#Monatsnotiz: Nach dem Ende eines Monats schreibe ich auf, was mich in den vergangenen Wochen beschäftigt hat, was ich gelesen, gehört habe und weiterempfehlen möchte, woran ich arbeite, was ich be-merkenswert gefunden habe.
Die letzten Wochen hatten es in sich, und das geht so weiter. Ich bin sehr froh, dass es mir gelungen ist, ein paar Notizen aus dem April festzuhalten.
Anfang April habe ich zum ersten Mal erlebt, wie eine Autorin einen Comic vorliest: Birgit Weyhe hat bei einer einer Wohnzimmerlesung mit Beamer ihre neue Graphic Novel „Rude Girl“ präsentiert. Beides, Veranstaltungsort und -format, haben mir sehr gefallen. Es entsteht ein ganz anderer Eindruck, wenn die Bilder über Beamer projiziert werden und die Autorin die Texte dazu liest. Birgit Weyhe stellte sich zu Anfang mit ihrem Lebenslauf mit selbst gezeichneten Bildern selbst vor. Schon da konnte man erkennen, dass sie neben internationaler Erfahrung (sie verbrachte ihr Kindheit und Jugend in Uganda und Kenia) vor allem auch einen ganz besonderen Humor mitbringt, der Text und Zeichnungen ihrer Arbeiten prägt. Was besonders ist: Sie reflektiert das eigene Erzählen und macht sie zum Teil der Geschichte.
Im Rahmen eines Austauschprogramms unterrichtete die weiße Birgit Weyhe aus Deutschland an einem US-College. Während einer Tagung amerikanischer Germanist*innen im Mittleren Westen wird sie mit dem Vorwurf der kulturellen Aneignung konfrontiert. Nutzt sie ihre Privilegien als weiße Autorin aus, wenn sie Geschichten über schwarze Menschen erzählt? Sie lernt Priscilla Layne, eine afroamerikanische Germanistik-Professorin mit karibischen Wurzeln kennen. Die ist ein „Oreo“: zu weiß für die schwarzen Mitschüler*innen und für die Weißen ist ihre Haut zu dunkel. Sie beschließt gegen alle und alles gleichzeitig zu rebellieren, indem sie sich in ihrer Jugend der Skinhead-Bewegung anschließt und zu einem Rude Girl wird.
Perlentaucher.de


Social Media und Verschwörungserzählungen
Social-Media-Plattformen haben die Reichweite von Verschwörungserzählungen in den letzten Jahren deutlich erhöhen können. Das erscheint schon fast als eine Binsenweisheit, und ich finde es immer sehr interessant, wenn Wissenschaftler*innen derartige scheinbar gesetzte Annahmen noch einmal hinterfragen.
In einem Interview auf dem Online-Portal von Wissenschaft im Dialog hat die Psychologin Magda Osman genau das gemacht. Sie warnt davor, die Verbreitung der Verschwörungserzählungen zu dramatisieren und Studien sowie Umfragen falsch einzuordnen. Stattdessen fordert sie eine differenziertere Herangehensweise. Wenn eine Person Desinformation teile, so sage diese noch nichts darüber aus, ob sie auch daran glaube. Es gebe noch keine validen quantitativen Erhebungen, die eine Zunahme von Verschwörungserzählungen über Social Media im Vergleich zu einer früheren Zeit tatsächlich belegen könnten – dazu fehle es an Daten und auch Definitionen. Man solle die Einstellungen von Menschen nicht gleichsetzen mit den Erzählungen, die sie teilten (das erinnert mich an den Disclaimer früher bei Twitter: „retweet does not mean endorsement“). Grundsätzlich schlägt Osman eine höhere Toleranz gegenüber problematischen Ansichten vor – dies sei die Voraussetzung für den demokratischen Diskurs:
If we want people to participate meaningfully in addressing the big problems of our time, as many in the policy world are keen for us to do, then accepting that people might say things that are challenging is the outcome. We either find a way to develop a means of functional disagreement, where we make the best use of controversial and difficult views, or we increase the protective mechanisms to disable any expression of them.
Why we shouldn’t panic about the rise of conspiracy theories
Ich lese gerade wieder sehr gerne die schönen Ratschläge von Kevin Kelly: „Excellent Advice for Living: Wisdom I Wish I’d Known Earlier“ hier sind über 100 davon in einer Liste zusammengestellt. Maria Popova hat sehr gut beschrieben, was Kelly da macht:
Hovering between the practical and the poetic, his learnings are sometimes seemingly obvious reminders of what we know but habitually forget, sometimes pleasingly contrarian, always unselfconsciously sincere. What emerges is a shorthand manual for living with kindness, decency, and generosity of spirit.
themarginalian.org, Maria Popova
Mich hat im April von mehreren auch dieser Tipp sehr angesprochen:
There should be at least one thing in your life you enjoy despite being no good at it. This is your play time, which will keep you young. Never apologize for it.
Als mein persönliches „one thing“ habe ich in diesem Jahr die Gartenarbeit noch einmal neu entdeckt – und einen passenden Text dazu in der Süddeutschen Zeitung (€): „Ein zufriedener Gärtner ist ein schlechter Gärtner“. Gilt auch für Gärtnerinnen. Max Scharnigg beschreibt, warum der Garten eigentlich nie das gibt, was er zu versprechen scheint: Ruhe und Entspannung. Und warum der „Stress“ im Garten genau das Gute daran ist. Ich denke daran, wenn ich morgens vor dem Frühstück auf Schneckenjagd gehe und finde, dass er recht hat.


