In seinem Buch „Misstrauensgemeinschaften“ beschreibt der Soziologe Aladin El-Mafaalani, wie sich im gemeinsamen Misstrauen gegenüber staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen neue Verbindungen bilden, die Halt bieten und Identität stiften. Im Grunde eine eher düstere Analyse. Könnten Vetrauensgemeinschaften eine ähnliche kollektive Wirkung entfalten, wenn wir gemeinschaftliche Bilder von Zukunft wieder stärker betonen würden?

Gesellschaft im Vertrauensverlust

In Deutschland sinkt das Vertrauen in staatliche Institutionen. Eine Entwicklung, die viele vermutlich auch im eigenen Umfeld schon beobachtet haben. Das Edelman Trust Barometer hat diese Wahrnehmung bestätigt: Für die vier zentralen Institutionen – Wirtschaft, Regierung, Medien und NGOs – attestierte die Studie im vergangenen Jahr ein grundsätzliches Misstrauen.

Aladin El-Mafaalani beschäftigt sich in seinem aktuellen Buch „Misstrauensgemeinschaften“ mit der Erosion dieses Vertrauens. Er steigt mit einer persönlichen Beobachtung ein: Es gebe Menschen, die ihm als Person vertrauten, ihn als Wissenschaftler aber infrage stellten – und stattdessen lieber den Ausführungen von Influencer:innen auf TikTok oder den Tech-Milliardären auf X folgen wollten.

Vertrauen als Mittel gegen Überforderung

Was folgt, ist eine lesenswerte Analyse, die zunächst erklärt, wie Vertrauen funktioniert – und warum wir es heute dringender denn je brauchen. Vertrauen, so El-Mafaalani, ist eine Strategie, mit der wir der wachsenden Komplexität der Welt begegnen.

Er bezieht sich dabei auf Niklas Luhmann, der Vertrauen als Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität beschreibt. Vorangestellt steht die Definition des Soziologen Georg Simmel:

„Vertrauen ist ein ‚mittlerer Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen‘.“
Misstrauensgemeinschaften, S. 24

Genau dieses Nichtwissen erlaubt es uns, handlungsfähig zu bleiben. Wir lagern Verantwortung an Expert:innen in Medien, Politik und Wissenschaft aus – und müssen darauf vertrauen, dass sie die Dinge durchdringen und gestalten.

„Die Komplexität der Gesellschaft führt dazu, dass man allein durch Interaktion mit den wenigen Personen, die man wirklich kennt und denen man vertraut, nicht mehr handlungsfähig bleibt. Vielmehr ist man zunehmend auch auf die Funktionstüchtigkeit von Systemen angewiesen.“ Misstrauensgemeinschaften, S. 36

Wenn Vertrauen kippt

Doch genau dieses Vertrauen in gesellschaftliche Systeme scheint vielen Menschen verloren zu gehen. Politik, Medien und Wissenschaft erscheinen intransparent oder abgehoben. Vertrauen wird wichtiger, je mehr wir unsere Welt als immer komplexer erleben – aber zugleich wird es unwahrscheinlicher, dass Bürger:innen es erleben.

El-Mafaalani beschreibt einen Kipppunkt, an dem Vertrauen in Misstrauen umschlägt. Dieser Wandel schafft Raum für Populismus und Verschwörungserzählungen. Mit einfachen Deutungen und gemeinsamen Narrativen wie „Lügenpresse“ oder einer vermeintlichen „neuen Weltordnung“ wird ein Feindbild erzeugt, das den sozialen Zusammenhalt innerhalb neuer Gruppen stärkt: Misstrauensgemeinschaften.

„Misstrauen reduziert Komplexität ebenso wie Vertrauen.“
Misstrauensgemeinschaften, S. 53

Misstrauen übernimmt also die gleiche Funktion wie Vertrauen – allerdings mit negativem Vorzeichen: Die Welt erscheint wieder erklärbar und kontrollierbar, wenn das Komplexe einfach negiert werden kann.

Vertrauen wiederherstellen?

Was lässt sich gegen diese Entwicklung tun? El-Mafaalani bietet keine einfachen Lösungen – auch, weil der Weg zurück zum Vertrauen langwierig und mühsam sei. Stattdessen richtet er den Blick auf diejenigen, deren Vertrauen noch nicht ganz verloren ist: vor allem auf Kinder und Jugendliche. Wir müssten sie stärker als eigenständige Akteur:innen mit eigenen Interessen wahrnehmen.

Seine zentrale Forderung lautet: permanente Kommunikation. Denn Misstrauen wachse vor allem dort, wo kein Austausch mehr stattfindet, wo sich Öffentlichkeiten voneinander abkoppeln und Konflikte nicht mehr ausgetragen werden.

Fingerspitzengefühl statt Polarisierung

Und wie umgehen mit jenen, die sich in ihren Misstrauensgemeinschaften längst eingerichtet haben? Hier fordert El-Mafaalani Fingerspitzengefühl: Es müsse eine Balance gefunden werden zwischen zulässiger Vereinfachung auf der einen und einem Stil, der nicht zu sehr ins Philosophische, Intellektuelle abheben dürfe, auf der anderen Seite.

Bemerkenswert ist, dass ihm genau das mit seinem Buch schon gelingt. „Misstrauensgemeinschaften“ ist zugänglich und differenziert, verständlich, ohne unzulässig zu vereinfachen – und kommt weitgehend ohne schwierigen soziologischen Fachjargon aus.

Mit positiven Zukunftsvisionen Vertrauensgemeinschaften etablieren

Ob das Buch tatsächlich Misstrauende erreicht, möchte ich nicht beurteilen. Mich – als jemand, die staatlichen Institutionen grundsätzlich mit Vertrauen begegnet – hat es jedenfalls auf den Gedanken gebracht, wieder mehr auf Gemeinschaftlichkeiten im Vertrauen zu setzen. Denn wenn Misstrauen ähnlich funktioniert wie Vertrauen – warum sollten wir dann nicht bewusst alternative Gemeinschaften aufbauen, die sich auf positive Zukunftserzählungen gründen? Die Frage, die wir dafür noch klären müssen: Welche Visionen brauchen wir, um gegen die Szenarien von Populist:innen und Demagog:innen bestehen zu können? Und wie können wir die überzeugend nach außen tragen, wenn gleichzeitig die Institutionen zu wenig vertrauensbildend auftreten, stattdessen inkonsistent, unpersönlich und intransparent bleiben? Es ist sicherlich eine schwierige Aufgabe, aber eine wichtige. Das macht das Buch deutlich.

Wie Kommunikation Vertrauen stärken kann

Ein Podcastgespräch mit Aladin El-Mafaalani, das ich Ende letzten Jahres gehört hatte, hat mich zur zweiten Frage meines neuen Newsletters „Gute Frage!“ inspiriert, ein Projekt, für das ich mir zwölf kommunikative Fragen zur Beantwortung vorgenommen habe. Im Februar beschäftige ich mich deshalb mit dem Thema „Wie kann ich Vertrauen wecken?“ und fokussiere mich auf die Kommunikation – der konstruktive Teil zum Buch. Der Newsletter erscheint jeden zweiten Freitag, also als nächstes am 13. Februar, und kann über meine Website abonniert werden. Alle bislang erschienenen Folgen sind hier nachzulesen.

Literatur

Aladin El-Mafaalani:
Misstrauensgemeinschaften. Warum wir Gesellschaft neu denken müssen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2025.

Niklas Luhmann:
Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart: UTB, 2014 (Erstauflage 1968).