#Monatsnotiz: Nach dem Ende eines Monats schreibe ich auf, was mich in den vergangenen Wochen beschäftigt hat, was ich gelesen und gehört habe und weiterempfehlen möchte, woran ich arbeite und was ich bemerkenswert gefunden habe.
In den vergangenen Wochen kam mir immer wieder dieser Ausspruch in den Sinn: „Mich wundert, dass ich so fröhlich bin“. Es ist der Titel eines Buchs von Johannes Mario Simmel, bereits verstorbener Bestsellerautor, der in der Generation meiner Eltern sehr erfolgreich war. Als Bertelsmann-Buchclub-Ausgabe war der Band in meiner Kindheit in vielen Haushalten meiner Heimatstadt Gütersloh im Bücherregal zu finden. Ich habe das Buch nie gelesen, habe es schon Jahrzehnte nicht mehr gesehen, nun ist der Titel plötzlich wieder vor meinem inneren Auge gelandet und bringt meine aktuelle Ambivalenz sehr gut auf den Punkt: Die aktuelle Weltlage gibt wenig Anlass, heiter zu sein – und doch erlebe ich die Zeit gerade genau so, und es gibt vielleicht nur zwei Gründe dafür: Es ist Frühling und es geht mir gut.
Ich habe vermutet, der Simmel-Titel könne ein Zitat sein, und tatsächlich gibt es eine umfassende Rezeptionsgeschichte, die vom Mittelalter bis hin zu den Existenzialisten führt. Ursprünglich lautete der Spruch einmal so:
ich leb und waiß nit wie lang,
ich stirb und waiß nit wann,
ich far und waiß nit wahin,
mich wundert das ich [so] frölich bin.
Den Hinweis auf die Existenzialisten fand ich interessant – und vielleicht bin ich an dem Zitat genau deshalb so hängengeblieben, weil es auf eine gefasst-gelassene Haltung gegenüber der eigenen Endlichkeit verweist, eben auf unsere fast schon paradoxe menschliche Fähigkeit, trotz existenzieller Unsicherheit Fröhlichkeit zu empfinden – ein Trost auf jeden Fall.
Franziska Bluhm hat zum Indiebookday über das Buch „Die Gleichzeitigkeit der Dinge“ von der Psychoanalytikerin Karla Henning geschrieben und empfiehlt, es zu lesen – ich kann mir vorstellen, dass es ein Buch ist, das gerade in die Zeit passt, und ich werde ihrer Empfehlung folgen.
Nachrichtenkonsum in kritischen Zeiten
Was auch gegen die Weltuntergangsstimmung schützt: Aktuell überlege ich, bevor ich aktuelle Nachrichten höre oder auch längere Stücke zur internationalen bzw. nationalen Lage lese, ob das gerade eine gute Entscheidung ist.
Ich habe in diesem Zusammenhang in den vergangenen Wochen mehrmals an das Buch von Ronja von Wurmb-Seibel zurückgedacht, das ich 2022 gelesen hatte, als es gerade erschienen war: „Wie wir die Welt sehen. Was negative Nachrichten mit unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien“. Am meisten beeindruckt hatte mich damals, dass Ronja von Wurmb-Seibel selbst als Journalistin, und zwar als Auslandsreporterin in Afghanistan, zu dem Schluss gekommen war, keine aktuellen Nachrichten mehr zu lesen oder zu hören, sondern sich ausschließlich über Hintergrundtexte und Wochenzeitungen zu informieren. In einem aktuellen Gespräch in dem Podcast ORF Radio Vorarlberg Focus berichtet sie von ihren Erfahrungen, warum dauerhafte Beschallung mit schlechten Nachrichten uns abstumpfen lässt, also zu Ohnmachtsgefühlen und Kontrollverlust führt, und wie wir besser damit umgehen können. Dabei betont sie, dass jede:r selbst für sich herausfinden muss, was der richtige Umgang mit den Nachrichten ist.
Natürlich schützen gerade Hintergrundberichte nicht vor der Erkenntnis, dass die Welt, in der ich aufgewachsen bin und nun schon einige Jahre lebe, aus den Fugen geraten ist. Und insbesondere die Hintergrundinformationen können vor Erschütterung nicht bewahren. Länger beschäftigt hat mich unter anderem das Podcastgespräch von Anne Will mit dem USA-Korrespondenten des Tagesspiegel, Christoph von Marshall nach der Münchner Sicherheitskonferenz. Immer wieder hebt der Journalist darauf ab: Europa müsse schnell und energisch handeln und aufrüsten, um für einen potenziellen größeren Krieg mit Russland in Zukunft gewappnet zu sein. Wenn Anne Will gegen Ende des Gesprächs versucht, noch einmal die Kurve zu bekommen, wirkt das fast ein wenig hilflos: Wo bleibt das Positive?
