In „Geist aus der Maschine“ schreibt der Journalist und Autor Andrian Kreye „eine superschnelle Menschheitsgeschichte des digitalen Universums“. Er erzählt anekdotisch, unterhaltsam und kenntnisreich und gibt damit gute Denkanregungen für unseren zukünftigen Umgang mit KI und technischer Innovation.

Andrian Kreye: Der Geist aus der Maschine. Heyne-Verlag 2024.

Als im Herbst 2022 ChatGPT für eine breite Öffentlichkeit live ging, eröffnete dies die nächste Phase der Digitalisierung unserer Gesellschaft. Den Kulturjournalisten Andrian Kreye interessieren in „Geist aus der Maschine“ diese neuralgischen Momente, wenn Technik, hier Künstliche Intelligenz, „gerade aus den Maschinen ins Leben der Menschen springt“. An diesen Punkten schreibe Technikgeschichte Menschheitsgeschichte.  Die Öffnung des digitalen Raums durch das World Wide Web und die Einführung des iPhone beschreibt er als ähnlich markante Einschnitte. Was alle Ereignisse verbindet: In dem Augenblick, in dem die Technik für breite Massen zur Verfügung steht, ist noch gar nicht absehbar, welche Auswirkungen sie auf unsere Gesellschaft haben wird. 

Mit veränderter Perspektive neue Einsichten gewinnen

Kreye hat sein Buch zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, an dem die Debatte zur Künstlichen Intelligenz in vielen Bereichen sehr angstgetrieben geführt wird. Dass Angst jedoch keine gute Strategie zur Erkenntnis ist, hat schon der Mediziner Hans Rosling in „Factfulness“ hervorgehoben: Unsere Instinkte der Angst verzerrten unser Weltbild maßgeblich, heißt es dort. Es wäre sehr hilfreich, einmal die Perspektiven zu wechseln und sich auf Fakten zu konzentrieren, um auf Basis einer so realeren Wahrnehmung der Welt zu den richtigen Schlüssen zu kommen.

Genau einen solchen Perspektivenwechsel nimmt Andrian Kreye nun vor: Statt angstvoll in die Zukunft zu blicken, lässt er uns per Nahaufnahme in unsere noch so nahe Vergangenheit schauen, verschafft Einblicke in die Entstehung der Technologien, die heute schon unseren Alltag bestimmen. Zu dem Zeitpunkt, als seine Geschichtsschreibung beginnt, habe ich selbst gerade angefangen zu studieren. Rein theoretisch bin ich also auch Zeitzeugin, habe aber zu dem Zeitpunkt mit dem Universum des Digitalen selbst in der Kommunikationswissenschaft noch gar keine Berührung gehabt – was bezeichnend ist. Wo, wenn nicht an den Universitäten sollten interdisziplinäre Debatten darüber geführt werden, wie wir mit den Technologien der Zukunft (und Gegenwart) leben wollen? Wo sollten sie erprobt werden, wenn nicht in den Seminaren an der Uni?

Digitalisierung – Menschheitsgeschichte verdichtet in gut dreißig Jahren

In seiner Rückschau auf seine Arbeit als junger Reporter in den USA nimmt Andrian Kreye uns mit an die Orte und zu den Menschen, mit denen alles begann. „Superschnell“ ist diese digitale Transformation seitdem vorangeschritten. Wenn wir Kreye folgen, der ihren Anfang mit dem Mauerfall datiert, umfasst sie im Ganzen gerade einmal dreieinhalb Jahrzehnte. Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Sieg des Kapitalismus inklusive seiner Ideale von der Freiheit des Menschen und der Märkte sieht er die Geburtsstunde der Digitalen Transformation, wie wir sie kennen. An dieser Einteilung lässt sich schon erahnen, dass Kreye hier keine reine Technikgeschichte schreiben will – die begänne schon viel früher, im vorletzten Jahrhundert, etwa mit Ada Lovelace, die in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts das erste Computerprogramm der Welt schrieb. Es geht ihm auch nicht um eine historische Abhandlung, obwohl er mit den Titeln der ersten Kapitel die Geschichte des digitalen Universums als „Spiegelbild der wahren (sic) Welt“ entlang der Epochen der Menschheitsgeschichte beschreibt (von Jägern und Sammlern über Antike, Mittelalter, Aufklärung etc.). Eine Gleichsetzung, die vor allem die enorme Beschleunigung und Verdichtung der technischen Entwicklungen hervorhebt.

