#metoo — von Anfang an viel mehr als eine „digitale Bewegung“

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Unter dem Hashtag #metoo offenbaren seit einer Woche Tausende Frauen und auch einzelne Männer weltweit ihre persönlichen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Es gibt seit Tagen eine intensive Diskussion darüber — online wie in klassischen Medien.  Gute, differenzierte Beiträge sind zu lesen, erste auch von einzelnen Männern, die sich in der Verantwortung sehen. Freitagabend erschien der Print-SPIEGEL mit #metoo als Aufhänger für die Titelgeschichte. Ein gutes Zeichen dafür, welche Dimensionen die Debatte —  ausgelöst durch den Bericht über sexuelle Übergriffe des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein in der New York Times und den darauf folgenden Aufruf der Schauspielerin Alyssa Milano über Twitter — inzwischen erreicht hat. Es irritiert deshalb, wenn es im SPIEGEL nun heißt, die Debatte müsse erst das Digitale verlassen, um als Diskussion zwischen Männern und Frauen fortgesetzt zu werden:

„Es ist des­halb wich­tig, dass die Be­we­gung das Di­gi­ta­le ver­lässt und als De­bat­te zwi­schen Män­nern und Frau­en, An­ge­stell­ten und Vor­ge­setz­ten, Freun­den und Be­kann­ten fort­ge­setzt wird. Dass sie aus den in­tel­lek­tu­el­len Zir­keln auch zu de­nen vor­dringt, die täg­lich Se­xis­mus er­le­ben, ohne abends die Wor­te zu fin­den, ih­ren Miss­brauch auf Face­book zu tei­len.

Genau, was der SPIEGEL hier fordert, ist längst passiert. Es sind nicht nur „Intellektuelle“, die ihre Erfahrungen teilen und darüber diskutieren. Das lässt sich ganz einfach nachprüfen, wenn man dem Hashtag und die darunter veröffentlichten Postings einmal beobachtet. Es ist auch verharmlosend, das Ganze als „digitale Bewegung“ zu bezeichnen, denn das, worüber die Frauen berichten, hat sich ja nicht nur Netz, sondern vor allem im realen Leben abgespielt. Auch der Aufruf entstand nicht nur im Internet — der Tweet hatte eine Vorgeschichte und die wurde von einem klassischen Printmedium aufgedeckt. Die Diskussionen finden längst online wie offline statt, weil sich das im Leben der meisten Menschen gar nicht mehr so klar in die eine oder andere Sphäre trennen lässt. Es diskutieren viele Frauen und sicher noch viel zu wenige Männer. Es sprechen Prominente, Angestellte und Politikerinnen, und sie äußern sich dort, wo sie mit Menschen sonst auch diskutieren, im Netz wie zuhause oder in der Kneipe. Die Debatte muss — wenn überhaupt irgendwohin — noch mehr in die Kreise gebracht werden, die sie für überflüssig halten. Wenn die Titelgeschichte des SPIEGEL-Magazins dazu beitragen kann, und das glaube ich durchaus — umso besser.

Der SPIEGEL reduziert #metoo auf den reinen Hashtag, wenn die AutorInnen behaupten, eine differenzierte Debatte könne „die digitale Bewegung nicht leisten“:

„Das, was die di­gi­ta­le Be­we­gung nicht leis­ten kann, muss der ge­sell­schaft­li­che Dis­kurs er­rei­chen: dif­fe­ren­zie­ren. Zwi­schen Ver­hal­ten, das nicht geht, weil es straf­bar ist – und Ver­hal­ten, das der oder die eine als noch ak­zep­ta­bel emp­fin­det, der oder die an­de­re aber nicht.“

Es ist fraglich, warum hier unterschieden wird zwischen „der digitalen Bewegung“ und gesellschaftlichem Diskurs: Was anderes soll es denn sein, was da in den letzten Tagen stattgefunden hat, wenn nicht ein gesellschaftlicher Diskurs? Und warum sollte es im Rahmen der digitalen Bewegung nicht möglich sein, zu differenzieren?

Die Grundaussage der SPIEGEL–Titelgeschichte ist natürlich richtig: #metoo muss mehr sein als eine digitale Bewegung unter Intellektuellen. Es ist eine breite gesellschaftliche Debatte notwendig, die Konsequenzen müssen weitreichend sein.

Es ist ein Verdienst der vielen Frauen, die den Mut haben, ihre Erfahrungen im Netz zu teilen, dass diese Debatte jetzt schon viel breiter stattfindet, online, medial, in der Politik, im Kreis unter Freunden und hoffentlich auch mehr und mehr am Arbeitsplatz. Und es ist ein Verdienst der Hashtag-Kampagne #metoo, dass diese Debatte unausweichlich geworden ist, denn nur im Netz konnte diese unfassbare Menge an Grenzüberschreitungen und das Ausmaß sexualisierter Gewalt sichtbar gemacht werden.

Wenn erste jetzt zweifeln, dass die Debatte etwas verändern wird, und behaupten, schon die #Aufschrei-Kampagne sei folgenlos gewesen, sollte man Laura Himmelreich hören. Sie hatte 2013 mit ihrem Bericht im Stern die initiale Geschichte einer Grenzüberschreitung erzählt:

„Damals wurde immer wieder über die Grundsatzfrage diskutiert: Gibt es Sexismus in Deutschland?“, sagt Himmelreich. „Das fragt jetzt niemand mehr.“  (Spiegel-online, 20.10.2017)

Die aktuellen Debatte unter dem Hashtag „#MeToo“ kann darauf aufbauen. Sie ist ein weiterer wichtiger Schritt und hat das Potenzial, breite Bevölkerungsschichten nachhaltig zu erreichen, Veränderungen anzustoßen. Statt auf die überflüssige Unterscheidung zwischen den analogen und digitalen Anteilen der Bewegung zu pochen, sollten wir überlegen, wie wir dieses Potenzial gemeinsam am besten nutzen könnten.

Podcastkritik: Die Scheindebatten des Sascha Lobo

„Ich, ich, ich, ich…schon nach dem vierten Mal ein sinnloses Wort.“
Lars Gustafson,Tod eines Bienenzüchters

Schon bei den ersten Folgen des vor einigen Wochen von SPIEGEL Online gestarteten Podcasts von und mit Sascha Lobo schoss mir beim Zuhören immer wieder dieses Zitat durch den Kopf. Es sollte nicht verwundern, dass bei einem Audio-Angebot, das so stark auf diese Person fokussiert, auch die Ansichten, die Persönlichkeit und die Thesen des Autors im Vordergrund stehen. Er setzt sich in dem Podcast mit ausgewählten Kommentaren zu seiner Kolumne „Mensch-Maschine“ auseinander. Grundsätzlich ist das nicht uninteressant, immer wieder erhellend, und man kann ja viel lernen, wenn man Sascha Lobo beim Denken zuhört. Aber das alles soll doch mehr sein und präsentiert sich eben auch als „der Debattenpodcast“.