Podcasts
In Piratensender Powerplay (PPP), einer der Politikpodcasts, die ich regelmäßig höre, haben Samira El Ouassil und Friedemann Karig sich darüber unterhalten, wie wir über Armut, Klima und Rechtsextremismus sprechen. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen ablehnend reagieren, wenn es zu Diskussionen über die Bedeutung und Wirkung von Ausdrücken und Metaphern kommt. Dabei ist es in der Sprachwissenschaft relativ unumstritten, dass Sprache unser Denken und unsere Haltungen beeinflusst – die Frage ist heute eher, wie das geschieht. Ein guter Text dazu von Stefanie Kara und Claudia Wüstenhagen ist schon 2017 bei bei ZEIT online erschienen.
In der entsprechenden PPP-Episode geht es um problematische Begriffe wie „sozial schwach“ (ein Ausdruck, der immer noch regelmäßig im Einsatz ist – dazu habe ich schon mal hier geschrieben), „bildungsfern“ und „Klimawandel“. Interessant und bedenkenswert finde ich die Kritik am verkürzten „gegen Rechts“, das in letzter Zeit häufig genutzt wird, wenn eigentlich „gegen Rechtsextrem“ gemeint ist. Konnte man bei den „Demos gegen Rechts“ beobachten – mir selbst ist die Verkürzung auch schon unterlaufen. Die beiden Hosts erklären, warum es gerade in der aktuellen Situation keine Wortklauberei ist, hier zu differenzieren. In der aktuellen Bedrohung durch antidemokratische Kräfte sollte es nicht zu Ausgrenzungen führen in einem Anliegen, der alle auf dem Boden des Grundgesetzes agierenden Parteien noch eint: der Erhalt der Demokratie.
Die aktuelle Weltlage und viele Entwicklungen scheinen es gerade nahezulegen, eine eher negative Weltsicht zu entwickeln. Das hat individuelle Folgen: Immer mehr Menschen klagen über Zukunftsangst, depressive Verstimmungen, ziehen sich zurück, leiden unter Einsamkeit. Der Psychotherapeut Sina Haghiri hat kein Rezept gegen die politischen Entwicklungen, gegen Krieg, Hass und Diskriminierung. Aber er hat ein Konzept, das den Umgang damit unter Umständen erleichtern und Einzelne stärken kann: Nachsicht. Über sein neues Buch „Mit Nachsicht“ spricht er im Podcast „Fangen wir an – Ideen für ein besseres Morgen“ von der Verlagsgruppe Penguin Random House. „Das Böse in anderen zu erwarten, bringt das Schlechteste in uns selbst hervor“, sagt Haghiri. Im Podcast stellt er unter anderem eine Methode vor, die unser eigenes Verhalten gegenüber besser steuern lässt und damit auch die Reaktionen, die wir damit hervorrufen: Der „Kiesler-Kreis“, ein Ansatz aus der Psychotherapie“, stärkt das Bewusstsein dafür, wie man mit seinem eigenen Auftritt bestimmte Reaktionen beim Gegenüber provoziert. Und hier kommt die Nachsicht ins Spiel: Wenn es gelingt, sich von diesem Prinzip leiten zu lassen, so könnten dabei Wut, Ärger und Aggressionen von Anfang an der Wind aus den Segeln genommen werden. Mit anderen Worten: Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus. Nachdem ich das Gespräch mit Sina Haghiri gehört habe, habe ich mir sein YouTube Video zum Kiesler-Kreis angesehen und auch ein Arbeitsblatt zu dem Ansatz bei der Universität Greifswald. Was mir dabei wichtig erscheint und in den Erläuterungen erst einmal zu kurz kommt: Nachsicht muss man wirklich empfinden. Strategisch aufgesetzt wird sie schnell als solche durchschaut werden und entsprechend andere Reaktionen hervorrufen. Die Arbeit beginnt also bei der eigenen Haltung.
Gebookmarked
Habe mich gefreut, mit der Monatsnotiz März einer der Bookmarks von Heiko Bielinski geworden zu sein. Bin gleich zu den anderen Bookmarks weitergegangen. Das lohnt sich – wie das ganze Blog: Heiko schreibt bei „Chez Heibie“ über „München, Mobilitätswende und DiesDasDinge“ und hat ein Buch über „Einfach autofrei leben“ herausgebracht, das ich als autofrei Lebende natürlich nur empfehlen kann.
Musik
Es gab ein Konzert im April: Kettcar in der Sporthalle. Ich erinnere mich, vor Jahren irgendwann einmal gelesen zu haben, dass die Band in früheren Zeiten aufgehört hatte zu spielen, sobald Feuerzeuge bei den langsamen Liedern aufleuchteten (der Text ist schon älter, die Rückschau geht in die Zeit vor den Smartphones zurück). In der Alsterdorfer Sporthalle Ende April durften Feuerzeuge brennen, Smartphones leuchten, und die Band hat auch nichts ausgelassen, um diese emotionale Stimmung zu verstärken. Scheint, als sei Kettcar über die Jahre weicher geworden – nachsichtiger? Mir hat die etwas rauere Art auch immer sehr gut gefallen.
Oft wiedergehört nach diesem Konzert: Benzin und Kartoffelchips.