#Monatsnotiz: Nach dem Ende eines Monats schreibe ich auf, was mich in den vergangenen Wochen beschäftigt hat, was ich gelesen, gehört habe und weiterempfehlen möchte, woran ich arbeite, was ich be-merkenswert gefunden habe.
Die Monatsnotizen müssen leider ein wenig zurückstehen gerade. Ich teile nur ein paar Splitter von zwei Monaten, in denen ich wenig Zeit zum Lesen oder Podcasthören hatte. Es geht um Veränderungen, Vakuumphasen und Trauer. Letztere hat gar nicht so viel Raum einnehmen können, wie ich es mir gewünscht hätte und wie es hier in den Notizen erscheinen mag.
Vakuum und Neustart
Im Gespräch mit Matze Hielscher im Podcast „Hotel Matze“ berichtet Anne Will in einer der letzten Folgen, dass sie im vergangenen Jahr zum ersten Mal in ihrem Leben mit etwas aufgehört hatte, ohne schon zu wissen, wie es weitergeht. Sie erklärt, dieses Vakuum gebraucht zu haben, damit wieder etwas Neues entstehen kann. Ein mutiger Schritt, findet Matze Hielscher – und ich auch:
Es ist mutig, bewusst in ein Vakuum zu gehen und diese Unruhe auszuhalten. Der Autor Seth Godin sagte mal in einem Interview, dass ein Vakuum nötig sei, damit man sich die Arbeit macht, es zu füllen.“
Durch das Gespräch mit Anne ist mir bewusst geworden, dass ich mit 44 Jahren noch nie wirklich vor der Frage stand, was ich als Nächstes machen soll.
Matze Hielscher, Newsletter High Five, 12. April
Mir ging es in den letzten 25 Jahren ein wenig so wie Matze Hielscher, weil das Nächste meistens schon vor der Tür stand. In einer Agentur ist das auch gut so. Ich erinnere mich aber noch sehr gut daran, dass ich am Silvesterabend des Jahres, in dem ich kurz vor dem Ende meines Studiums stand, sehr fasziniert davon war, mir vorzustellen, dass ich ein Jahr später vermutlich irgendwo arbeiten würde – ohne zu dem Zeitpunkt eine konkrete Ahnung davon zu haben, wo das sein könnte und wie das aussehen würde. In solchen Momenten die Offenheit als Geschenk sehen zu können, ist ein Privileg. Gerade stehen wieder berufliche Veränderungen an, und ich versuche, die Faszination meines jungen Ichs wieder aufzurufen.
Anne Will zeigt sich im Hotel-Matze-Podcast aber auch durchaus ambivalent angesichts der offenen Zukunft. Ein Vakuum ist eben erst mal leer, und man hört ihr Bedürfnis, es recht bald wieder zu füllen. Ich fand das Gespräch auch deshalb interessant, weil sich für mich eine andere, vielschichtige und vor allem humorvolle Persönlichkeit der Frau gezeigt hat, von der ich als Moderatorin des Sonntagabend-Talks immer nur einen Teil erlebt habe.
Anne Will hat das Vakuum nun wieder gefüllt und einen eigenen Podcast gestartet. Dort spricht sie eine Stunde lang mit jeweils nur einer Gästin oder einem Gast über ein Thema und ein Interview, das sie vorab mit einer anderen Person geführt hat. Das Interview selbst ist nachträglich in voller Länge auch noch zu hören. Ein interessantes Konzept, weil man zum einen tief eintaucht in die Themen und zum anderen aus zwei unterschiedlichen Perspektiven auf ein Thema schaut. Das Medium ist gut gewählt für eine Journalistin, die jahrelang im Korsett einer streng durchgetakteten Sendung gearbeitet hat und nun von viel mehr Gestaltungsfreiheit in der Gesprächsführung profitiert. Die Gespräche gewinnen vor allem dadurch, dass sie auf Analyse und Verstehen ausgerichtet sind statt auf Konfrontation und Krawall. Dass Anne Will dennoch hartnäckig nachfragt und ihre Interviewpartner*innen auch mal aus der Reserve lockt, macht die Gespräche interessant – unter anderem das Interview mit Kevin Kühnert nach der Europawahl.