Sascha_Lobo

Was der Podcast mit dieser Selbstbeschreibung verfolgt, dafür ist die aktuelle sechste Folge vom 1. September sehr aufschlussreich. Man erkennt darin besonders gut, warum das Angebot seinem eigenen Anspruch nicht gerecht werden kann. Sascha Lobo reflektiert eingangs seine eigene Konzeption, kündigt an, das Angebot weiterentwickeln und „das richtige Format zu finden“ zu wollen. Er möchte „Debatten zeigen oder in Gang bringen“ und reagiert damit auch auf Kritik: In einem Kommentar bei iTunes hatte man ihn gefragt, ob er denn nun aufklären oder nur seine eigenen Thesen verteidigen wolle. Doch Rechthaberei oder Verteidigung seiner Positionen – das sei eines Debattencasts nicht würdig, so Lobo. Für sein Gegenprogramm zitiert er den Philosophen und Hermeneutiker Hans-Georg Gadamer aus einem SPIEGEL-Gespräch von 2000:

„Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte“.

Der Satz ist gerade wieder in vieler Munde und begegnet mir hier schon zum zweiten Mal in dem Kontext einer neuen Streitkultur für die Medien. Gadamer formuliert einen hehren Anspruch, und ich glaube aus zwei Gründen, dass Sascha Lobo daran mit diesem Podcast scheitern muss.

1. Unangemessene Kategorien

Wer Kommentare einleitend mit „das ist falsch“, oder „das ist sachlich falsch“ bewertet, kann sich danach nur noch schwer darauf einlassen, dass der andere Recht haben könnte. Sascha Lobo nutzt diese Kategorien immer wieder. Sein Zugeständnis an den oder die andere reicht nur so weit, dass er einräumt, seinen Standpunkt nicht hinreichend ausgeführt oder nicht verständlich genug ausgedrückt zu haben. Was Gadamer aber einfordert, reicht viel weiter. Es geht darum, den eigenen Standpunkt zu verlassen und sich konsequent in die Sichtweise des Gesprächspartners hineinzudenken. Ein solches Rollenspiel führt im besten Fall zum Erkenntnisgewinn, erfordert aber zunächst, sich auch von seinen eigenen Denkschemata zu lösen.

„Ein Gespräch führen heißt, sich unter die Führung der Sache stellen, auf die die Gesprächspartner gerichtet sind. Ein Gespräch führen verlangt, den anderen nicht niederzuargumentieren, sondern im Gegenteil das sachliche Gewicht der anderen Meinung wirklich zu erwägen. (…) Wer die ‚Kunst‘ des Fragens besitzt, ist einer, der sich gegen das Niedergehaltenwerden des Fragens durch die herrschende Meinung zu erwehren weiß. Wer diese Kunst besitzt, wird selber nach allem suchen, was für eine Meinung spricht. Dialektik besteht darin, dass man das Gesagte nicht in seiner Schwäche zu treffen versucht, sondern es erst selbst zu seiner wahren Stärke bringt.“
H.-G. Gadamer (1960), Wahrheit und Methode. Bd. 1, 6. Aufl., Tübingen 1990, S. 373

Genau das aber ist das Ding von Sascha Lobo nicht. Viel zu sehr kreist er um sich als Person, erklärt, wie er arbeitet, zu seinen Ansichten kommt, was er früher schon einmal geschrieben hat, wie er denkt: „Ich, ich, ich, ich“.

2. Ein Gespräch mit ungleichen Voraussetzungen

Ein Gespräch setzt – neben dem hohen Anspruch Gadamers – wohl zunächst auch voraus, dass der andere antworten kann. Das aber ist nicht das Konzept dieses Podcasts, und deshalb halte ich es für vermessen, ihn als „Debattenpodcast“ zu bezeichnen. Die Kommentatoren werden hier auseinandergenommen, interpretiert, teilweise sogar in ihrer vermeintlichen Psyche analysiert – antworten können sie nicht. Wir wissen, wenn wir diesen Podcast gehört haben, sehr viel über die Entstehungsgeschichte der Kolumne und die Gedankenwelt eines Sascha Lobo. Was wir (und auch Lobo) nicht wissen: Wer ist die Person, die sich hinter den Kürzeln der zitierten Kommentare verbirgt? Wie ist ihr Text entstanden, war er wohlüberlegt, strategisch durchdacht oder hat er/ sie einfach impulsiv in die Tasten gehauen? Nur wir als Hörer*innen erfahren übrigens auch nicht: Warum hat die Redaktion (oder Sascha Lobo selbst, das bleibt widersprüchlich) diesen und keinen anderen der vielen Kommentare ausgewählt?

Was hier als Debattenpodcast daherkommt, ist nur ein erweiterter Monolog des Sascha Lobo. Das ist symptomatisch dafür, wie einige Medien mit der gerade stark gehypten Publikumsbeteiligung umgehen. Man gibt vor, Leser, Zuschauerinnen und die Hörerschaft einbinden zu wollen – ein wirkliches Interesse oder auch Vertrauen in ihre Beiträge aber gibt es nicht. Sie bleiben leider immer wieder nur Stichwortgeber, um eine Diskussion anzufachen. Eine Diskussion, die hier Sascha Lobo doch wieder alleine führt. Ein echtes Gespräch zu produzieren, wäre sicherlich komplexer. Es würde voraussetzen, dass der Autor seine Gesprächspartner*innen näher an sich heranließe und sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzte. Es wäre aufwändiger, dafür aber bestimmt bereichernder und ehrlicher als diese Scheindebatten. 

Warum der #marchforscience politisch ist – und warum ich mitgehe

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Morgen werden in Deutschland und weltweit Menschen auf die Straße gehen, um beim #marchforscience für die Wissenschaft zu demonstrieren. Sie folgen damit einem Aufruf aus den USA am „Earth Day“ gegen die antiwissenschaftliche Haltung Trumps zu protestieren – in Anlehnung an den Women’s march Anfang des Jahres.

Die Bewegung in Deutschland hat nicht nur viele Anhänger gefunden, sondern hat auch Kritik provoziert. Manche halten den March für reinen Aktionismus, andere bezweifeln, dass die Demonstrationen eine breite Öffentlichkeit erreichen könnten. Eine ganz grundsätzliche lautet, Wissenschaft dürfe nicht politisch sein.