Druck auf öffentliche Institutionen
Verschiedene gesellschaftliche Institutionen können in den USA gerade beobachten, wie es aussieht, wenn politische Verantwortliche direkt Einfluss nehmen und die Freiheit dieser Einrichtung mit den Füßen treten. Für Museen hat Trump im März ein Dekret erlassen – in europäischen Einrichtungen gebe es ebenfalls erste Anzeichen „die Jagd hat längst begonnen“ schreibt Felcia Sternfeld, Direktorin des Europäischen Hansemuseums, in der Zeitschrift des Deutschen Kulturrats, Politik & Kultur.
Im Bereich der Wissenschaft war Resilienz gegen politische Einflussnahme eines der Themen eines Symposiums, das Ende Februar nach 2024 nun schon zum zweiten Mal stattfand: Expertise unter Druck veranstaltet gemeinsam von der Zeit Stiftung Bucerius, der Klaus Tschira Stiftung und dem Scicomm-Support, der nationalen Anlaufstelle bei Angriffen und unsachlichen Konflikten in der Wissenschaftskommunikation. Der Link führt zu einem Bericht und zwei Videos von Panels der Tagung.
Ging es im letzten Jahr noch vorrangig um Osteuropa, so war in diesem Jahr bezeichnenderweise von der Stärkung der Wissenschaft im eigenen Lande die Rede. Daran ist mir ein weiteres Mal klar geworden, wie sehr wir selbst nun Zielscheibe von Angriffen auf die Meinungsfreiheit geworden sind. Wir hätten noch vier Jahre, hieß es in einer Diskussion, um uns angesichts der Entwicklungen resilient zu machen, die wir gerade in den USA beobachten können. Wir wissen natürlich nicht, wie sich die politischen Kräfte entwickeln. Nimmt man den aktuellen Stand, so lässt sich nur hoffen, dass die aktuell sich konstituierende Regierung durchhält und uns vier Jahre bleiben. Wir sollten sie nutzen.
Wie retten wir Social Media?
Eine neue große Initiative, „Save social“ macht sich dafür stark, „soziale Netzwerke als demokratische Kraft zu retten“. Mir gefällt daran der Ansatz, die Potenziale von Social Media noch einmal aufzurufen, statt angesichts der kaputten US-Plattformen das gesamte Konzept dahinter, das es mal gab, zu verabschieden. Noch gibt es offensichtlich keine Alternative für die Kommunikation – die Initiator*innen von Save Social haben konkrete Vorschläge gemacht, wie sich das ändern könnte, und wie jede:r Einzelne dazu beitragen kann. Als pragmatischer Ansatz hat mich besonders die Idee „+1“ überzeugt. Selbst wenn wir aktuell noch auf die Angebote der US-Unternehmen angewiesen zu sein scheinen, so könnten wir zumindest parallel damit beginnen, unsere Inhalte zusätzlich auch in mindestens einem unabhängigen, dezentralen Netzwerk zu teilen. Und damit dazu beitragen, dass der sogenannte Netzwerkeffekt sich so nach und nach verschieben könnte, der immer noch ein Argument dafür ist, bei Meta, Microsoft, Google und für einige sogar bei Musk zu bleiben, statt Alternativen wie Mastodon zu nutzen. Das Manifest können alle unterschreiben, für die kommenden Wochen und Monate sind weitere Aktionen geplant. Unter anderem der Save Social Day am 3. Mai – dem Internationalen Tag der Pressefreiheit:
„ein Tag, an dem wir auf Instagram, X, Facebook, LinkedIn, Youtube oder TikTok eine Pause machen. Wir rufen alle Menschen auf, an diesen Tagen ihre Big-Tech-Accounts ruhen zu lassen. So spüren die Big-Tech-Plattformen die Kraft ihrer Nutzenden, die sagen: Lasst uns die demokratische Kraft des Internets retten.“
An anderer Stelle wurde gleich eine Woche der Abstinenz gefordert, und das könnte vielleicht dann tatsächlich Wirkung zeigen – und sei es bei denen, die mitmachen.