Ich hätte es vorher nicht unbedingt geahnt, aber ich würde mich durchaus als Fan des neuen „Politik-mit-Anne-Will“-Podcasts bezeichnen. Ein Detail, das mich gewundert hat: Wer immer die Farbgebung für das Corporate Design des Podcasts ausgewählt hat, hat vielleicht vergessen, mal Caren Miosga zu schauen?
Trauerjahr
Vor einem Jahr sind meine Eltern nur wenige Wochen nacheinander gestorben. Die ersten Male „ohne sie“ liegen nun hinter uns: Geburtstage, Feiertage, Rückkehr aus dem Urlaub. Ein Jahr und das Gefühl, dass darin viel zu wenig Raum für die Trauer geblieben ist. Das Leben geht einfach weiter und fordert uns zurück, auch wenn wir durch die unmittelbare Konfrontation mit dem Tod und den Verlust geliebter Menschen eine Erfahrung durchlebt haben, die alles verändert.
„Trauer ist eine chaotische Angelegenheit“, sagt die Psychotherapeutin Julia Samuel in einem Interview im gleichnamigen Buch zur Ausstellung „un-endlich. Leben mit dem Tod“ im Humboldt-Forum Berlin, Ende 2023. Sie kritisiert das inzwischen viel zitierte Modell der Schweizer Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross über die fünf verschiedenen Stadien der Trauer: Nicht-Wahrhaben-Wollen, Zorn, Verhandeln, Depression, Zustimmung. Das Modell sei hilfreich, um die verschiedenen Gefühle zu umschreiben, die mit der Trauer verbunden seien. Doch unsere Gefühle verhielten sich nicht schematisch. Sie seien widersprüchlich, und wir erleben all das ihrer Ansicht nach nicht in einer Reihenfolge, sondern durchlaufen die Stadien wiederholt, manchmal parallel – chaotisch eben.
Julia Samuel spricht in dem Interview auch einen Gedanken an, der mir im letzten Jahr immer wieder kam, als ich mich fragte, wann wir eigentlich aufgehört haben, im ersten Jahr der Trauer Schwarz zu tragen.
Wir verdrängen den Tod, wir verstecken Sterbende, wir ertragen den Tod nicht. Früher trug man in unserem Kulturkreis Schwarz zum Zeichen der Trauer. Das ist heute viel seltener. Trauer ist zu etwas Privatem geworden.
Sie macht einen Vorschlag, den ich bedenkenswert finde: Sie würde es begrüßen, wenn wir wieder schwarz tragen würden, wenn wir trauern. Nicht über einen festen Zeitraum, sondern immer dann, wenn die Trauer uns überkommt. Ein schwarzes Band könnte reichen, um zu signalisieren: ‚Nehmt Rücksicht auf mich, ich bin traurig.‘
In einem Text erinnert sich der Journalist Mikael Krogerus an ein Interview mit Friederike Mayröcker. Er hatte ihr die Frage gestellt: „Was lindert Trauer?“ Die Antwort gefällt mir:
‚Gehen. Sehr rasch und viel gehen. Das ist gut, wenn man einen großen Schmerz hat. So kann man den überbrücken.‘
Ich verstand auf Anhieb. Auch mir hat Gehen in so manch dunkler Stunde geholfen. Paradoxerweise endet beim Gehen das Grübeln und beginnt das Denken. Und wer richtig weit läuft, bei dem hört beides auf.
Lesen und Trauer
Über Trauer zu lesen, habe ich seit dem Frühjahr 2023 immer wieder als hilfreich empfunden. Sowohl unmittelbar während des Abschieds als auch danach. Im August hatte ich Christian Dietloff, „Niemehrzeit“ entdeckt. Seine Eltern waren ebenfalls sehr kurz hintereinander gestorben. Das Buch hat mich seitdem immer wieder begleitet.