Ich gehe genau deshalb mit, weil ich überzeugt bin, in diesen Tagen muss Wissenschaft politisch sein. Nicht parteipolitisch und auch nicht politisch in dem Sinn, dass Wissenschaftler*innen aus wissenschaftlichen Ergebnissen konkrete politische Forderungen ableiten sollten. Das ist nicht ihre Aufgabe. Aber die Wissenschaft muss politisch werden, wenn es um ihre eigene Existenz geht:

  • Wenn Menschen ihr die Daseinsberechtigung absprechen, gesicherte Erkenntnisse ignorieren, um ihre persönlichen Meinungen durch so genannte „alternative Fakten“ zu untermauern.
  • Wenn durch ungesicherte Arbeitsverhältnisse die Qualität der wissenschaftlichen Forschung gefährdet ist.
  • Wenn durch die Benachteiligung von Wissenschaftlerinnen wichtige Sichtweisen strukturell ausgeklammert werden und Frauen diskriminiert werden.
  • Wenn durch politische Einschränkungen der internationale Austausch gefährdet ist und Menschen wegen ihrer Herkunft nur eingeschränkt oder gar nicht wissenschaftlich arbeiten dürfen.

Viele sehen nicht, dass es bei den insgesamt 22 lokalen Aktionen in Deutschland um mehr geht, als „gegen Trump“ zu sein – die Zielformulierungen zum Beispiel in Hamburg zeigen das klar.

Es ist nicht alles im Guten in der Wissenschaft – aber es ist sehr gut und wichtig, dass es sie gibt. Wir als demokratische Gesellschaft profitieren davon. Dafür lohnt es sich, auf die Straße zu gehen, und zwar nicht nur für Wissenschaftler*innen. Am Samstag sind wir explizit alle aufgerufen, dabei zu sein.

Lesenswert:

Hörenswert:

hr2 Kultur: March For Science. Wenn Wissenschaft politisch wird.

Resonator – der Podcast der Helmholtz-Gesellschaft: RES105 March for Science.

 

 

 

Vom ratlosen und vom gleichgültigen Shruggie

Dirk von Gehlen hat heute auf der Direttissima-Konferenz eine Keynote zum so genannten Shruggie-Prinzip vorgestellt, das für ihn die (angemessene) digitale Lebenshaltung visualisiert. Der Shruggie ist ein Emoji, das eine Art Schulterzucken symbolisiert – die Handteller seitwärts im fast rechten Winkel nach oben gestreckt, dazu ein Lächeln: „Ich weiß es doch auch nicht“.

\_(ツ)_/¯

Der Shruggie steht für eine produktive Ratlosigkeit, deren Eingeständnis uns davor schützt, alles sofort zu bewerten, eine Meinung zu haben.

  • fröhlich
  • ratlos
  • gelassen
  • digital

sind die Eckpfeiler dieses Lebensgefühls, wie Dirk es beschreibt. „Social Media Gelassenheit“ nennt er es in einem anderen Beitrag – und ich bin fest davon überzeugt, dass es einige der aktuellen Diskussionen bereichern würde, würde sich diese Gelassenheit  durchsetzen.

Ratlos oder gleichgültig?

Ich mag diesen ratlosen Shruggie auch, aber irgendetwas an ihm hat mich von Anfang an irritiert. Als ich heute die Folien des Vortrags gesehen habe, wurde mir klar, was das war. Schulterzucken steht eben nicht nur für Ratlosigkeit, sondern auch für Gleichgültigkeit. Beides liegt nahe beieinander: Das „Ich-weiß-es doch-auch-nicht“ lässt sich auch interpretieren als ein „Ist-mir-doch-egal“.

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Die Nuance ist bedeutend. In Gesprächen mit Menschen, die unserer digitalen Gegenwart und Zukunft eher kritisch, ängstlich bis ablehnend gegenüberstehen, ist der Unterschied zu spüren. Diskussionen über die Chancen des digitalen Wandels bewerten sie immer wieder als Gleichgültigkeit gegenüber denen, die davon erst einmal negativ betroffen scheinen: Künstler*innen, die merken, dass ihnen ihr Geschäftsmodell abhanden kommt, Menschen, die Sorge haben, ihren Job zu verlieren, weil ein Computer sie schon bald ersetzen wird, Eltern, die nicht mehr verstehen, in welchen digitalen Welten sich ihre Kinder bewegen. Wir haben ja noch nicht wirklich befriedigende Antworten auf die Fragen, die sie bewegen.

Man kann diesen Besorgten sagen, dass Ängste sie nicht weiter bringen, man kann aber auch fragen, was dahinter steckt. Es ist vielleicht die Befürchtung, dass im Prozess der digitalen Disruption auch Werte flöten gehen, für die viele in unserer Gesellschaft sich stark machen. Zum Beispiel: Solidarität. Die Verantwortung eines Arbeitgebers für seine Angestellten. Die Wertschätzung von Kunst und Kultur und der Menschen, die sie schaffen. Das Recht auf Privatsphäre.

Wie wir leben wollen

Ich glaube, dass wir  noch viel intensiver diskutieren könnten, „wie wir leben wollen“, welche Werte wir bewahren möchten, welche neuen Regeln es braucht, um sie in ein digitales Zeitalter zu transformieren. Dafür ist der Blick „in den Rückspiegel“ dann schon einmal sinnvoll, um weiter nach vorne fahren zu können.

In diesem Prozess identifiziere ich mich selbst allerdings auch wieder eher mit dem ratlosen Shruggie. Ich habe die Lösungen noch nicht vor Augen. Bin nicht nur fröhlich, aber insgesamt verhalten optimistisch. Ich glaube, dass wir mit der Zeit welche finden werden. Weil wir sie brauchen.

Und hier gibt es die Folien des Vortrags von Dirk von Gehlen, die Ausgang für diese Überlegungen waren. Hier ein kurzes Interview dazu.

