Stecken wir gerade in einer tiefen Lesekrise – und wenn ja, was genau macht diese Krise eigentlich aus? Zu diesen Fragen hat Christoph Engemann, Medienwissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum, bereits im letzten Jahr einen vielbeachteten Essay herausgebracht: „Zukunft des Lesens“. Das Thema scheint gerade viele zu berühren – auch mich. Nach der Lektüre des Textes hatte ich noch einige Fragen und war sehr dankbar, diese in einem direkten Gespräch mit Christoph Engemann austauschen zu können. Das Gespräch kann über hier unten im Text nachgehört werden. Ich sehe es als Ergänzung zu meiner Buch-Rezension, weil es meine Lektüre noch einmal erweitert hat.

Lesekrise als Aufhänger

Das Buch zusammenzufassen, ist die erste große Herausforderung. Es enthält auf den kleinen 136 Seiten des Formats „Fröhliche Wissenschaft“ von Matthes & Seitz in Berlin so viele Gedanken und Verweise, dass es mich nicht wundert, dass die bisherige Rezeption sich vorrangig auf die Lesekrise fokussiert. Denn hier ist das Buch sehr anschlussfähig. Zum einen sind Zahlen alarmierend: Neuere Auswertungen von Studien zeigen, dass rund jeder fünfte Erwachsene in Deutschland nur eingeschränkt lesen und schreiben kann und Schwierigkeiten mit längeren oder komplexeren Texten hat (vgl. OECD-Bericht vom 10.12.2024). Darüber hinaus erleben gerade viele Menschen, die eigentlich gerne Bücher lesen, dass ihnen die Konzentration und das Eintauchen zunehmend schwerfallen – viele bedauern dies. Als Gegenbewegung sehen wir die Gründung von Buchclubs, Online-Verabredungen zum kollektiven Lesen und Silent-Readings an öffentlichen Orten. Die KI beeinflusst diese Entwicklungen noch einmal in anderer Form: An jeder Stelle im Netz finden sich Zusammenfassungen aktueller Bücher, in Kurzform, als Podcasts, in Video-Lesungen. Sie könnten den Eindruck vermitteln, dass wir uns das Lesen eigentlich auch sparen könnten.

Hören statt lesen

In dieser Gemengelage ist die Lesekrise nur eines von mehreren Phänomenen, die auf einen tiefgreifenderen Kulturwandel verweisen. Wir leben in einer Kultur der Mündlichkeit, die die Schriftlichkeit zunehmend ablöst, schreibt Christoph Engemann. Statt Bücher zu lesen, hören wir Podcasts oder schauen Videos, in denen andere von ihren Lektüren berichten – wir profitieren also von einer stellvertretenden Lektüre.

Ob wir daraus wirklich nur Gewinn ziehen oder auch etwas verlieren, stellt Engemann in Frage. Seiner Meinung nach ist die Aufmerksamkeit beim Podcasthören deutlich geringer als beim sogenannten „Deep Reading“, dem Versinken in einem Text bei der Lektüre:

„Diskurse in Podcasts zu verfolgen, ließe sich als aufmerksame Unaufmerksamkeit beschreiben. Ein Rückzug und Eintauchen in den konsumierten Inhalt, wie er beim Lesen entsteht, ist möglich, bleibt aber eine Ausnahme, weil parallel andere Aktivitäten ausgeführt werden können.“ (Zukunft des Lesens, Seite 98)

In unserem Gespräch relativiert Christoph Engemann diese Bewertung. Sicherlich gibt es auch beim Lesen Unaufmerksamkeiten, wenn das Gehirn gerade nicht bereit ist, sich auf den Text zu konzentrieren. Umgekehrt gehen Hirnforscher:innen sogar davon aus, dass Bewegung die Konzentration fördern könne. Lesen dagegen, das gesteht auch Christoph Engemann im Gespräch ein, ist mit dem verbundenen Stillsitzen ebenfalls eine Herausforderung:

„Das Lesen ist eine einzige Disziplinierungsgeschichte.“ (Christoph Engemann, Gespräch 8. April)

Lesen wird zur exklusiven Kompetenz

Mit dem zunehmenden Unvermögen zu lesen, das sich in einer oral geprägten und Aufmerksamkeit zerstreuenden Kultur auszubreiten scheint, ist eine Entwicklung verbunden, die das Lesen langfristig zu einer exklusiven Kompetenz werden lassen könnte, stellt Engemann fest. Diese Kompetenz bleibe einigen vorbehalten, an die wir als Gesellschaft das Lesen delegieren. Das Lesen werde zu einem „Neuen Latein“, erhalte also die gleiche Exklusivität, die der Sprache der Gelehrten bis ins 19. Jahrhundert vorbehalten gewesen sei. Ein kultureller Rückschritt also, war doch die Alphabetisierung einmal der Durchbruch gewesen, um Wissen in den jeweiligen Landessprachen für alle zugänglich zu machen.

Anders als im 19. Jahrhundert steht Wissen uns heute jedoch auch in mündlichen Formaten zur Verfügung, das könnte also beruhigen. Wir könnten Podcasts hören, Videos sehen und uns damit das Wissen der Welt aneignen. Was aber den Lesenden vorbehalten bleibt, ist die Erfahrung des tiefen Lesens, das Eintauchen in den Text, Zurücklesen, Innehalten, das neben dem Erleben der Anstrengung eben auch ein tieferes Verständnis fördert. Hier würde ich Christoph Engemann auch folgen: Der Erkenntnisprozess beim aktiven Lesen ist für das Verstehen und Lernen in Kombination mit anderen Aneignungsmethoden vermutlich nicht zu ersetzen. Und weil Lernen eben immer wieder anstrengend ist, gilt das zwangsläufig auch für das Lesen.

Plattformen als neue Archive der Mündlichkeit

All diese Erkenntnisse bringt Christoph Engemann mit einer weiteren Entwicklung zusammen, die unsere Zeit prägt. Und genau diese Zusammenhänge machen das Buch so vielschichtig wie besonders: Denn die gesamte Entwicklung der Literalität zur Oralität vollzieht sich vor dem Hintergrund, dass die digitalen Plattformen sich bereits seit vielen Jahren unsere mündliche Rede aneignen konnten. Mit Speech-To-Text-Techniken haben sie – laut Engemann weitestgehend unbeobachtet – Podcasts, Videos und gesprochene Kommentare für sich vereinnahmen können. Konkret bedeutet dies: Während wir alle Bücher, die erscheinen, in der Nationalbibliothek archivieren, gelangt das Archiv der gesprochenen Sprache in die Hände und Verfügbarkeit der privaten Plattformbesitzer, die die notwendige Technik besitzen, um all das zu transkribieren. Je mehr wir nun in die Produktion von Podcasts und Videos investieren, weil diese beim Publikum besser ankommen, desto größer wird der Anteil des Archivs, das in der Blackbox der Plattformbetreiber verschwindet.

Plattformen steuern, was wir lesen werden

Damit nicht genug: Die Plattformbetreiber haben nicht nur die Hoheit über die Inhalte, sondern auch über ihre Verteilung. Denn sie sind im Besitz der sogenannten „Graphen“, die Engemann in einem sehr fachlich gehaltenen Exkurs beschreibt. Diese Graphen zeichnen die Beziehungsnetze, Vorlieben und das Kaufverhalten ihrer User nach, über das die Plattformbetreiber das exklusive Wissen haben. Verbunden mit dem Zugriff auf die Inhalte steuern also zunehmend Meta und Co. das, was uns an kulturellen Produkten überhaupt begegnet. Denn die Verteilung wird danach ausgerichtet, was die meisten Aktionen auslösen kann: Likes, Kommentare, geteilte Inhalte. Das alles sind Aktionen, die den Plattformbetreibenden Geld einbringen, weil sie Werbung wertvoller machen. Indem sie die Verteilung von Inhalten steuern, lösen die Plattformen damit klassische Institutionen wie Buchhandlungen, Verlage, Feuilletons, Universitäten und auch Lehrpläne ab. Das sollte uns natürlich beunruhigen.

