Alle Menschen, die den Prozess der Französin Gisèle Pelicot verfolgt haben, und alle, die jetzt durch den Spiegel‑Bericht von Collien Fernandes erfahren haben, welche unglaublichen Erniedrigungen sie durch ihren Ex‑Mann Christian Ulmen erleiden musste, kennen diese Forderung. Sie hat etwas in unserem Bewusstsein verändert – und dafür ist diesen beiden Frauen, aber auch allen anderen, die sexualisierte Gewalt öffentlich machen, zu danken. Sie sind die Heldinnen unserer Zeit. Wir sollten uns aber auch klarmachen, wer mit der „anderen Seite“ eigentlich gemeint ist.
Zwei Seiten der Scham
Gisèle Pelicot und Collien Fernandes wehren sich dagegen, nach dem Erleben von Gewalt ein weiteres Mal Opfer der Scham zu sein. Sie stellen sich gegen das, was eine natürliche Regung dieser Emotion ist: Isolation und Rückzug. Scham hat aber zwei Seiten:
- Die nach innen gerichtete Scham trifft vor allem Opfer, marginalisierte Menschen, Menschen, die Verletzungen körperlicher oder seelischer Art erfahren haben. In dieser Form führt sie zu Sprachlosigkeit und Selbstabwertung – bis hin zu Schuldgefühlen: „Irgendetwas muss ich selbst damit zu tun haben.“
- Die nach außen gerichtete Scham wirkt individuell und kollektiv: Sie richtet den Blick auf Täter, Mitwissende, Institutionen, Öffentlichkeit – alle, die beschämendes Verhalten ermöglichen, verstärken oder verursachen. Individuell bewirkt sie bei Tätern die Angst vor Abwertung durch andere, kollektiv führt sie zum dem Druck, dass „wir als Gesellschaft“ uns schämen sollten. Diese Scham führt zu Empörung und Veränderungsdruck: So etwas darf nicht möglich sein.
Quellen über Perplexity, unter anderem: Hiramatsu Y, Asano K, Kotera Y, Endo A, Shimizu E, Matos M. Development of the external and internal shame scale: Japanese version. August 2021
Wir sollten uns also davor hüten, uns darauf zu beschränken, die innengerichtete Scham einfach nur vom Opfer auf den Täter zu verschieben, dessen Verhalten dann auch noch pathologisiert wird. Das ist nur ein Teil dessen, was mit dem geforderten Wechsel der Perspektive gemeint sein darf. Die Veränderung muss weiter reichen: Sie muss uns als Gesellschaft umfassen, die sexualisierte Gewalt an Frauen ermöglicht, übersieht oder bagatellisiert. Wir alle müssen uns empören – nicht nur die Frauen, und nicht nur die Betroffenen. Scham darf weder weiblich sein noch rein privat bleiben. Wir müssen uns öffentlich schämen.
Es gibt Zeichen, dass durch die beiden mutigen Frauen eine Veränderung ausgelöst worden ist. Einige Männer melden sich zu Wort und zeigen, dass sie sich angesprochen fühlen. Andere verschieben die Scham lediglich auf den Täter – und übersehen die gesellschaftliche Dimension. Aber auch Institutionen sind gefragt: Sender, die Formate wie „Who wants to fuck my girlfriend?“ ausgestrahlt haben, Verlage, die Bücher mit Titeln wie „In achtzig Frauen um die Welt“ herausgegeben haben, Talkshows, in denen „Herrenwitze“ möglich sind, Werbetreibende, die Frauen als Objekte männlicher Fantasien inszenieren – die Liste ist unendlich lang. Gemeint sind auch Frauen, die aus einer gesicherten Position heraus widersprechen könnten und dies nicht tun.
Wir alle sind gefragt, uns zu schämen. Aus der privaten Scham der Betroffenen muss unsere kollektive Scham entstehen, die über ein empörtes „Das darf nicht sein“ hinaus zu einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Veränderung führt.
Empfehlungen
Das Gespräch in „Sternstunde Philosophie“: Olivia Röllin spricht mit der französischen Philosophin Manon Garcia über das System der Unterwerfung, die Ambivalenz des Begehrens und die Frage, ob und wie wir trotz alledem gemeinsam friedlich leben können. Manon Garcia hat den Prozess mit Gisèle Pelicot verfolgt und ihr Buch „Mit Männern leben“ (Suhrkamp 2025) darüber geschrieben.
Auszüge des Interviews, das Gisèle Pelicot in einem Podcast der Times gegeben hat.
Die ZDF-Dokumentation, in der Collien Fernandes sich auf Suche nach den Tätern der Deep-Fakes macht – bevor sie wusste, dass ihr Ex-Mann dafür verantwortlich war.
Beim Kölner Treff (ca. 1:23) spricht Collien Fernandes noch vor der aktuellen Berichterstattung über ihre Erfahrungen mit Deep Fakes und digitaler Gewalt. Micky Beisenherz hat sich nachträglich für seine Art der Moderation entschuldigt. Meine Empfehlung gilt ihrem Beitrag.
Der Bericht im SPIEGEL (€), in dem Collien Fernandes das Geschehen das erste Mal öffentlich macht.