Geht ja doch: Das Buch über Vereinbarkeit

Wieder hat eine Journalistin das Thema „Kinder und Karriere“ angepackt. Und das ist gut so.

cover.groll_Irgendwann im letzten Jahr ist mir die Lust am Diskutieren über Vereinbarkeit abhanden gekommen. Ausgelöst durch zwei Bücher ging es neben der grundsätzlichen Debatte vor allem um die Frage, ob Kinder und Karriere sich nicht grundsätzlich ausschließen. Nach einer Zeit hat es mich angestrengt, dass da viel Klage, viel persönliche Betroffenheit zu hören war, aber aufrichtige Bemühungen, Lösungen zu entwickeln, zu kurz kamen – wie ich fand. „Vorbilder finde ich doof“ sagte Andrea Nahles bezeichnenderweise in einer Runde, in der es um das Buch zweier Väter ging. Sie wollte sich lieber darüber amüsieren, wie sehr sie sich persönlich in den Klagen der beiden ZEIT-Journalisten Marc Brost und Heinrich Wefing wiedererkannt hatte.

Neuer Anlauf für das Dauerbrenner-Thema

Nun hat Tina Groll, die ebenfalls bei der ZEIT für das Online-Ressort Karriere zuständig ist, das Dauerbrenner-Thema erneut aufgegriffen und ein Fragezeichen hinter die These über die Vereinbarkeitslüge gesetzt. „Kinder + Karriere = Konflikt? Denkanstöße für eine deutsche Debatte“ heißt ihr neues Buch. Mit diesem Titel und als Frau wird sie es ungleich schwerer haben als ihre beiden männlichen Kollegen, in der breiten Öffentlichkeit Gehör zu finden – was sehr schade ist und auch ärgerlich.

„Warum noch ein Vereinbarkeitsbuch?“ heißt ihr erstes Kapitel – genau die Frage hat mich neugierig gemacht. Tina Groll geht von einer Prämisse aus, die ich uneingeschränkt teile: Frauen und Männern muss es möglich sein, beides zu leben: Kind und Beruf. Wenn das nicht geht, dann hat nicht der Plan einen Fehler, sondern die Gesellschaft, die ihn unmöglich macht.
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„Ich  schreibe dieses Buch, weil ich mich nicht damit abfinden möchte, dass Erfolg im Beruf und Familienglück gleichzeitig nicht möglich sind.“ (Tina Groll)

 

Zahlen und Fakten zeigen den Fehler im System

Die Autorin hat gefühlt noch mehr Studien und Zahlen recherchiert als ihre Kollegen (sie zitiert das Buch von Britta Sembach und Susanne Garsoffky: „Die Alles-ist-möglich-Lüge“), um zu zeigen, wo diese Fehler im System wirken: Wir sind weit entfernt von einer Geschlechtergerechtigkeit. Frauen verdienen weniger als ihre männlichen Kollegen, arbeiten als Mütter häufiger in Teilzeit und kommen aus der Nummer schlecht wieder heraus, wenn die Kinder größer sind. Männer, die wollen, haben es bis heute schwer, sich für ihre Kinder zu engagieren und im Beruf zurückzutreten. Viele Unternehmen machen es Eltern unmöglich, Kinder und Karriere zu vereinbaren.

Aber es tut sich was: Immer mehr Arbeitgeber entwickeln familienfreundliche Angebote, die Politik hat neben nach dem Elterngeld nun das Elterngeld plus durchgesetzt, immer mehr Männer wollen ihre Frauen mit Kindern und Haushalt nicht mehr alleine lassen. Das alles untermauern die Zahlen im Buch, das man gut als aktuelles Nachschlagewerk zum Thema empfehlen könnte, wenn dieses ganze Material etwas übersichtlicher als im Fließtext präsentiert würde.

Geht nämlich doch

Viel interessanter und wofür ich das Buch wirklich sehr mag, ist der entschiedene Wille von Tina Groll, etwas zu verändern. Sie belässt es nicht dabei, Missstände zu benennen, sondern zitiert Beispiele aus anderen Ländern, in denen einige Dinge besser klappen. Und sie macht vor allem in den sehr aufschlussreichen Interviews mit Eltern und Experten deutlich, was passieren muss, damit Väter und Mütter zugleich als erfüllte Eltern und beruflich erfolgreich leben können. Das geht nämlich unter bestimmten Umständen doch, wie die konkreten und persönlichen Berichte der Frauen und auch Männer zeigen. Das lesenswerte Interview mit der Burnout-Expertin Karola Kleinschmidt ist auch bei zeit-online erschienen.

Alleine wegen der Gespräche lohnt sich das Buch. Neben Carola Kleinschmidt, die berichtet, warum beim zweiten Kind in puncto Vereinbarkeit wirklich alles besser lief, schildert zum Beispiel die Rechtsanwältin Nina Diercks, wie sie es gemeinsam mit ihrem Mann schafft, Kindern und Beruf in ihrem gemeinsamen Leben einen gleichwertigen Platz einzuräumen. Stark beeindruckt hat mich die Geschichte der Journalistin Mareice Kaiser, deren erstes Kind seit der Geburt mehrfach behindert war und die auch dann wieder gearbeitet hat, als noch ein zweites Kind kam – entgegen aller Widerstände.

In den Interviews wird deutlich, unter welchen Umständen es Frauen und Männern heute gelingt, Familie und Beruf nach eigenen Vorstellungen zu vereinbaren. Sehr individuelle Faktoren spielen da eine Rolle, ein wichtiger davon ist der finanzielle Hintergrund der Paare. Tina Groll betont, dass die Debatte über Vereinbarkeit eher eine Mittelschichtsdebatte sei und umfassender geführt werden müsste – was ihr allerdings selbst auf 255 Seiten auch noch nicht wirklich gelingt.

Sich engagieren statt zu lamentieren

„Doch die Klage darüber löst das Problem nicht. Es scheint, als warte jeder darauf, dass eine höhere Instanz daherkommt und Arbeit oder Aufgaben an einer Stelle wegnimmt.“ (Tina Groll)

Tina Groll hat eine Vision – und auch recht konkrete Vorstellungen, wie die zu verwirklichen ist. Sie schlägt vor, sich wieder auf die Idee der Gewerkschaften zurückzubesinnen, eine Arbeitnehmervertretung zu gründen oder zu unterstützen, die sich für familienfreundliche Angebote einsetzt. Sie erinnert an die erfolgreichen Kampagnen der Vergangenheit, zum Beispiel die für die 5-Tage Woche: „Samstags gehört Vati mir“. Sie appelliert an den Gemeinschaftssinn, weil das Thema Vereinbarkeit nicht nur ein Thema für Eltern sei , sondern eines, für das sich die Gesellschaft stark machen sollte – im eigenen Interesse auch diejenigen, die keine Kinder haben. Und sie bleibt bei all ihren Ideen und Forderungen angenehm sachlich und macht immer wieder klar, wie ihr persönlicher Standpunkt aussieht.