Mein Vater ist gestorben; nur vier Monate später starb auch meine Mutter – es kommt mir vor, als wäre für diesen Satz das Semikolon erfunden worden. Denn die Tode meiner Eltern sind für mich schwere Einzelereignisse und hängen doch zusammen. Von ihnen zu schreiben, holt Erinnerungen ganz nah heran, und das ist schön, manchmal ungeheuer lustig und schmerzlichzugleich. Ich denke oft an sie, aber nie zu lang.
Christian Dietloff, Niemehrzeit, Piper Verlag 2021, Kladdentext
Christian Dietloff schreibt in dem Buch jeweils „50 Fakten“ über seinen Vater, dann seine Mutter. Das ist sehr schön, weil es die Menschen auf eine sehr eigene Art charakterisiert. Als ich versucht habe, dasselbe für meine Eltern zu schreiben, habe ich bemerkt, dass es gar nicht so leicht ist, Fakten so auszuwählen, dass daraus ein Bild entsteht, das stimmig ist mit dem Menschen, der nicht mehr da ist. Es ist auf jeden Fall eine intensive Art, sich mit Menschen zu beschäftigen, die fehlen: immer wieder die Fakten zu suchen oder auch zu streichen, um daraus mit Worten eine Person zu zeichnen.
Schon letztes Jahr hatte ich „So sterben wir“ von Roland Schulz angefangen zu lesen – es dann aber wieder aus den Händen gelegt, weil mir der Tod meiner Eltern noch zu nah war. Nun habe ich es noch einmal angefangen – und kann es allen ans Herz legen, egal, ob gerade konkret mit dem Sterben konfrontiert oder nicht. Roland Schulz schreibt über den Tod mit einer Nüchternheit und einer Detailtreue, die uns sehr unmittelbar und schonunglos mit dem Tod konfrontiert. Er erklärt, was die letzten Tage, Wochen ausmacht, in der Zeit, in der das Ende absehbar wird. Was mit unseren Organen geschieht, wie die Ärzt*innen den Tod feststellen, welche Rituale es zur Beerdigung gibt. Man möchte der Wahrheit gerne ausweichen, dass irgendwann wir selbst es sein werden, diese Person, die in dem Buch stets mit „du“ adressiert wird. Genau diese direkte Ansprache macht ein Ausweichen jedoch unmöglich. Ich glaube, dass es ein sehr gutes Gedankenexperiment ist, den eigenen Tod einmal durchzuspielen – um sich dann dem Leben mit Demut wieder zuzuwenden.
‚So sterben wir‘ ist ein furchtbares und ein grandioses Buch. Ich habe es nicht gerne gelesen, bin aber heilfroh, es gelesen zu haben.
Deutschlandfunk Kultur Rezension von Christian Rabhansl, 7.Dezember 2018


Workshop mit dem Salonfestival
Neben dem Lesen hatte ich Anfang des Jahres die Idee, mich auch schreibend mit dem Abschied von meinen Eltern zu beschäftigen und habe mich für einen Schreibworkshop von Salonfestival mit Daniel Schreiber angemeldet.
Es war eine sehr gute Entscheidung. Salonfestival ist eine großartige Initiative, die Claudia Bousset vor zehn Jahren ins Leben gerufen hat. Unter ihrem Dach organisiert das Team Salons, Workshops und weitere Veranstaltungen bundesweit. Ich kann nur sehr empfehlen, einmal durch das Programm zu schauen – und habe große Lust, selbst einen Salon zu organisieren. Dabei unterstützt das Team von Salonfestival. In einem Podcast berichtet Claudia Bousset von ihrem Konzept, ihrer Initiative und ihrem Ansatz:
Die Eventkultur hat ausgedient. Salonkultur ist angesagt. Denn: Was diese Gesellschaft sucht und braucht, um die Herausforderungen von Transformation endlich anzupacken, sind nicht die anonymen Massenveranstaltungen, sondern inspirierende Kreise, in denen auf Augenhöhe Kultur erlebt, Zeitgeschehen gesprochen und Zukunft gestaltet wird. Das passiert im Salon.
Claudia Bousset, im Podcast The Pioneer
Ich erlebe das genauso und finde die größte Inspiration in der Begegnung mit Menschen bei Veranstaltungen, bei denen Austausch zum Konzept gehört.