Keine historische Analyse also – für den Blick aus gesellschaftlicher Perspektive erscheint es relevanter zu sein, ab wann und wie diese technischen Entwicklungen unsere Leben so grundsätzlich verändert haben. Das entspricht vom Denkansatz dem Dogma des Gründers des MIT-Media-Labs, Nicholas Negroponte, das Kreye bei einem Besuch bei dem Informatiker im gesamten Institut immer wieder begegnete:

» Computing is not about computers anymore, it’s about living.«  

Kreye hat die Pioniere der digitalen Gesellschaft über viele Jahre begleitet. Er erkennt dabei vom heutigen Standpunkt, wie sehr sie ihrer Zeit jeweils voraus waren. Marvin Minsky zum Beispiel, Vorreiter der Künstlichen Intelligenz, der sich mit seinen Forschungsfeldern immer wieder in Nischen begeben hatte, aus denen heraus erst Jahrzehnte später die großen Innovationen entwickelt wurden. Minsky hatte mit seiner ersten selbstlernenden Maschine schon siebzig Jahre vor dem großen Einsatz der neuronalen Netze die Grundlagen des maschinellen Lernens geschaffen. Und er hatte den kommenden Siegeszug des Internets vorausgesehen, als andere sich noch hämisch über seine und die Visionen anderer mokieren konnten: „The Internet – Bah“. 

Oder Jaron Lanier, den er auf eine ganz andere Art als visionär beschreibt: Selbst zunächst großer Enthusiast und „Missionar der digitalen Psychedelic“, warnte Lanier schon vor dem Aufstieg der Sozialen Medien vor dem „digitalen Mob“ und sah das Umschlagen von Austausch und Vernetzung in Hass und Hetze bereits früh voraus.

Schattenseiten der Entwicklung

Nach den Visionären kommen mit Zuckerberg, Bezos, Musk etc.  die „Räuberbarone“, die nicht nur von Technik, sondern auch vom Geldmachen etwas verstanden. Ihrer „Härte und ihrem Pragmatismus“ sei es zu verdanken gewesen, dass die Geschichte der Digitalisierung und der KI in eine ganz andere Richtung gelenkt worden sei. Kreye kommt ihnen weniger nahe als den Visionären und Vordenkern. 

Er fragt sich, warum Deutschland seine Vorreiterrolle im Feld der KI so sehr verspielen konnte – und findet Antworten unter anderem in der deutschen Bürokratie und dem fehlenden Transfergedanken in der Wissenschaft. Er verfolgt die Ausbreitung von Hass und Hetze im Netz, das Aufsteigen der Digitalkonzerne und die Entwicklung der digitalen Welt zur Überwachungsmaschine. Düstere Kapitel sind das. Faszinierend wird es erst wieder, als Kreye beschreibt, wie die KI im Duell beim Brettspiel Go den bis 2016 stärksten Spieler der Welt, Lee Sedol, besiegte. Der Rest ist Gegenwart. Was nun folgen wird, ist noch nicht absehbar, nur eines ist klar: Es wird rasant weitergehen. Und es könnte noch alles gut werden, wenn wir aus unserer Vergangenheit lernten, sagt Kreye, allerdings mit einer erstaunlichen Annahme, an die ich zwei Fragezeichen setzen möchte:

„Dabei ist es gar nicht so schwer, das digitale Universum in den Dienst des Gemeinwohls zu zwingen. Man muss sich dort nur so benehmen wie in der echten Welt“.

Das digitale Universum ist ja keinesfalls „unecht“ und immer schon ein Abbild unseres Verhaltens in anderen Sphären gewesen. Das eigentliche Problem aber könnte die Sache mit dem Benehmen sein. Und genau das – und nicht die KI – wird auch entscheiden, ob wir in der Demokratie Schritte vorwärts kommen oder zurück. 

Flaneur durch die Geschichte des digitalen Universums

Kreyes Buch ist voller Geschichten und kleiner Porträts, die er wie ein Flaneur durch die digitale Geschichte in Beobachtungen sammelt. Er arrangiert seine Erinnerungen und springt dabei immer wieder mal durch die Zeiten, wenn es Bezüge herzustellen gibt.  Das ist unterhaltsam – und noch mehr: Aus dem Anekdotischen lässt sich aus der Sicht von heute besser verstehen, nach welchen Mustern unsere Entwicklung hin zu einer digitalisierten Gesellschaft verlaufen ist. Keineswegs im stetigen Fortschreiten der technischen Entwicklung, vielmehr in Vorwärts- und Rückwärts-, manchmal auch Seitwärtsbewegungen.

Bei all dem sind es auch immer wieder die Versäumnisse in dieser Entwicklung unserer letzten dreißig Jahre, die Kreye benennt – und daraus ließe sich lernen. Schlüsse zu ziehen will Kreye aber den Leser*innen selbst überlassen – hier sind meine:

Zur Diskussion

  • Technische Utopien sollten raus aus den Nischen und rein in die öffentliche, breite Diskussion. Das würde uns als Gesellschaft den Zeitraum öffnen, der stets fehlt, wenn wir uns mit technischer Innovation erst zu dem Zeitpunkt ernster auseinandersetzen, wenn sie bereits im Umlauf ist. Es würde uns zudem in der wiederholten Auseinandersetzung ein viel breiteres Verständnis von Technik ermöglichen.
  • Statt technische Innovation aus der Wissenschaft vorausschauenden Geschäftsleuten zu überlassen, sollte die Wissenschaft selbst von Anfang an noch viel mehr auf Transfer ausgerichtet sein, als sie es jetzt schon ist. Vielleicht brauchen wir mehr öffentlich finanzierte Start-ups, müsste die Umsetzung in Geschäftsmodelle bei wissenschaftlicher Forschung gleich mitgedacht, eben sogar öffentlich mitfinanziert werden. Ansonsten verbleiben die Früchte der Arbeit denen, die daraus ungehemmt Kapital schlagen, weil sie als erste in der Lage sind, das Potenzial zu erkennen. 
  • „Populismus und Rechtsradikalismus bieten immer schon einfache Erklärungs- und Lösungsmodelle. Die Illusion, dass es für alles eine Lösung gibt, ist aber auch die Grundlage für das Ingenieursdenken der Technologie. So deckt sich der Pragmatismus der Technokraten mit dem der Autokratien“ – schreibt Andrian Kreye (S. 295). Folgt man dieser Parallele, so erscheint die interdisziplinäre Forschung, wie sie gerade im Bereich der KI gerade vorangetrieben wird, umso wichtiger, um der wirklichen Komplexität ihrer Anwendungen gerecht zu werden. Mit dem Ziel, dass auch die mahnenden Stimmen Gehört finden können, dass Moratorien eingelegt werden, wenn wir die Zeit brauchen, Technikfolgen zu erforschen.
  • Wir müssen uns mehr darüber unterhalten, wie wir über KI sprechen wollen, in politischen wie auch gesellschaftlichen Diskursen. Ein Großteil der Menschen gewinnt ein Verständnis nicht über wissenschaftliche Abhandlungen oder Fachdiskurse, sondern über Filme, Bücher Serien, in denen KI eine Rolle spielt. Das RHET-AI-Center an der Uni Tübingen forscht zu solchen Themen.
  • Die superschnelle Geschichte des digitalen Universums ist eine Geschichte von Männern. Ich vermute, die Geschichte sei anders verlaufen, wenn Frauen darin eine wichtigere Rolle eingenommen hätten. Ob sie allerdings nicht viel bedeutender war, als es hier erscheint, ist eine andere Frage, in so vielen Bereichen bleiben die Leistungen von Frauen unter dem Radar, weil sie in zweiter Reihe agieren. Es lohnt sich anzuschauen, welche Frauen hier auftauchen: Es ist zum Beispiel die Erfinderin der TED Talks, June Cohen (auf Seite 98 die erste Frau, die genannt wird). Die Politologin Anne Marie Slaughter, die zur „intellektuellen Liga“ gehörte und auf Parlio Debatten führte, die Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff, die vor dem „Überwachungskapitalismus“ gewarnt hat, und die Whistleblowerin Britanny Kaiser, die den Skandal um Cambridge Analytica bekannt gemacht hatte. 

Parallel zu dem Buch von Andrian Kreye habe ich den beeindruckenden Roman „Maniac“ von Benjamín Labatut gelesen (auch Kreye verweist darauf), in dem es zu meinem letzten Punkt eine Schlüsselszene gibt. Im mittleren Teil des Buchs wird die Geschichte des ungarisch-US-amerikanischen Mathematikers John von Neumann („Jancsi“) erzählt. Er hatte den ersten Hochleistungscomputer MANIAC entwickelt, war ein Pionier der Künstlichen Intelligenz – und arbeitete an der Entwicklung der Atombombe mit. Bei einem Abendessen kommt es zu einer Auseinandersetzung mit der Ehefrau eines seiner Bewunderer – sie wagt es, dem großen Mathematiker zu widersprechen:

Virginia war stinksauer. Sie stand auf, schnappte sich ihren Mantel und sagte, genau solche leichtsinnigen Männer wie Jancsi, die nicht in der Lage seien über die Mathematik hinauszudenken und die reale Welt zu sehen, bewohnt von realen Menschen, seien unser aller Tod. Begriffen wir denn nicht, wohin die Macht des Atoms uns führte? Sahen wir nicht, was die Wasserstoffbombe anrichten konnte? Wir waren alle fassungslos, aber Jancsi blinzelte nicht einmal. Er kippte seinen Scotch hinunter, und noch ehe Virginia ihren nölenden Mann durch die Tür geschoben hatte, rief er ihr hinterher: »Ich habe sehr viel Bedeutenderes im Sinn als Bomben, meine Liebe. Und das sind Computer.« (Maniac, Seite 176)

Andrian Kreye: Der Geist aus der Maschine: Eine superschnelle Menschheitsgeschichte des digitalen Universums. Heyne Verlag 2024.

Benjamín Labatut: Maniac. Suhrkamp Verlag 2023.

 Die Jury für das „Wissensbuch des Jahres“, ein Preis, den das Magazin „Bild der Wissenschaft“ ausschreibt, hat „Der Geist aus der Maschine“ unter die Nominierten ausgewählt. Das Ergebnis wird das Magazin in seiner Dezember-Ausgabe veröffentlichen (Erscheinungstermin am 22.11.). Ich gehöre zur Jury und das Buch wurde mir vom Verlag zur Verfügung gestellt. Auch der  Roman „Maniac“ von Benjamín Labatut gehört zu den Nominierten (ebenfalls Exemplar des Verlags).