Hamburger Stammtisch Wissenschaftskommunikation
Bei unserer Netzwerkveranstaltung „Stammtisch Wissenschaftskommunikation“ haben wir ebenfalls über das Thema gesprochen, und uns gefragt, was die bessere Strategie ist: die bekannten und nach der Wahl Trumps noch einmal deutlich degenerierten Plattformen weiter zu nutzen oder sie zu verlassen. Es gab unterschiedliche Ansichten – Marcus Flatten hat den Abend bei LinkedIn zusammengefasst. Ein Text nur bei LinkedIn – bei dem Thema? Tatsächlich müssen wir, die wir den Stammtisch nach dem Ende von Mann beißt Hund nun zu zweit weiterführen, erst noch eine neue Website aufbauen. So lange hilft uns die Gruppe bei LinkedIn für die Kommunikation, wir setzen hier also auf einen Microsoft-Dienst.
Abschaffen ist keine Lösung
Ich selbst finde jede Diskussion hilfreich, die dazu führt, die Potenziale von Social Media zu retten, statt angesichts der aktuellen Entwicklungen die gesamte Idee abzuschreiben. Einige scheinen genau das zu hoffen, weil sie das Konzept Social Media als gescheitert sehen. Wir müssen weiter daran arbeiten, zu verhindern, dass die einstmals vielversprechenden Werkzeuge nun ins Gegenteil umschlagen, mit Desinformation und Einschüchterung die Demokratie bedrohen.
Alles einfach wieder abschaffen – ein wenig sehe ich diese Sehnsucht auch in dem großen Zuspruch, den ein Handy-Verbot an Schulen gerade erfährt. Ole Horn, Ina Samel, Bea Krause und Nele Hirsch haben bei der edunautika 2025 wie ich finde überzeugend aufgeschrieben, warum das keine gute Idee ist, mit einem Appell an Verantwortlich, es sich nicht zu einfach zu machen, denn:
Die Welt ist komplex und digitale Entwicklungen sind es auch. Wir brauchen daher einen klugen Umgang mit digitalen Technologien, nicht deren Verdrängung. Ein pauschales Smartphoneverbot löst keine Probleme. Es verschiebt sie in den privaten Raum und entzieht sie damit pädagogischer Begleitung.
Zuhören
Über das neue Buch von Bernhard Pörksen habe ich im März hier schon ausführlicher geschrieben. Mich hat fasziniert, bei der parallelen Lektüre von „Kleine Dinge wie diese“ von Claire Keegan nach und nach zu entdecken, wie eng diese beiden Bücher zusammengehören, wie sehr Keegans Novelle eine Umsetzung der Ideen von Pörksen über Zuhören als Erkenntnis von Welt ist.
Zugehört hat auch der Journalist Stephan Lamby. In seinem Buch „Und trotzdem müssen wir reden. Wie ein Familientreffen zu einer Reise durch die Welt der Demagogen wurde“ das Ende Januar erschienen ist, versucht er zu erkunden, warum Menschen aus der Mitte so weit nach rechts abdriften konnten. Er war dafür in Argentinien, in den USA, in Italien und in Deutschland. Im Bücher-Podcast der FAZ spricht er mit Kai Spanke darüber, dass es auch Grenzen des Zuhörens gab, weil jede Gesprächsgrundlage fehlt – etwa, wenn der Holocaust geleugnet wurde. Zuhörenswert.
Zu viele Podcasts?
Immer wieder höre ich die Klage, es gebe zu viele Podcasts, wer die denn alle hören solle. Das finde ich erstaunlich, denn es gibt auch viele Bücher, und niemand erwartet, dass irgendjemand die alle lesen solle.
Für mich ist es dagegen erfreulich, welch großartigen Podcasts es immer wieder zu entdecken gibt. Wenn mich ein Buch interessiert und ich nicht sicher bin oder keine Kapazitäten habe, es zu lesen, suche ich den Namen des Autors oder der Autorin in Verbindung mit Podcast. Das kann das Lesen nicht ersetzen, aber zumindest eine Vorstellung geben – und auch eine Entscheidungshilfe.