Der Workshop mit Daniel Schreiber ist ein Angebot von Salonfestival, konzipiert für alle, die sich mit dem Schreiben auseinandersetzen wollen, die erste Ideen und Ansätze mitbringen und Austausch und Feedback suchen. Ich war beeindruckt, wie sicher und klar er schon in der ersten Runde die eigentlichen Themen identifiziert hat, die sich oftmals erst unter der Oberfläche der mitgebrachten Texte offenbaren. Und wie gut Daniel uns angeleitet hat, tiefer zu graben, um die eigentlichen Themen selbst zu entdecken.
Sein besonderes Augenmerk liegt darauf, Kraft zum Schreiben zu schenken und dabei den Weitblick auf persönliches oder autobiografisches Erzählen zu fördern. Darauf, die immer präsenten Fallstricke der Angst, sich zu zeigen, zu vermeiden, und dabei dennoch nicht in eine Nabelschau zu verfallen. Und immer wieder darauf, Fragen stellen zu lernen, die wir uns selbst und als Gesellschaft häufig nicht zu stellen trauen. Denn häufig sind das die Fragen, an denen wir uns reiben und auf die wir, ohne es zu merken, eine Antwort suchen.
Workshopbeschreibung Salonfestival
Es waren sehr bereichernde Tage, und auch die Auseinandersetzung mit den Texten der anderen Teilnehmenden hat mich selbst im Schreiben weitergebracht. Die meisten waren sich klar, ihre Texte auch veröffentlichen zu wollen. Für mich stand im Vordergrund, einen Weg zu finden, schreibend bei meinen Eltern zu sein und ihnen damit den Raum zu schaffen, den ich im Alltag bislang nicht hatte finden können. Das ist gelungen, zumindest an dem erfüllenden Wochenende im Niemandsland vor dem Darß.





Claudia Bousset hat ein gutes Gespür für die guten und richtigen Orte für solche Workshops. Das Kranichhotel war wie eine Insel an diesen Tagen, ein wunderbarer Ort, um sich zurückzuziehen. Die Räume sind groß, individuell und offen, die Weite der Landschaft beruhigt. Das Hotel strahlt etwas Unfertiges aus, ohne dass irgendetwas fehlen würde. Regelmäßig residieren hier Künstler*innen, um zum Motiv des Kranichs zu arbeiten. Ihre Arbeiten sind im Kranichmuseum des Hotels zu bewundern.
Wissensbücher
Während ich diese Monatsnotizen schreibe, trudeln hier jeden Tag Sachbücher ein, die ich in den kommenden Wochen begutachten darf. Petra Wiemann, die im wunderbaren Blog „Elementarlesen“ immer wieder über außergewöhnliche Wissensbücher schreibt, hat mich in die Jury des „Wissensbuch des Jahres“ eingeladen. Ich freue mich sehr darauf, in den bald kommenden Wochen des Urlaubs ganz in den Büchern versinken zu dürfen: Was für ein Fest.
Weitere Links
Die Sternstunde Philosophie könnte ich hier eigentlich jeden Monat auflisten. Im Mai oder Juni habe ich das Gespräch von Barbara Bleisch mit Hans Rusinek und Hannah Schragmann über Produktivität in der Arbeitswelt als Podcast gehört, mit so schönen Fragen ob Nichtstun eine Lösung sein kann und ob Arbeit überhaupt singstiftend sein muss. Passend dazu der Podcast von Brand eins, in dem sich für mich zunächst überraschend Carsten Maschmeyer für die Vier-Tage-Woche stark macht. Dass er damit allerdings keinen wirklichen Kulturwandel anstrebt, offenbart sich in seiner Antwort auf die letzte Frage, ob er sich auch für sich selbst eine Vier-Tage-Woche vorstellen könne. Für Führungskräfte und Gründer komme das nicht in Frage, argumentiert er – sie müssten Vorbilder sein und die „Kultur sicherstellen“. Also doch nur Strategie, um Arbeitskräfte bei Laune zu halten.