Früher war es einfacher: Mit der Zeitung war man „fertig“, wenn man sie durchgeblättert und die interessanten und relevanten Texte gelesen hatte. Die Tagesschau dauerte von 20:00 bis 20:15 Uhr – danach waren die Nachrichten „zu Ende“.

Im digitalen News-Universum gibt es das nicht mehr. Egal, wo man anfängt: Es erscheinen immer mehr, neuere und ältere Nachrichten, es ist ein dauerhafter Strom. Wir tauchen ein und steigen wieder aus, wenn wir genug von den News haben oder keine Zeit mehr bleibt. Fertig sind wir nie.

Das Gute am Newsletter: Sie haben ein Anfang und ein Ende

Newsletter können dem etwas entgegensetzen. Was macht einen guten Newsletter aus? Im Podcast-Gespräch bei „Subscribe“ über diese Frage, mit Host Lennart Schneider, sieht Charlotte Morré, Digitalchefin des Handelsblatts, in der Abgeschlossenheit sogar ein zentrales Merkmal des Mediums.

Aber ist das Hauptkriterium nicht die Abgeschlossenheit? Ich glaube, das ist das, was den Reiz ausmacht. Und ich glaube, das ist auch ein Grund, warum viele Leute immer noch gerne E-Paper lesen, dass sie irgendwie noch das Gefühl haben: Es hat einen Anfang und ein Ende.
Charlotte Morré, Podcast Subscribe, veröffentlicht am 8. Januar 2026

In dieser Beobachtung habe ich mich wiedererkannt. Ich gehöre zu den Menschen, die die Zeitung am liebsten als digitales E-Paper lesen. Es ist der Printausgabe immer noch sehr nah. Es ist eine kuratierte Zusammenstellung von Nachrichten, die mir auch Texte als Lektüre anbietet, die ich von selbst nicht angeklickt hätte, wenn sie in einer Liste auftauchen. Und wie die Printausgabe vermittelt mir auch das E-Paper den Eindruck: Du kannst es schaffen, diese Zeitung durchzulesen.

Newsletter: Viele Zeitungen für viele Leser:innen

Ob Newsletter, die mich zu einzelnen Artikeln eines Online-Angebots führen, diese Abgeschlossenheit wiederherstellen können?

Charlotte Morrée berichtete in dem Gespräch von den vielen Angeboten des Handelsblatts – vom erfolgreichen Morning Briefing bis zu Spezial-Newslettern für Finanzanleger:innen. Diese Formate sind zwar jeweils in sich abgeschlossen. Aber sie haben natürlich auch den Zweck, mich auf die Website zu führen. Und es sind viele.

Die SZ bietet über 20 verschiedene Newsletter an, die mich themenspezifisch zu Online-(Bezahl)-Inhalten führen. Die Idee ist klar: Für unterschiedliche Interessen gibt es unterschiedliche Zugänge zum Angebot. Nicht jede:r liest die Zeitung gleich und natürlich sind die Newsletter auch für verschiedene Profile von Leser:innen konzipiert.

KI-Agenten als nächste Stufe des Kuratierens?

Im Podcastgespräch geht es auch darum, dass diese Kuratierungsfunktion der Newsletter in Zukunft von KI-Agenten übernommen werden könnte, teilweise geschieht das heute schon. Die KI liest dann auf Basis meiner Voreinstellungen die wichtigen Nachrichten vor.

Vielleicht werde ich dann wieder das Gefühl haben, innerhalb eines begrenzten zeitlichen Rahmens die Aufgabe „sich auf dem Laufenden halten“ erledigt zu haben. Websites müsste ich dann womöglich seltener oder gar nicht mehr aufsuchen: Das hat mein persönlicher Agent schon für mich getan. Die Gefahr, sich in den Feeds der Social-Media-Kanäle oder in immer weiteren Nachrichtenempfehlungen zu verlieren, wäre ausgeblendet.

Für mich wird es dennoch reizvoll bleiben, ein Nachrichtenangebot zu erhalten, das mich überrascht und jenseits meiner favorisierten Themen neue Impulse setzt. Zeitung lesen ist mehr, als nur die Nachrichten des Tages zu konsumieren: Es liefert Hintergrund und bringt neue Themen aufs Radar.

Exklusivität, Knappheit und neue Formate

Was das ständig wachsende Newsletter-Angebot auch zeigt: Verlage kämpfen um die Aufmerksamkeit ihrer Leser:innen. Sie müssen jeden Weg nutzen, um sie zu erreichen. Dass KI-Nutzung diese Landschaft noch einmal grundsätzlich verändern wird, ist jetzt schon absehbar.