Manchmal suche ich gar kein Buch, und finde es dann doch – über einen Podcast, weil mich ein Thema interessiert. So ging es mir mit den politischen Entwicklungen in Ostdeutschland, die nach der Bundestagswahl ein weiteres Mal Anlass zur Sorge geben. Das seit der Ende Februar noch mal angestiegene Bashing der Menschen in Ostdeutschland finde ich gerade sehr unterkomplex und ärgerlich. Wie einfach ist es, sich in Hamburg in St. Pauli auf die Straße zu stellen und „Nazis raus“ zu rufen. Etwas ganz anderes bedeutet es dagegen, in einigen kleinen oder auch größeren Orten in Ostdeutschland gegen antidemokratische, rechtsradikale Bewegungen laut zu werden.
Wer sich davon ein Bild machen möchte, sollte unbedingt die Live-Podcastaufnahme „Mauerecho“ mit dem Autoren und Aktivisten Jakob Springfeld hören: „Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert“. Er liest aus seinem gleichnamigen Buch, erzählt von seiner Lesereise – es ist genauso beunruhigend wie anrührend.
Podcast als Vermächtnis
„Welches Buch hat Dein Leben verändert?“ Das fragt in einem Podcast eine Tochter ihren Vater, und es beginnt ein Gespräch in mehren Folgen über Bücher – und das Leben. Das Besondere und Traurige daran: Isolde Sellins Vater ist unheilbar an Krebs erkrankt und wird sterben. Zeit seines Lebens hat er als Buchhändler gearbeitet. Das Gespräch über Bücher wird zur Brücke zu einem Thema, über das er bislang nicht mit seiner Tochter hatte sprechen können: über sein Sterben. Der Podcast ist eine Projektarbeit, die Isolde Sellin als Studentin des Masters Literatur- und Kulturtheorie an der Universität Tübringen umsetzt. Auf der Website der Universität gibt es ein Interview dazu, mit Bildern von Tochter und Vater. Ein für mich außergewöhnliches Projekt, bei dem ich an die erste Folge meines eigenen Podcasts „Lob des Gehens“ gedacht habe, für das ich mit meinem Vater gesprochen hatte, der inzwischen verstorben ist. Isolde Sellin macht eine spannende Frage zum Ausgangspunkt für ein persönliches Gespräch und für ein Vermächtnis, denn auch das war ihr ein Anliegen:
„Gleichzeitig ging es mir mit dieser Studienarbeit darum, das Wissen meines Vaters und diesen großen Fundus an Geschichten über Bücher, über Literatur, über den Buchhandel allgemein und über das Leben als Antiquar zu bewahren.“
Neue Folgen des Podcasts „Hamburg, was willst du wissen?“
Zwei neue Folgen des Podcasts, den ich abwechselnd mit Christian Friedrich im Auftrag der Hamburg Open Online University (HOOU) moderiere, sind zwischenzeitlich erschienen: Karla Paul motiviert im Gespräch mit Christian Friedrich, angesichts der politisch schwierigen Lage die eigenen Potenziale nicht zu unterschätzen und die aktuellen Entwicklungen nicht nur passiv zu erleben. Sie hat einzelne Lernangebote der Hamburg Open Online University herausgesucht, die dabei helfen könnten.
In der März-Folge unseres Podcasts habe ich mit Jan Müller, Bassist von Tocotronic und selbst Host des empfehlenswerten Musikpodcasts „Reflektor“ gesprochen. Er hatte eine sehr spannende Auswahl an Lernangeboten aus der HOOU getroffen, die uns viel Gesprächsstoff geliefert hat: Über die Folgenlosigkeit, die Unendlichkeit und ein Projekt, das Science-Fiction Filmen nach ihrem Potenzial befragt, die Gegenwart besser zu verstehen. Ich konnte zu jedem Thema, das wir besprochen haben, mindestens einen Tocotronic-Zitat im Werk finden – was zu beweisen war.



Musik
Der meiner Meinung nach eindeutig beste Song des neuen Albums von Tocotronic ist eine Kurzgeschichte, rätselhaft, poetisch und kraftvoll (Minute 17:30 des Konzerts)
Das beste Konzert des Jahres habe ich vermutlich schon Anfang März erlebt. Zaho de Sagazan war durch und durch einzig- und großartig. Hier zwanzig Minuten des letzten Teils, nach den Chansons im ersten, sinngemäß: „Assez pleuré, maintenant dansons“. (Video nachträglich ersetzt, weil ich den Mitschnitt später gefunden habe).