesem ungebrochenen Glauben an die eigene Urteilsfähigkeit steht der dänische Chefredakteur im Gegensatz zu der bewusst-selbstkritischen Haltung Lisbeth Jessens. Das Feature präsentiert ihn als Auslaufmodell.

Journalistisches Selbstverständnis 3: Stephan Richter

Als weiterer Gegenentwurf erscheint Stephan Richter, der in der Zeit Kontakt zu Nickol hatte, als er vor seiner Pensionierung noch Chefredakteur des Flensburger Tageblatts gewesen war. Auch er hatte sich mit ihm getroffen, auch er war zunächst fasziniert von den Informationen, die Nickol versprach. Doch war er schnell in der Lage zu erkennen, dass die Dokumente falsch waren, weil sie ihm bereits von anderer Stelle angeboten worden waren. Er hatte sie schon damals gleich an die zuständigen Behörden weitergeleitet. Anders als sein dänischer Kollege hatte er wohl klar erkannt, dass die Prüfung der brisanten Dokumente seine Kompetenzen überschreiten würden und konnte deshalb auf die verlockende Story, die vielleicht gar keine war, verzichten.

Metapher für den Abschied vom allwissenden Journalisten

Wie die gesamte Recherche ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten. Um zu nachzuvollziehen, warum das Feature als Ganzes als Metapher für einen im Zeitalter der Digitalisierung gewandelten Journalismus verstanden werden kann, ist eine Aussage Nichelmanns in einem Interview bezeichnend. Er beschreibt darin die Unterschiede zwischen deutschen und skandinavischen Audio-Features. Letztere verzichteten auf den auktorialen Erzähler, die Instanz also, die aus der übergeordneten Perspektive den Hörer*innen die Fakten ordnet und die Welt erklärt. Von diesem allwissenden Erzähler – hier Journalisten – hat sich auch „Tod eines Stasi-Agenten“ verabschiedet. Auf inhaltlicher wie auf formaler Ebene vermittelt dieser Podcast damit ein sehr zeitgemäßes journalistisches Rollenbild, das Journalisten eher als Suchende denn als Wissende beschreibt, als Sammler von Fakten und Expertenmeinungen, die ihre Quellen und Recherchen gegenüber dem Publikum transparent machen und offenlegen, wie sie daraus zu Bewertungen und Meinungen finden.

Was die Autoren sagen

In dem oben genannten  Interview mit dem freien Radio Pop-Feuilleton gibt der Autor Johannes Nichelmann Einblick in die Produktion der Feature-Serie und berichtet, wie er zusammen mit Lisbeth Jessen an das umfangreiche Recherchematerial herangegangen ist.

Was andere sagen

Die Journalistin und Bloggerin Franziska Bluhm empfiehlt den Podcast mit einer Notiz in ihrem Blog, nachdem sie die ersten drei Folgen gehört hat und die folgenden noch nicht erschienen sind. Sie ärgert sich ein wenig, dass der WDR nicht alle Folgen auf einmal zur Verfügung gestellt hat. Ich selbst habe es dagegen genossen, von Woche zu Woche zu warten und mich jedesmal zu freuen, wenn ein weiterer Podcast verfügbar war – es hat für mich den Reiz und die Spannung noch einmal erhöht.

Der Medienjournalist Alexander Matzkeit ist insgesamt weniger begeistert: „Eine Abenteuergeschichte mit scheinbar erstaunlichen Wendungen aber ohne größere Erkenntnis“ schreibt er in seiner Kritik, die in epd-medien 28/2017 erschienen ist und deren erster Teil in seinem Blog zu lesen ist.

Tod eines Stasi Agenten: alle Folgen zum Download und als Podcast beim WDR.

6-teilige Feature-Serie
Von Lisbeth Jessen und Johannes Nichelmann
Sprecher: Angelika Bartsch, Judica Albrecht und Bernhard Schütz
Ton: Jonas Bergler
Redaktion: Leslie Rosin
Produktion: WDR/ Danmarks Radio 2017