Mich hat sie mit ihrem Buch durchaus etwas angepiekst. Vielleicht haben auch oder sogar gerade die Eltern, die Beruf und Karriere gut vereinbaren können, Mit-Verantwortung, dafür zu sorgen, dass ihre Erfahrung kein Ausnahmefall bleibt.

Schön auch, dass Tina Groll am Ende die wortreiche Debatte auf drei Gesetzesmäßigkeiten konzentriert, die sie Männern und Frauen an die Hand gibt und die man bei weiteren Diskussionen sowie auch bei der persönlichen Lebensplanung immer im Hinterkopf behalten sollte. Sie treffen das Thema Vereinbarkeit besser als viele lange Abhandlungen:

  1. „Der Interessensgegensatz von zeitlicher Beanspruchung als Arbeitnehmer und zeitlicher Beanspruchung als Eltern bleibt unlösbar.“
  2. „Wie bei jedem Interessensgegensatz muss die Balance immer wieder neu ausverhandelt werden.“
  3. „Der zentrale, selbst zu beeinflussende Schlüssel für eine Lösung ist die persönliche Partnerwahl. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nur im Team, in einer gleichberechtigten Partnerschaft zu schaffen.“

Tina Groll: Kinder und Karriere = Konflikt? Denkanstöße für eine deutsche Debatte. Stark Verlagsgesellschaft 2016.

Im Blog der Autorin „die Chefin“ kann man das Gespräch mit der Rechtsanwältin Nina Diercks über ihre Erfahrungen mit einer „gleichberechtigten Doppel-Karriere-Partnerschaft“ nachlesen – der Praxisteil zur zweiten und dritten, oben genannten Gesetzesmäßigkeit.

Ein weiteres Interview aus dem Buch, das Gespräch mit Ralf Wetters, Personalverantwortlicher in einer mittelständischen Unternehmensgruppe, findet sich im WiWo-Blog von Claudia Tödtmann.

Auch im Blog Karrierebibel wird das Buch mit einem Auszug – dem Interview mit Coach und Aktivist Volker Bausch – vorgestellt.

 

Gedanken zu Hausaufgaben

Hausaufgaben_BuchEnde letzten Jahres hat der Bildungsjournalist Armin Himmelrath sein Buch „Hausaufgaben – Nein danke!“ veröffentlicht. Es hat eine in Medien und Fachkreisen recht intensive Debatte über die Berechtigung von Hausaufgaben ausgelöst, die  Himmelrath in seiner regelmäßigen Rückschau „Bildungswoche“ am vergangenen Freitag zusammengefasst hat. Ich habe gerade beruflich mit dem Thema zu tun und auch bei der Wahl der weiterführenden Schule für unseren Sohn kam es auf den Tisch, als sich eine der Einrichtungen mit dem Konzept „ohne Hausaufgaben“ präsentierte.

Über welche Form von Hausaufgaben reden wir?

Grundsätzlich gehöre ich  zu denen, die Hausaufgaben in der real existierenden Form kritisch sehen und eher abschaffen wollen. Aber ich finde, man könnte es noch differenzierter diskutieren: Über welche Schulform sprechen wir, geht es um die reine Vormittags- oder Ganztagsschule? Und wie sehen eigentlich die Hausaufgaben aus, über die hier gestritten wird?

In der Ganztagsschule verbringen Kinder in der Regel bis zu acht Stunden am Tag. In Hamburg sieht so der Alltag eines stetig wachsenden Teils aller Schüler*innen aus – der Ausbau der Ganztagsschule ist das erklärte Ziel der Stadt gewesen und bereits nahezu flächendeckend umgesetzt. Immer mehr Schüler*innen erledigen ihre „Hausaufgaben“ also in der Schule. Ob das sinnig ist, wirklich klappt und Erfolg hat, hängt stark von den Rahmenbedingungen ab: Gibt es genug Ruhe, haben sie eine/n Ansprechpartner/in, wenn sie nicht weiterkommen? Sind die Aufgaben so konzipiert, dass sie in dieser Zeit auch zu schaffen sind? Viele Ganztagsschulen bieten diese Rahmenbedingungen offensichtlich nicht – wenn die Kinder dann nachmittags nach Hause kommen und das erledigen müssen, was sie in der Schule nicht geschafft haben, bleibt zu wenig Zeit für das, was sie genauso brauchen: Abhängen, Zeit für Verabredungen, Hobbys und Spaß.

Alternativen zu den klassischen Hausaufgaben

Eine der Schulen, die wir uns für unseren Sohn angesehen haben, arbeitet mit einem Konzept, das mich in der Theorie erst mal überzeugt hat: Die Schüler*innen lernen in der ersten Stunde des Tages eigenverantwortlich. Sie haben einen individuellen Lernplan, der mit den Lehrkräften abgestimmt wird. In Absprache mit den Lehrer*innen wird entschieden, ob die Aufgaben alleine im „Silentium“ oder im“Tandem“ mit einem/einer anderen Schüler/in erledigt werden, oder ob noch Unterstützung ansteht, das so genannte „Coaching“. Aufgaben werden also individuell gestellt und umgesetzt. Vokabeln lernen müssen die Jungen und Mädchen dieser Schule auch zuhause, ebenso wie sie sich auf Klassenarbeiten vorbereiten. Mehr aber nicht. Es ist nicht die einzige Schule, die die „Hausaufgaben“ in dieser Form gestaltet. Mit dem, was man in der klassischen Vorstellung damit verbindet, haben sie allerdings nicht mehr viel zu tun.

Individualisiertes Lernen kommt zu kurz

Ein wichtiger Aspekt, den diese Schule berücksichtigt, ist neben dem eigenverantwortlichen Lernen das individuelle Tempo. Das klassische Konzept der Hausaufgaben ignoriert dieses: Alle erhalten die gleichen Aufgaben, die, die den Lernstoff in der Schule schon kapiert haben, müssen nachmittags noch mal ran. Und wer schon in der Schule damit überfordert war, muss hoffen, dass zuhause jemanden da ist, der oder die hilft. Chancenungleichheiten werden damit verstärkt, das wird in der Debatte immer wieder hervorgehoben – und es ist ein sehr wichtiges Argument, nicht erst, seit immer mehr Kinder in den Schulen lernen, die mit ihren Eltern nach Deutschland geflüchtet sind. Während der Unterricht mehr und mehr differenziert gestaltet wird und unterschiedliche Lernvoraussetzungen sowie Lernstände der Schüler*innen berücksichtigt, ist das Konzept der klassischen Hausaufgaben darauf nicht ausgerichtet.