Vielleicht führen die Entwicklungen sogar dazu, dass irgendwann exklusive Inhalte wieder ganz anders zu rezipieren sind, dort, wo auch die KI keinen Zugriff mehr hat. Also doch zurück zur gedruckten Zeitung? Eher nicht. Aber vielleicht entstehen durch diese Entwicklung auch wieder ganz neue Formate.

Das Publikum aufsuchen

Einen Ansatz in diese Richtung verfolgen schon seit einigen Jahren die Journalist:innen Ronja und Nico von Wurmb-Seibel. Ein Publikum überhaupt zu erreichen, ist die eine Sache – Wirkung zu erzielen, eine weitaus anspruchsvollere Herausforderung. Genau das aber war dem Paar ein wichtiges Anliegen. Aus ihrer Erfahrung heraus konnten sie über kritische Themen zwar investigativ recherchieren und berichten, mit ihren Texten oder Filmen aber oftmals keine Veränderung anstoßen.

Sie erzählen davon in zwei aufeinanderfolgenden Episoden des Podcasts „Transformation Journalism“ von Uwe H. Martin.

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Ihr Konzept bedeutet eine radikale Abkehr von der Reichweitenlogik hin zur Frage: Wo erreichen wir Menschen, die tatsächlich etwas verändern könnten? Wie kommen wir mit ihnen ins Gespräch?

Vor gut fünf Jahren hat das Paar den Film „Wir sind jetzt hier“(Link zum Trailer) über junge geflüchtete Männer produziert. Darin erzählen diese von ihren Ängsten und Hoffnungen, von guten und schlechten Erfahrungen im fremden Land. Der Film über das Ankommen in Deutschland war bislang bei keinem Fernsehsender zu sehen, auf keiner Plattform zu streamen und kam auch nicht ins Standard-Kinoprogramm.

Stattdessen stellten die beiden ihn in den vergangenen Jahren bei 950 einzelnen Vorführungen persönlich vor: in Polizeiakademien, Jobcentern, Unternehmen, Schulen, JVAs, bei Stiftungen und in Ministerien. Noch heute kann man Aufführungen bei den Journalist:innen anfragen. Bei den Veranstaltungen waren immer wieder auch Protagonisten des Films vor Ort, also geflüchtete Männer, bereit zum Austausch mit dem Publikum. Ein besonderes Setting, das durch direkte Begegnung eine besondere Wirkung entfalten kann, wie die beiden berichten.

Künstliche Verknappung 

Interessant ist, dass Niklas von Wurmb-Seibel von einer künstlichen Verknappung spricht, wenn er ihren Ansatz erklärt. Die führt dazu, dass man den Film nur in einem vorgegebenen Setting sehen kann: konsequent auf Austausch und Diskussion ausgerichtet, zielgruppenorientiert gedacht. Ausschalten oder zappen geht nicht, bis die Veranstaltung zu ihrem Ende gekommen ist.

News-Life-Balance und Nachrichtenmüdigkeit

Im Podcast geht es auch um die beiden Bücher von Ronja von Wurmb-Seibel: „Wie wir die Welt sehen“ über konstruktive Nachrichtennutzung und konstruktiven Journalismus von 2022 (ich hatte in den Frühjahrs-Monatsnotizen 2025 schon einmal darüber geschrieben) sowie „Zusammen. Warum wir für ein gutes Leben Verbündete brauchen – und wie wir sie finden“ von 2024.

Mit ihrem ersten Buch ist die Journalistin im Lernangebot „News-Life-Balance“ der Hamburg Open Online University (HOOU) vertreten. (Transparenzhinweis: Die HOOU ist einer meiner Auftraggeber). 

In dem Angebot der HOOU geht es um Nachrichtenmüdigkeit – und darum, wie man damit umgeht. Es ist sehr empfehlenswert, sich dort einmal mit dem eigenen Nachrichtenkonsum zu beschäftigen (oder als Journalist:in mit der Nachrichtenproduktion). Das kann helfen, der Erschöpfung zu entgehen, die viele durch „Nachrichten ohne Ende“ inzwischen erleben. Und sich bewusst zu machen: Das Ende müssen wir selbst setzen.

Weitere Hinweise

Mein eigener Newsletter „Gute Frage“ hat übrigens einen klaren Anfang und ein Ende: Einmal im Monat beantworte ich eine der 12 Fragen, die ich mir Anfang des Jahres zum Thema Kommunikation gestellt habe. Wer dann noch weiterdenken möchte, ist dazu eingeladen – unter anderem in meinem Angebot Offenes Ohr.

Im aktuellen Podcast Hamburg, was willst du wissen?“ spreche ich mit dem Schauspieler und Comedian Hendrik von Bültzingslöwen unter anderem über das Angebot HOOU-„News Life Balance“ und darüber, warum er es aus den rund 200 Themen der HOOU ausgewählt hat.