Die größere Krise hinter der „Lesekrise“

Ich habe hier nur anreißen können, wie vielschichtig die Entwicklungen sind, die sich in den Veränderungen unserer Kultur gerade zeigen. Mir erscheint es dabei zu eindimensional, die Veränderungen, die sich gerade vollziehen, nur als „Lesekrise“ zu bezeichnen. Mindestens genauso kritisch ist es, dass wir gerade den zentralen Einfluss darauf, was wir lesen, hören oder sehen, an Menschen abgeben, deren vorrangiges Interesse ein ökonomisches und/oder politisches ist – zu trennen ist das gar nicht mehr. Von ökonomischen Interessen ist zwar natürlich auch der Buchmarkt nicht frei. Einer der wesentlichen Unterschiede aber ist, dass die Plattformbetreiber ihr Geschäft aktuell weitestgehend unreguliert und intransparent betreiben.

Ich würde mir wünschen, dass diese Aspekte des Buches noch ausführlicher diskutiert würden, vor allem mit der Frage, welche Möglichkeiten wir haben, diesen Entwicklungen etwas entgegenzustellen. Denn die gäbe es: alternative, dezentrale Plattformen stärken zum Beispiel, die Bedeutung von Bibliotheken, dem Öffentlich Rechtlichen Rundfunk hervorheben, Lehrpläne zeitgemäßer gestalten. Dass diese Debatte bislang in der Rezeption des Buches eher untergeht, mag daran liegen, dass gerade der Exkurs zu den Graphen sehr verdichtet und komplex angelegt ist. Ein anderer Grund mag sein, dass vielen der Umfang dessen, was wir gerade im Begriff sind, zu verlieren, noch nicht klargeworden ist.

Der recht fachliche Stil ist insgesamt ein Kritikpunkt des Buches, der in diversen Rezensionen immer wieder aufgegriffen wird. Ich finde ihn nachvollziehbar und habe selbst an einigen Stellen länger und wiederholt lesen müssen, um die Sätze zu verstehen. Es hat meine Erkenntnis vertieft und manchmal haben mir die Sätze auf eine seltsame Art auch Freude gemacht, weil die Verdichtung ja auch das Ergebnis besonderer Denkarbeit ist.

Insgesamt ist der komprimierte Stil aber auch ein Hinweis darauf, dass der Inhalt von „Zukunft des Lesens“ das kleine Format „Fröhliche Wissenschaft“ von Matthes & Seitz vielleicht etwas überfordert hat. Kein Grund, es nicht zu lesen, aber ein guter Grund, mehrmals hineinzuschauen.

Ich hatte die Gelegenheit, unter anderem über die Frage des Stils seines Buches, über die Gegenüberstellung von Lesen und Podcasthören und über die Bedeutung von Büchern und Texten mit Christoph Engemann direkt zu sprechen. Unser Gespräch haben wir – ganz pragmatisch mit Smartphones während eines Online-Treffens – aufgezeichnet.

Gespräch mit Christoph Engemann über sein Buch „Zukunft des Lesens“, aufgezeichnet am 8. April 2026

In meinem Newsletter „Gute Frage!“ habe ich mich in der April-Ausgabe mit dem Thema des Buches aus der Perspektive der Schreibenden auseinandergesetzt: Wie müssen wir Texte gestalten, wenn doch eigentlich niemand mehr liest? Der Newsletter, in dem ich mich monatlich mit Fragen rund um Kommunikation beschäftige, ist hier zu abonnieren.