Work-Life-Balance auch für Schüler*innen

Hausaufgaben in die Schule zu verlagern hat für mich einen weiteren großen Vorteil: Schule und Freizeit lassen sich klarer trennen, genau das also, was wir Erwachsenen uns wünschen, wenn wir die „Work-Life-Balance“ fordern. Gerade weil die in der Realität immer schwieriger umzusetzen ist, halte ich es für besonders wichtig, dass Kinder sie von Anfang an lernen – und schätzen. Und da muss man sich nur die vielen guten Ratschläge durchlesen, die man den Arbeitnehmer*innen gibt: Keine Arbeit mit nach Hause nehmen, E-Mails ausschalten, Schreibtisch raus aus dem Schlafzimmer. Schüler*innen können das nicht, wenn Eltern abends nach den Hausaufgaben fragen, sie überprüfen wollen oder wenn es Streit gibt, weil sie noch nicht fertig sind.

Informelles Lernen zuhause braucht Zeit

In der Diskussion um das Buch von Armin Himmelrath wurde auch behauptet, Eltern seien zu faul oder zu unfähig, ihre Kinder zu begleiten, oder sie hätten keine Zeit dazu. Ich erlebe viele Eltern, die durchaus mit ihren Kindern lernen möchten. Aber nicht abends nach der Arbeit, am Schreibtisch abgekämpfter Kinder, über Aufgaben, die ihnen die Schule vorschreibt. Sondern lieber beiläufig, in Gesprächen beim Essen: Über das, was im Radio zu hören ist, was in der Zeitung steht, was auf dem Schulhof passiert ist. All das kommt zu kurz, wenn Kinder nach der Schule noch ein Paket unerledigter Aufgaben mit nach Hause bringen, die sie ohne Unterstützung der Eltern nicht bewältigen können. Und wenn diese Aufgaben das Thema beim Abendessen sind. Für das so genannte informelle Lernen bleibt dann zuhause keine Zeit mehr.

Schule kann nicht die Erziehung der Eltern reparieren – und umgekehrt

Wenn die Schule sich zu Recht dagegen wehrt, dass immer mehr dessen, was eigentlich zur Erziehung durch die Eltern gehört, in den Unterricht verlagert werden soll, so ist das richtig. Es muss den Eltern dann aber auch die Zeit bleiben: um gemeinsam mit ihren Kindern zu kochen, zu backen, ein Fahrrad zu reparieren, zu erklären, warum sie sich über die Steuererklärung ärgern und wie man im Internet nach Informationen sucht. All das kommt in vielen Schulen zu kurz und es ist gut und elementar wichtig, wenn Zeit bleibt, sich darüber zu Hause auszutauschen.

Diskussion über Hausaufgaben zielt auf Ganztagsschulen

Man kommt bei der Diskussion über Hausaufgaben nicht darum herum, über den Sinn und die Ausgestaltung der Ganztagsschulen zu diskutieren, sowie die Ressourcen, die sie erfordern. Sie sind meiner Ansicht nach das zeitgemäße Modell von Schule. Wenn es im Rahmen dieser Ganztagsschule aber nicht gelingt, eigenständiges Lernen im Tagesablauf unterzubringen und den Lernstoff in der Zeit zu bearbeiten, in der die Kinder in der Schule sind, so muss am Konzept gearbeitet werden. Das Manko darf nicht über die Freizeit der Kinder ausglichen werden.

Wer sich mit dem Thema intensiver beschäftigen möchte, kann das Buch lesen, die Diskussion zwischen Armin Himmelrath und Christian Füller verfolgen, oder die auf Twitter beim #EDchatDE am Dienstag, 9.2. ab 20 Uhr.

Auch zu empfehlen: sich den Online-Elternabend der Online-Lernplattform scoyo ansehen (Achtung, Werbung: scoyo ist ein Kunde in unserer Agentur): Am Montag, 22. Februar, ab 2o Uhr live oder danach jederzeit die Aufzeichnung, die unter dem Link oben abrufbar sein wird. Einer der Teilnehmer am Abend ist Armin Himmelrath – diskutiert werden soll vor allem darüber, wie Eltern und die Kinder selbst die Hausaufgaben sehen.

Einige Beiträge aus der Debatte: 

Meine Schule ohne Hausaufgaben: Rosa, 11 Jahre, aus Hamburg, berichtet aus dem Schulalltag in einer Stadtteilschule

Wir müssen weg von der Hausaufgaben-Schule – von Nina Giaramita, ein Beitrag mit Diskussion auf dem WDR, mit verschiedenen Experten zum Thema, die sich unter anderem zur Rolle der Eltern (interessant) äußern: „Wenn eine Schule nun entscheidet, Hausaufgaben abzuschaffen, dann bricht bei vielen ein Weltbild zusammen.“

„Hausaufgaben machen die Klugen klüger – und die Dummen dümmer“ – Heike Schmoll berichtet in der FAZ über aktuelle Studien zum Thema Hausaufgaben, die unter anderem zeigen, dass die Unterstützung durch die Eltern mehr schadet als hilft

„Hausaufgaben abschaffen? Gefährlicher Unsinn.“ – Christian Füller mit einer Replik auf die Thesen von Armin Himmelrath in Cicero – ich habe einiges davon allerdings eher als Bestätigung gelesen.

„Hausaufgaben neu erfinden“. ebenfalls Christian Füller, der hier in seinem Blog fragt, wie zeitgemäß der Begriff „Hausaufgaben“ in der Schule 2.0. noch sei (eine Schule, von der wir in der breiten Fläche natürlich in der Praxis noch weit entfernt sind).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach der Flucht ist vor der Trennung

Ali Hassan und sein Neffe Hussam Hamad aus Syrien haben Ende August die Flucht nach Deutschland geschafft. Warum es ihnen bis jetzt noch nicht vergönnt ist, wirklich in Hamburg anzukommen.

Leider ist es nur ja vermutlich nur einer von vielen Fällen, in denen die deutsche Bürokratie in der aktuellen Flüchtlingskrise unglaubliche Geschichten schreibt. Umso wichtiger, sie zu erzählen und die ganze Absurdität im Konkreten zu zeigen.

30.8.2016 Update: Für alle, die die Geschichte von Ali und Husam verfolgt haben – es gibt sehr gute Neuigkeiten. Ende letzter Woche kam die gute Nachricht, dass endlich die Asylanträge der beiden anerkannt sind – nachdem sie nun ein Jahr in Deutschland darauf gewartet haben. Das bringt eine Menge guter Perspektiven, die beste: Es kann ein Antrag auf Familiennachzug gestellt werden. Es gibt durchaus berechtigte Hoffnung, dass Husam seine Mutter in absehbarerer Zeit wiedersehen wird – hier in Deutschland. Es gibt inzwischen viele, die mit ihm diesen Tag herbeisehnen.

5. 3. 2016 Update: Vor etwa zwei Wochen endlich kam der Bescheid: Ali erhält die Vormundschaft für seinen Neffen Husam, eine Trennung ist damit endlich vom Tisch. Was jetzt aber beginnt, ist ein Irrsinnslauf durch diverse Behörden mit vielen Anträgen, damit es überhaupt erst einmal zum Asylverfahren kommt. Zum Glück hat sich inzwischen ein kleines Netzwerk gebildet, das die zwei darin unterstützt, anders wäre es gar nicht machbar. Sie leben noch immer in dem Wohnprojekt. Hussam geht weiter jeden Tag zur Schule und spricht schon erstaunlich gut Deutsch.  Allen ist klar, dass es noch lange dauern wird, bis ein Antrag auf Familiennachzug gestellt werden kann, denn dazu müsste erst mal ein Asylantrag durch sein. Das Asylpaket II trägt nicht zur Beruhigung bei. Die Sorge der beiden um ihre Familie wächst. Die Nachrichten aus Syrien sind beunruhigend – weiterhin.

8. 2. 2016 Update : Noch immer hat sich nichts getan – der „Fall“ liegt weiter beim Amtsgericht, bei Nachfragen werden immer neue Termine in Aussicht gestellt. Natürlich bekommt Ali mit, was gerade im Asylpaket II verhandelt wird. Wie soll man ihm nun noch Zuversicht geben? Was nur kann man Hussam sagen, wenn er nach seiner Mutter fragt?

15. 12. 2015 Update: Große Hoffnungen hatten sich auf den heutigen Tag gerichtet, denn gestern tagte erneut der Eingabeausschuss, der über den Antrag, die beiden in Hamburg zusammen zu lassen, entscheiden könnte. Der Ausschuss aber wartet auf das Amtsgericht, das die Vormundschaft anerkennen soll. Das Amtsgericht hat den Fall offenbar noch nicht bearbeitet.

So lange die Eingabe nicht verhandelt wird, haben Ali und Husam keinen offiziellen Status als Flüchtling, können ihre Familie nicht nachholen, beziehen keine Leistungen und sind auf die Unterstützung anderer angewiesen. Seit August hat Hussam seine Mutter nicht mehr gesehen, die Sorge um sie wächst, er vermisst sie sehr.  Auch Ali verzweifelt langsam daran, seine Frau und seine Schwägerin alleine im Krieg in Syrien zu wissen.

Es ist die Geschichte des 32jährigen Ali Hassan und seines neunjährigen Neffen Husam Hamad. Ende August kamen die beiden aus Syrien nach Deutschland. Registriert wurden sie am 14. September in der Erstaufnahme Asyl/Flüchtlinge in der Harburger Poststraße. Hier erfuhren sie, was geschehen sollte: Die Hamburger Behörden wollten sie trennen. Nach dem aktuellen Quotensystem wiesen die Behörden Ali Hassan Friedland in Niedersachsen zu. Sein Neffe Husam dagegen ist in den Augen der Ausländerbehörde ein unbegleiteter Minderjähriger – mit diesem Status sollte er in Hamburg bleiben.

Ali_Husam

Fotos: NDR Hamburg Journal

Was die Behörde sagt:

„Herr Ali Hassan hat keinen Anspruch auf eine Zuweisung nach Hamburg… Da Husam nicht von einem Erziehungsberechtigten begleitet worden ist, gilt er als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling.“

Eine Abweichung vom Quotensystem und damit die Erlaubnis, dass Ali Hassan in Hamburg bleiben kann, will die Behörde bis heute nicht gewähren.

Hilfe in der Notsituation

Einem engagierten Menschen, Fathi Abu Toboul vom Verein „Deutsch-Jordanische Gesellschaft“, ist es zu verdanken, dass zumindest die Trennung der beiden bis heute verhindert werden konnte. Fathi beriet die beiden und empfahl Ali, die Unterschrift unter dem Asylantrag zunächst zu verweigern. Die NDR-Journalistin Lara Straatmann berichtete über Ali und Hussam im NDR-Hamburg-Journal. Durch den Beitrag wurde eine Hamburgerin auf das Schicksal der beiden aufmerksam, die Onkel und Neffe spontan bei sich zuhause aufnahm. Es war eine Vorsichtsmaßnahme, um sie dem Zugriff der Behörden zu entziehen und damit ihre Trennung zu verhindern. Inzwischen leben die beiden in einem Zimmer in einem Hamburger Wohnprojekt.

Allen Beteiligten war klar, dass das, was die Behörden vorhatten, auf jeden Fall verhindert werden musste: Die beiden durften nicht getrennt werden, auch nicht für einen einzigen Tag.

Fathi sagt:

FAthi

 

Sie haben alles überlebt, sie haben es geschafft, nach Deutschland zu kommen – und jetzt sollen sie hier getrennt werden!

 

Traumatisiert durch Erlebnisse in Syrien

Man muss nicht die ganze Geschichte der beiden kennen, um zu ahnen, was eine Trennung für Hussam bedeuten würde, was sie in ihm anrichten würde. Durch die Flucht aus Syrien und die Erlebnisse in seiner Heimat ist er bereits traumatisiert. Es ist nicht auszudenken, wie er es erleben würde, wenn man ihm seinen Onkel nimmt.

Ali sagt:

Ali

„Ich habe seiner Mutter versprochen, immer auf ihn aufzupassen. Seine Schwestern sind noch in Damaskus. Wir waren wochenlang zu Fuß unterwegs. Deutschland hilft doch den Syrern – warum das? Ich kann ihn doch nicht alleine lassen!

Husams Vater ist vor etwa zwei Jahren bei einem Bombenangriff auf das Flüchtlingslager Jarmuk in Damaskus ums Leben gekommen. Auch sein Onkel Ali lebte dort seit seiner Geburt, seine Eltern waren aus Palästina nach Syrien geflüchtet. Das Lager ist nacheinander von Assads Truppen und dem IS belagert worden, die Süddeutsche schreibt von „der Hölle auf Erden“.

Irgendwann, so berichtet Ali, habe er mit seinem Neffen Jarmuk verlassen, um einkaufen zu gehen. Die Rückkehr war dann plötzlich unmöglich, das Lager war für sie gesperrt.

Ali sagt:

„Es erschien mir in dieser Situation einfacher, nach Deutschland zu fliehen, als die Absperrungen zu überwinden und mit Hussam zurück ins Lager zu kommen.“

Husams Mutter blieb zurück mit seiner kleinen Schwester, die drei Jahre alt ist. Zwei weitere ältere Geschwister von Hussam leben ebenfalls noch dort.

Nach dem NDR-Beitrag und einem weiteren Bericht auf RTL-Nord sah es zunächst so aus, als würden die Behörden Einsicht zeigen. Ali konnte ein beglaubigtes Schreiben von Hussams Mutter vorweisen, die ihm die Vormundschaft überträgt. Es sollte sich nur noch um Tage handeln, so dachte Fathi, dachte die Frau, die sie aufgenommen hatte, dachten die Bewohner des Wohnprojekts, die ein freies Zimmer angeboten hatten, um die restlichen Tage bis zur endgültigen Entscheidung zu überbrücken.

So dachten aber vor allem Ali und Husam. Für sie bedeutet die offizielle Anerkennung als Flüchtlinge alles: Sie brauchen sie, um Papiere zu bekommen, Leistungen beziehen zu können, um offiziell krankenversichert zu sein. Sie brauchen den Flüchtlingsstatus aber vor allem, um einen Antrag stellen zu können auf den Nachzug ihrer Familienangehörigen: Hussams Mutter, seine Geschwister und Alis Ehefrau, die ebenfalls in Jarmuk lebt. Alle sind in dem Lager großen Gefahren ausgesetzt, jeden Tag riskieren sie ihr Leben bei weiteren Angriffen. Husams Mutter ist tief verzweifelt darüber, nach dem Tod ihres Mannes nun auch noch von ihrem Sohn getrennt zu sein.

Quälendes Warten

Inzwischen warten Ali und Husam und die Menschen, die sich hier in Deutschland um sie sorgen, schon über zwei Monate. Tagtäglich fragen sich die beiden und ihre Unterstützer/innen sich, warum nichts passiert. Weder wurden zwei Eingaben an die Bürgerschaft bearbeitet, die Fathi Abu Toboul und eine der Hamburger Wohnungsgeberinnen verfasst hatten. Noch gab es Rückmeldungen zu den Anträgen auf Krankenkassen- und Sozialleistungen. 

Erste Schritte zur Integration

Das einzige, was in Hamburg funktioniert: Husam geht seit Mitte Oktober in eine Aufnahmeklasse an einer Grundschule. Er macht sehr gute Fortschritte in Deutsch, seine Lehrerin ist begeistert von ihm und will sich ebenfalls dafür stark machen, dass er mit seinem Onkel in der Stadt bleiben kann. Husam spielt Schach und Karten mit den Kindern, die in dem Haus wohnen, in dem er nun seit Wochen mit seinem Onkel lebt. An Halloween ist er verkleidet mit ihnen durchs Viertel gezogen. Die Bewohner sorgen gemeinsam dafür, dass die beiden das bekommen, was sie zum Leben brauchen, dass sie gesundheitlich versorgt werden. Ali Hassan litt wochenlang unter heftigem Zahnschmerzen. Ohne irgendeinen Nachweis in der Hand war es ein großer Aufwand, einen Arzt zu finden, der ihn behandeln wollte.

Gemeinsam mit Fathi und der ersten Wohnungsgeberin bündeln nun die Unterstützer/innen aus dem Wohnprojekt ihre Kräfte dafür, dass Ali und Husam endlich offiziell in Hamburg leben dürfen – zusammen. Alle Beteiligten sehen, wie belastend die Situation für die beiden ist, wie sehr vor allem Ali das Warten lähmt und er immer mehr daran verzweifelt, nichts unternehmen zu können.

Ali sagt:

„Ich bin mein ganzes Leben lang ein Flüchtling gewesen. Hier fühle ich mich wie ein Flüchtling zweiter Klasse. Jeden Tag, an dem ich wach werde, hoffe ich, dass er bald vorbei geht – bis endlich etwas geschieht. Die Zeit läuft und nichts ändert sich für uns. Es ist so gut, dass wir hier aufgenommen wurden und Hilfe erhalten, aber warum ist das notwendig? Warum dürfen wir hier nicht leben wie alle anderen Flüchtlinge auch?“

Husam sagt:

Husam2

„Ich fühle mich sicher hier, ich gehe zur Schule, ich habe sogar schon Freunde gefunden. Aber ich vermisse meine Mutter und Geschwister sehr. Ich habe große Angst, dass ihnen etwas passiert. Ich wünsche mir sehr, dass sie auch nach Deutschland kommen können!“

Fathi sagt:

„Die Menschen in Deutschland engagieren sich sehr dafür, dass die Flüchtlinge hier gut aufgenommen werden. Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist sehr beeindruckend. Aber die Behörden machen das kaputt, wenn sie in Fällen wie bei Ali und Hussam nur die Bürokratie regieren lassen.“

Eine Bewohnerin des Hauses sagt:

„Bei allem Verständnis für die hohe Belastung in den Behörden: Wie kann man nur auf die Idee kommen, diese beiden Menschen zu trennen? Warum gibt es keinen Widerstand bei den Mitarbeitern gegen eine Regelung, die so etwas vorsieht? In diesen Tagen ist Bürokratieabbau mehr denn je gefragt. Wir erwarten von den Behörden, dass sie hier die Menschen sehen und nicht die Vorschriften. Sie hätten sogar rechtliche Grundlagen dafür*.
Wir werden nicht zulassen, dass man die beiden trennt. Wir möchten nicht länger unsere Kraft dafür verschwenden, GEGEN eine irrsinnige Regelung anzugehen. Wir möchten uns endlich DAFÜR engagieren, dass diese beiden Menschen hier richtig ankommen können und ihre Familie hoffentlich bald nachziehen wird.

*Inzwischen gibt es neben einer UN-Kinderrechtskonvention, die für Vertragsstaaten den Schutz der Familie vorsieht, auch ein Gesetz, das zum 1.11. erlassen worden ist: In § 42a (5) heißt es dort:

„Hält sich eine mit dem Kind oder dem Jugendlichen verwandte Person im Inland oder im Ausland auf, hat das Jugendamt auf eine Zusammenführung des Kindes oder des Jugendlichen mit dieser Person hinzuwirken, wenn dies dem Kindeswohl entspricht.“

Absurderweise haben viele Menschen im Augenblick die Sorge, dass nicht das Zusammenbleiben, sondern im Gegenteil die Trennung das ist, worauf die Ausländerbehörde „hinwirkt“.